39. Werdauer Waldlauf

Der Werdauer Waldlauf Marathon ist mein zweiter Aufbauwettkampf in der Vorbereitung auf den Night 52. Anders als der zurückliegende 6 Stunden Lauf möchte ich diese Veranstaltung als reinen Trainingslauf mitnehmen. Meine Zielzeit ist daher bescheiden, um die vier Stunden ist mein Ziel.

Inzwischen sind 29km gelaufen, der Hang den ich gerade hochlaufe zieht sich nun schon fast einen Kilometer lang, ein Blick zur Uhr bescheinigt mir eine aktuelle Pace von 4:30 Min/Km.

Wie dieser kurze Einblick aus dem Lauf zu meiner Zielzeit passt und ob das gut gehen kann, erfahrt ihr im folgendem Bericht.

Der Werdauer Waldlauf blickt auf eine lange Tradition zurück, bereits zum 39. Mal findet die Veranstaltung statt. Die Teilnehmerzahlen lassen einen eher familiären Lauf vermuten (2016 insgesamt 343 Starter), der Titel „Waldlauf“ – nunja – Wald und Landschaft. „Landschaft und nicht zu groß“ beschreibt meine Lieblingskriterien ziemlich gut, obendrein wohnen meine Schwiegereltern ganz in der Nähe, so dass sich der Lauf sehr gut mit einem Familienbesuch kombinieren lässt. Das niedrige Startgeld von nur 17 € für den Marathon ist ebenfalls ein Anreiz den Lauf mitzunehmen. Neben der Marathonstrecke werden noch 10km, Halbmarathon und eine 11km Wander- und Walking Runde angeboten, letztere wird meine Frau in Angriff nehmen.

Wir erreichen Werdau recht genau eine Stunde vor dem Start, ein Streckenposten weißt uns den Weg zum Parkplatz. Der Lauf findet auf dem Gelände einer Sportschule statt, so stehen auch Umkleidemöglichkeiten und Duschen in ausreichender Menge zur Verfügung. Organisiert wird der Lauf von einem Verein, in wie weit Sportschule und Lauforganisation zueinander in Verbindung stehen ist mir nicht ganz klar. Vom Parkplatz aus haben wir noch ein paar Minuten Fußweg zurückzulegen. Wir folgen zwei Läufern die sich anscheinend auskennen, zumindest gehen sie recht entschlossen an dem Straßenschild „Zur Sportschule“ vorbei weiter geradeaus. „Na hoffentlich wollen die wirklich zum Lauf und nicht zum Tennisplatz“ geht mir durch den Kopf, aber nach wenigen Minuten entdecke ich einen aufgesprühten Pfeil „Zum Ziel“ auf dem Boden, wir können also nicht falsch sein. Es geht eine kleine Rampe hinauf und an einer Sporthalle (die auch als Herren Umkleide dient) vorbei. Zu meiner rechten befindet sich ein Sportplatz mit Tartanbahn, hier befindet sich das Ziel. Vor dieser letzten kurze Rampe graut mir jetzt schon ein wenig wenn ich diesen Hang mit müden Beinen hinauf muss. Wir gehen noch etwas weiter bergan und erreichen die Sportschule, in einem Zelt nehme ich meine Startunterlagen entgegen während meine Frau sich für das Nordic Walking anmeldet (hier war keine Voranmeldung erforderlich/möglich). Mein Startpaket enthält, neben der Startnummer, auch einen Leihtransponder der am Handgelenk zu tragen ist. Der Transponder wirkt recht klobig und unbequem und ich mache mir Sorgen das, dass Teil beim Lauf scheuert. Soviel sei vorweg genommen, völlig unbegründet, vom Start bis zum Ziel habe ich völlig vergessen das ich das Teil am Arm habe.

Ich gehe mich umziehen, ich werde heute mit meinem Trinkrucksack laufen. Natürlich gäbe es auch auf der Strecke genug Versorgungspunkte aber der Rucksack bietet mir den Stauraum den ich brauche um alles mitzuschleppen was ich gerne dabei hätte: In erster Linie denke ich dabei an meine Wind- und Regenjacke denn das Wetter ist zur Zeit sehr unbeständig, gestern hat es sehr viel geregnet, heute soll es zwar weitgehend trocken bleiben, aber wer weiß… Außerdem kann ich so, trotz kühlen 5-6 Grad zunächst nur mit einer Schicht loslaufen und wenn es mir zu kalt wird habe ich noch die Jacke dabei. Die Wasserblase ist mit ca. einem Liter Wasser gefüllt, des Weiteren habe ich noch 2 Energie-Gels, einen Müsliriegel, Taschentücher und mein Handy als MP3-Player und Fotoapparat dabei. Ich bin also bestens gerüstet. Da ich inzwischen den Rucksack auch im Training fast immer dabei habe stört er mich ohnehin nicht. Training ist eine gute Überleitung zu meinen Zielen heute: Die sind praktisch nicht existent, der Lauf heute soll ein Trainingslauf werden. Entsprechend gab es auch kein großes Tapering, ich habe aber zumindest meinen Trainingsplan so gestaltet das diese Woche eine Erholungswoche ansteht, so dass ich nicht komplett unausgeruht an den Start gehe. Wobei Ruhewoche sehr relativ ist, seit dem wir wissen das bald Welpen bei uns einziehen stehen wir ziemlich unter Strom um die Vorbereitungen abzuschließen. Meine Taktik sieht daher so aus: Relativ wenig Tempokontrolle, die meisten der ca. 500 Höhenmetern verteilen sich, laut Streckenprofil, auf die ersten 30 Kilometer, fühle ich mich danach noch gut kann ich evtl. nochmal etwas anziehen und vielleicht endlich die Sub4-Mauer durchbrechen. Geschätzte Zeit: 4:00 bis maximal 4:15.
Der Marathon in unter 4 Stunden ist eine der möglichen Qualifikationen für den Taubertal100 den ich nächstes Jahr angehen möchte, inzwischen wurde mir jedoch bereits bestätigt das meine 61km vom 6 Stunden Lauf im März als Qualifikation anerkannt werden. Ich kann den Lauf hier daher wirklich locker und entspannt angehen.
Noch ein paar Worte zur Strecke: Die Strecke teilt sich in vier Bereiche auf: Wir werden zunächst zusammen mit den Halbmarathon Läufern gut 10 Kilometer in den Wald hinein laufen, während der Halbmarathon sich dann auf den Rückweg begibt stehen für uns Marathon Läufer noch zwei identische, ca. 10km lange, Runden im Wald an eh wir den gleichen Weg zurück nehmen den wir gekommen sind.

Die verbleibende Wartezeit verbringen wir in der gemütlichen Lobby der Sportschule, 10 Minuten vor dem Start gehen wir hinunter zum Startbereich der etwas tiefer an der Straße liegt. Mein Start ist schnell gefunden, was mir jedoch überhaupt nicht klar ist wo der Start für die Walker ist. Laut einer Streckenskizze auf der Homepage starten die Walker an einer anderen Stelle als die Läufer, jedoch gibt es weder Wegweiser noch Transparente o.ä. die einen zweiten Startort vermuten lassen. Die Walker starten zehn Minuten nach uns, weitere zehn Minuten später werden die 10km Läufer auf die Strecke gelassen. Wir fragen ein paar andere Walker die jedoch genauso ratlos sind wie wir, dann ist es für mich schon an der Zeit. „Noch eine Minute“ lautet die Ansage. Wie ich später im Ziel erfahren habe, sind die Walker am gleichen Ort gestartet wie wir. Ich platziere mich im Mittelfeld einer überschaubaren Läuferschar, da ich gedanklich noch bei der „Startsuche“ bin bekomme ich recht wenig vom Startgeplänkel mit, dann kommt der Schuss und der Tross setzt sich in Bewegung.

Werdauer Waldlauf 2017

Vom Start aus geht es direkt aufwärts, wir schlängeln uns an einigen Häusern vorbei in Richtung Ortsrand. Die Läuferkette ist noch recht dicht beieinander und auf dem ersten Kilometer fällt es mir noch schwer genug Raum zu finden, sehr eilig habe ich es aber ohnehin nicht. Am Ortsrand angekommen folgen wir nun einer Landstraße, den ersten Anstieg haben wir schon überstanden und es geht erst einmal eben dahin. Inzwischen hat sich das Feld etwas entzerrt und ich habe genug Platz zum Laufen oder kann zumindest problemlos überholen. Gut zwei Kilometer sind gelaufen und schon passieren wir den ersten Versorgungspunkt, scheinbar niemand macht von ihm Gebrauch, die Position kommt mir fragwürdig vor, zwar werden wir später den gleichen Weg zurück nehmen, aber auch zwei Kilometer vor dem Ziel werden hier nicht viele einkehren. Die Straße knickt nach links ab und wir verlieren die gewonnen Höhenmeter wieder, ich versuche mir die Strecke einzuprägen, auf dem Rückweg wird eben dieser Hang nochmal einige Kräfte fordern.
Wir erreichen den Ortsrand und mit ihm das Ende der Talfahrt, wir biegen nach rechts ab, vorbei an ein paar Strebergärten und nun hinein in den Wald. Der Waldweg ist breit und gut befestigt trotz des vielen Regens der letzten Tage lässt er sich hervorragend laufen. Mein Tempo liegt z.Z. bei etwa 5:30 / km, alles ok soweit, das fühlt sich sehr entspannt an. Ich beginne ein paar Fotos zu machen, zunächst noch aus dem Lauf heraus dann gehe ich dazu über kurz stehen zu bleiben um verwacklungsfreie Aufnahmen zu machen. Ich gehe nicht davon aus nach dem Abbiegen auf die Marathon Strecke noch häufig Läufer zu Gesicht zu bekommen (es waren lediglich gut zwanzig Marathon Läufer vorab gemeldet), wenn ich Aufnahmen mit Läufern möchte muss ich sie also jetzt, in den ersten 10 Kilometern, machen.

Werdauer Waldlauf 2017

Ich muss gestehen das ich mich mehrfach dabei ertappe das ich den Lauf heute nicht so richtig ernst nehme, ich bin noch nicht im Marathon drinnen. Laufe zu unregelmäßig (auch wegen der Fotostops) und vermutlich auch generell einen Zacken zu schnell, das ich noch über 35km vor mir habe will nicht so richtig im Kopf ankommen, da steht noch alles auf „kurzer Trainingslauf“. Es macht heute aber auch, trotz des eiskalten Winds der mir gerade um die Nase weht, einfach Spaß, alles so verführerisch einfach und locker. Natürlich gibt es die mahnende Stimme im Kopf „mach nur so weiter, wird ein hübscher Spaziergang auf den letzten Kilometern“, aber so richtig durchsetzen kann die sich heute nicht.

Werdauer Waldlauf 2017

Die Landschaft um mich herum ist monoton und abwechslungsreich zugleich: Monoton weil Wald, Baum an Bau, monoton auch das Streckenprofil, das führt alles im allen stätig sacht bergan, nur gelegentlich unterbrochen von kurzen gerade oder abfallen Abschnitten, oft sind die Wege schnurrgerade und erlauben einen weiten Blick bis die Strecke dann im rechten Winkel abknickt. Die Steigungen sind jedoch harmlos und bremsen mich heute nicht im Geringsten aus. Abwechslung bietet ebenfalls der Wald, hier da sind kleine Weyer am Streckenrand zu sehen, hübsch geschnitzte Wegweiser, eng aneinander gerückte Nadelbäume, dann wieder locker verteilt stehende Bäume. Es fällt mir schwer mich an Einzelheiten zu erinnern oder Einzelheiten bestimmten Wegstellen zuzuordnen, langweilen tut mich der Streckenverlauf aber zu keiner Zeit.

Werdauer Waldlauf 2017

So geht Zeit und strecke dahin, ich bin davon ausgegangen das die Halbmarathon Läufer auf einer Wendestrecke unterwegs sind, die Wendemarke der 10km Läufer haben wir bereits vor einiger Zeit hinter uns gelassen, aber noch immer ist mir niemand entgegen gekommen. Schließlich trennen sich unsere Wege, der Halbmarathon biegt nach links ab, für mich geht es geradeaus weiter. Anscheinend haben die Halbmarathon Läufer eine etwas andere Streckenführung.

Werdauer Waldlauf 2017

Wie erwartet lichtet sich das Feld, etwa hundert Meter vor mir kann ich einen Läufer ausmachen, etwa weitere 100 Meter vor ihm eine weitere dreier Gruppe die gerade links hinter einer Kurve verschwindet. Mit einem kurzen Blick zurück kann ich einen Verfolger ausmachen. Der Weg führt zunächst bergab, biegt dann scharf links ab und es geht etwas aufwärts nur um, eine Kurve später, in eine längere Bergabpassage einzumünden, der Wald ist zu meiner linken Seite, zu meiner rechten ist eine größere Lichtung, eine der wenigen offeneren Abschnitten der Strecke. Der Weg ist hier leider schwierig zu laufen, viele große Fützen, feiner Schotter und unebener Untergrund erfordern viel Aufmerksamkeit. Der Abstand zu meinem Vordermann bleibt weitestgehend konstant. Ich überlege ein paar Fotos zu machen möchte aber auf der anderen Seite nicht den Anschluss verlieren und dann ganz alleine meine Runden drehen. So verschiebe ich das Fotografieren gedanklich erst einmal auf Runde zwei. Meine Geschwindigkeit hat sich inzwischen bei etwa 5:00 eingependelt, aber noch immer fehlt von Anstrengung jede Spur. Nach der Lichtung geht es rechts ab, wir folgen einem gut ausgebauten Forstweg, es geht bergab und ich lasse es gemütlich Rollen. Unsere Taalfahrt endet an einer Wendemarke, das Abbremsen und nun wieder bergan laufen kostet ein paar Körner. Nach wenigen Metern geht es rechts ab und in den Wald hinein direkt auf den ersten von zwei größeren Buckeln zu. Hier merke ich deutlich, dass sich die vielen Höhenmeter, die ich in den letzten Wochen abgeleistet habe, auszahlen. Dieser Hügel ist flacher als die, die ich zu Hause regelmäßig laufe, entsprechend bereitet er mir keine Mühe. Ich verkürze den Abstand zu meinem Vordermann deutlich. Kaum haben wir den Hügel erklommen geht es, in einem lang gezogenen Abstieg, schon wieder bergab. Wir passieren die KM Tafel 25, die gilt für uns natürlich erst nächste Runde, ich präge mir die Stelle trotzdem ein, während dieses Abstiegs lässt es sich locker laufen, ein guter Ort um den mitgebrachten Müsli-Riegel zu verdrücken, die Gels möchte ich wenn möglich heute nicht nutzen, es ist ja nur ein Trainingslauf. Mein Vordermann gewinnt hier die verlorenen Meter wieder zurück und schon bald hat sich unser Abstand wieder auf das vorherige Niveau eingependelt.

Immer wieder entdecke ich offizielle am Streckenrand die scheinbar unsere Startnummern kontrollieren, man scheint sehr darauf bedacht zu sein sicherzustellen das niemand abkürzt, vermutlich gibt es viele Querverbindungen zwischen den Waldwegen die ein Ortskundiger ausnutzen könnte. Ich selber habe schon lange jede Orientierung verloren, laufe im Wald, Bäume zu allen Seiten, die Strecke ist zu jeder Zeit gut ausgeschildert so das ein Verlaufen unmöglich ist. Ab und an kommen mir Spaziergänger entgegen, die meisten schenken uns wenig Beachtung, der ein oder andere hält kurz inne um unser Treiben zu beobachten.

Die Abfahrt endet und wir erreichen den nächsten Hang, dieser ist schon etwas steiler und vor allem ziemlich lang, ich halte mein Tempo merke hier aber durchaus das dies ein paar Körner Einsatz mehr verlangt, 18km sind im Sack. Das Ende der ersten Marathon-Schleife sollte ich etwa mit der Halbmarathon Distanz erreichen, ewig lang kann der Anstieg also eigentlich nicht sein – denke ich zumindest. In der Tat zieht er sich fast 2km lang. Ich mache wieder deutlich Boden auf meinen Vordermann gut und auch aus der dreier Gruppe fällt ein Läufer zurück. Wir biegen scharf rechts ein und es wird erst flacher, dann geht es sogar ein Stück bergab, auf dem Abschnitt überholen wir den zurückgefallenen Läufer aus der dreier Gruppe, er sieht schon ziemlich geschlagen aus läuft aber noch, ohne gehässig sein zu wollen, noch immer kein Zeichen von Schwäche zu spüren lässt meine Laune direkt um ein paar Grad steigen – im Gegensatz zum Wetter gerade zieht ein eisiger Wind durch die Bäume. Zu meiner rechten kommen wir an einem hübschen kleinen Weiher vorbei, davon muss ich nun doch mal ein Foto machen (leider vergebens da unscharf). Nach dem kleinem See folgt die steilste Rampe die wir bislang hatten, sie ist dafür nicht lang, nach vielleicht 100 Metern ist sie bereits erklommen, ich bin gespannt ob ich auf Runde zwei noch genug Kraft in den Beinen haben werde um die Rampe ohne Geschwindigkeitseinbruch in Angriff nehmen zu können. Nachdem Erklimmen der Rampe geht es abermals rechts ab und in der Ferne kann ich bereits den Versorgungspunkt sehen, die erste Runde ist gleich erledigt. Der Weg auf diesem letzten Abschnitt ist unangenehm, viel feiner Schotter in dem zu versinken scheint, dazu recht schief, mehrfach wechsel ich von links nach rechts auf der Suche nach einer gut laufbaren Spur. Zum ersten Mal kehre ich heute an einem Versorgungspunkt ein und genehmige mir einen Becher Cola den ich mit meinem mitgeführten Wasser nachspüle, mein Vordermann legt einen längeren Stop ein und ich ziehe an ihm vorbei.

Als Pacemaker dient mir nun die Zweiergruppe die noch einige hundert Meter Vorsprung hat, regelmäßig verliere ich sie aus den Augen, auf den vielen langen geraden Stücken geraten sie aber immer wieder in mein Blickfeld. Erneut geht es an der Lichtung entlang, ich merke das ich zunehmend in den Rennmodus verfalle, ich möchte den Anschluss an die Gruppe wahren, scheinbar mache ich sogar langsam aber sicher etwas Boden gut. Mein Tempo ist, gerade hier auf den Abwärtspassagen deutlich unter 5 Minuten angekommen, noch immer fühle ich mich gut. Ich verzichte bewusst auf weitere Foto Stopps versuche lediglich ein paar Schnappschüsse aus dem Lauf heraus, ich gestehe mir zu das ich nicht mehr auf einem Trainingslauf bin, die Sub4 wird heute fallen. „Sofern du nicht die letzten 10km wandern musst wenn du weiter so hetzt“ Sagt eine mahnende Stimme in mir, auf die höre ich heute aber nicht, wenn es so kommt, kommt es eben so, ist ja nur ein Trainingslauf, ich habe nichts zu verlieren.

Werdauer Waldlauf 2017

Ich passiere ich die Lichtung, ein paar einzelne Regentropfen fallen auf uns herab, bislang war es kalt, teilweise windig, aber trocken, eigentlich recht gute Laufbedingungen, trotzdem habe ich langsam aber sich genug von dem Schmuddelwetter, der Frühling darf endlich kommen, im Augenblick hoffe ich jedoch einfach nur das es trocken bleibt. Ich passiere die Wendemarke und mache mich an den ersten Anstieg. Noch immer kein Zeichen von Schwäche, noch immer keine schweren Beine, noch immer Wald, immer noch wird der Abstand zur Gruppe von mir beständig kleiner. Als der Anstieg geschafft ist und es wieder bergab geht passiere ich die 25km Marke, ich erinnere mich an mein Vorhaben, und genehmige mir den Riegel. Während des schnellen Laufens brauche ich über einen Kilometer um diesen 30g Müsli-Snack in mini Bissen zu verteilen zu kauen und zu schlucken, ich bin froh das ich den Trinkrucksack dabei habe um im Anschluss nachzuspülen. Gels sind sicher effizienter, allerdings bin ich, seit dem 6 Stunden Lauf, auf der Suche nach einer Alternative, die weniger Süß ist um sie mit Gels zu kombinieren, die Müsliriegel vertrage ich bislang recht gut.

Der zweite Anstieg beginnt, in meinem Kopf erst einmal der letzte richtige Berg, danach kommt nur noch der Hügel kurz vor dem Ziel, aber bis dahin habe ich genug leichte Kilometer um mich zu erholen, ich nehme mir also vor an diesem Berg Tempo zu machen und an die zweier Gruppe aufzuschließen. Gut 28km sind gelaufen und ich wetzte mit 4:30 den Berg hinauf, so richtig locker ist das jetzt nicht mehr, zum ersten Mal fühle ich mich heute gefordert, aber ich sehe das es funktioniert. Ich mache schnell Boden gut und nicht nur das ich sehe das einer der Läufer aus der Gruppe vor mir zurückfällt, den werde ich in Kürze kassieren, das spornt an. Natürlich ist mir klar das noch reichlich Marathon Läufer vor uns auf der Strecke sind, aber mein Wettkampf findet hier statt und gleich werde ich mich auf Platz 2 vorschieben. Der Anstieg ist geschafft, erneut knickt der Weg rechts ein und ich mache einen Platz gut, der Läufer scheint am Ende zu sein, ist ins Gehen verfallen. Erneut komme ich am See vorbei und die letzte Rampe liegt vor mir – geht noch, aber das halten der Geschwindigkeit kostet jetzt merklich kraft – egal die Marathon Schleife ist gleich vorbei, danach folgen viele entspannte Kilometer.

Das letzte Stück zum Verpflegungspunkt lässt sich noch genauso schlecht laufen wie auf Runde eins, dann ist auch die zweite Marathon Schleife geschafft und ich schwenke auf den Rückweg ein. Den Stand lasse ich aus, habe ja mein eigenes Wasser dabei. Mein Vordermann entpuppt sich dabei als Vorderfrau, da sie einkehrt schiebe ich mich zwischenzeitlich auf Platz 1 meines persönlichen Wettkampfes. Etwa einen halben Kilometer später höre ich schnelle Schritte hinter mir und die Dame zieht zügig an mir vorbei, offensichtlich bin ich nicht der Einzige der eine Beschleunigung nach Kilometer 30 eingeplant hat. Ich kontrolliere meine Pace, noch immer deutlich unter 5 Min / Km. So gerne ich mich anhängen würde, hier gewinnt der Vernunft, die Gefahr eines Einbruchs wäre zu groß. Langsam zieht sie davon, dafür kommen zwei andere Läufer in Sichweite auf die ich scheinbar Boden gut mache. Gedanklich beginnt somit ein neuer Wettkampf, 10km sind zu laufen, ich bin auf Platz vier.

Noch immer fließt reichlich kraft, auch wenn ich mir eingestehen muss das ich für das aufrechterhalten meiner Geschwindigkeit inzwischen willentlich sorgen muss, ein Teil der Leichtigkeit ist anscheinend auf dem letzten Berg liegen geblieben. Meine Orientierung setzt hingegen aus, nur selten kommen mir Abschnitte bekannt vor, obwohl wir auf den gleichen Weg laufen auf dem wir gekommen sind wäre ich ohne die Streckenmarkierungen verloren. Nach etwa 35km mache ich einen Platz gut, während die Dame vor mir gerade die Führung übernimmt. Die 35km marke erreiche ich recht genau nach drei Stunden, um meine ursprüngliche Zielzeit von unter 4 Stunden zu erreichen könnte ich mir also ca. 8:30 Min/KM Zeit lassen, solange ich nicht stürze oder auf andere Weise abbrechen muss ist mir das nicht mehr zu nehmen.

Nun kommt mir ein Teil der Landschaft doch bekannt vor, eine markante Abfolge von zwei 90 Grad Kurven, an einer kleinen Lichtung, das Schild „Zum Ziel“ ist mir bereits auf dem Hinweg aufgefallen, ich werde in Kürze schon den Wald verlassen. „Nur noch 5km, noch so 25-30 Minuten, dann hast du es geschafft.“ Geht mir durch den Kopf, da erste Mal das ich heute „Nur noch“ denke und ein deutliches Zeichen das mein Höhenflug nun langsam aber sicher das Ende erreicht hat, ein wenig kämpfen werde ich jetzt noch müssen.

Tatsächlich erreiche in den Waldrand und laufe dabei auf den nächsten Läufer auf, so richtige Lust zum Überholen habe ich eigentlich nicht mehr, möchte mich nicht gejagt fühlen, denn sehr stark unterscheidet sich unsere Geschwindigkeit nicht. Dennoch geht es kurze Zeit später an den Strebergärten und besagtem Läufer vorbei, ein paar Zuschauer haben sich tatsächlich hierhin verirrt und feuern uns an, tut gut. Ich biege links auf die Landstraße ein und befinde mich am Fuß des letzten langen Anstiegs. Ich nehme ein wenig Geschwindigkeit zurück und verkürze meine Schritte, war der Anstieg auf dem Hinweg wirklich so lang? Ist mir gar nicht aufgefallen. Nach dem ersten Steilen Stück flacht der Anstieg zwar ab ist aber noch immer deutlich zu spüren, immer wenn ich denke „Hinter der nächsten Kurve ist es geschafft“ kommt hinter der nächsten Kurve der nächste mäßige Anstieg. Jetzt schlägt das Wetter auch nochmal um, war es bislang trocken geht nun eine Mischung aus Hagel und Regen auf uns herab, zum Glück nicht sehr stark aber es motiviert dennoch dazu sich zügig dem Ziel zu nähern. Ich lenke mich ab in dem Versuch meine Zielzeit zu berechnen, unter 3:40 sollte klappen, Wahnsinn!

Endlich komme ich am letzten Versorgungspunkt vorbei, auch dieses Mal kehre ich hier nicht ein, nehme lieber die Ideallinie auf der breiten Straße. Ich komme an ein paar Häusern vorbei, ist das schon Werdau? Nein noch nicht ganz, erst geht es nochmal an ein paar Feldern vorbei, dann flacht die Strecke weiter ab wird eben und vor mir kommt das Ortsschild in Sicht „Werdau“. Ab hier geht es nun nur noch bergab, ich nehme den Schwung mit und beschleunige nochmal etwas, um ein paar enge Kurven herum, an einer beeindruckenden Villa vorbei und schon taucht vor mir das Startbanner auf. An ein paar Zuschauern und Streckenposten vorbei geht es die letzte Rampe hinauf, dann auf die Tartanbahn für eine letzte Dreiviertel Runde.

Ich schaue mich nach meiner Frau um, ich bin deutlich zu früh erwarte sie daher noch nicht im Zielbereich, tatsächlich scheint sie mich von einem Pavillion weiter oben erspäht zu haben und wetzt gerade eine Treppe hinunter. Für ein Zielfoto leider zu spät, ich winke ihr zu und setzte für die letzte halbe Runde zu einem Schlusssprint an, durch die letzte Kurve auf die Messplatte zu, ein lautes Tröten bestätigt die Messung und es ist vollbracht!

Kaum abgebremst wird mit der Transponder abgenommen und eine Urkunde in die Hand gedrückt, 9ter Platz steht auf der Urkunde, ich freue mich und wanke, noch etwas atemlos, zu meiner Frau. Schnell tauschen wir das wichtigste aus, auch hier Lauf verlief super, Werdau scheint uns beiden zu liegen. Ich trinke noch etwas am spärlichen Finisher-Buffet und gehe mich dann umziehen, jetzt im Ziel ist mit in den nassen Klamotten doch ziemlich kalt.

Eine dreiviertel Stunde später: Wir sitzen zusammen mit einer überschaubaren Läuferscharr im Zelt in dem wir zu Beginn unsere Startnummern erhalten haben und folgen der Siegerehrung. Da die Siegerehrung getrennt nach Altersklassen stattfindet und das Marathon Teilnehmerfeld recht überschaubar war, bleiben einige Plätze des Treppchens sogar leer. Ein weiterer Grund für leere Positionen ist leider auch das viele zu ehrende nicht anwesend sind. Ob ich einen Platz erringen konnte weiß ich nicht mit Sicherheit, M30 ist i.d.R. eine stark vertretene Alterklasse und auch wenn ich heute meine persönliche Bestzeit um längen verbessert habe gehöre ich noch lange nicht zu den wirklich schneller meiner Klasse.

Schließlich ist es soweit, M30 wird aufgerufen und auch mein Name fällt, den dritten Platz konnte ich erringen und so steige ich zum ersten Mal auf ein Treppchen und nehme Bier und Duschgel als Trophäe entgegen.

Werdauer Waldlauf 2017

Ergebnisse:
Zielzeit: 3:35:27, Platz 9 / 38 insgesamt, Platz 3 / 5 in M30.
Susann: 11km Nordic Walking in 1:39:20. Platz 15 / 54.

Fazit

Es gibt Tage an denen klappt einfach alles, so ein Tag muss das heute gewesen sein. Vielleicht lag es auch daran das ich heute ohne konkretes Ziel angetreten bin und somit sehr entspannt und experimentierfreudig unterwegs war.

Die Veranstaltung selber hat ihre guten und ihre schwachen Seiten: Die Strecke hat mir gefallen und war hervorragend beschildert und abgesteckt. Die Verpflegungspunkte auf der Strecke hätte man teilweise besser positionieren können, das Angebot war soweit ich es gesehen habe ganz gut (ich habe die Meisten ja ignoriert): Wasser und Cola überall. An den größeren Punkten noch Tee, Obst und Schokolade. ISO habe ich nicht in Erinnerung, habe ich vielleicht aber auch einfach übersehen. Kilometertafeln gab es leider nur alle 5km, zumindest für die letzten 5 oder 10km hätte ich mich sehr über eine Tafel pro KM gefreut. Die Zielverpflegung muss man leider als mangelhaft beschreiben: Nur Wasser und Tee, allerdings konnte man zumindest für schmales Geld gegrilltes und Kuchen erwerben (was ich jedoch erst später, nach dem Umziehen gesehen habe) – dennoch zumindest noch ISO und noch ein paar Salzcracker o.ä. wären schön gewesen, dafür hätte ich im Zweifel auch gerne nochmal 2 Euro mehr gezahlt. Ebenfalls ausbaufähig ist die Beschilderung auf dem Gelände, also der Weg vom Parkplatz zum Startbereich und die Damenumkleide (zu der Susann sich den Weg erfragen musste da keine Schilder aufgestellt waren). Auch die Verwirrung um die zweite Startposition für die Walker hätte man leicht vermeiden können.

Den sehr geringen Preis (17 € für den Marathon und 4 € für die Walker) möchte ich nicht unerwähnt lassen. Ebenfalls erhält jeder Teilnehmer, statt einer Finisher Medaille noch ein Waldlauf-Handtuch.

Mir wird der Lauf auf jeden Fall in guter Erinnerung bleiben und trotz der kleineren Schwächen in der B-Note empfehle ich ihn auf jeden Fall weiter.

 

 

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