Fischen im Trüben – Die 50KM des RLT Rodgau

Für das Jahr 2018 habe ich mir einiges vorgenommen. Mein erster Aufbauwettkampf führt mich in das Örtchen Rodgau, ein Vorort von Frankfurt am Main. Ich muss zugeben, das meine Erwartungen bei der Anmeldung eher gering sind: 10 flache Runden zu je 5km warten auf mich. Die Entscheidung für den Lauf entsprang in erster Linie mangelnden Alternativen. Die Auswahl an Marathon Wettkämpfen im Januar ist überschaubar, an Ultras deutlich geringer. Einige Monate später lese ich in einer bekannten Laufzeitung folgenden Satz über die 50km von Rodgau: „Manche Veranstaltung genießen einen Kultstatus, und keiner weiß so recht, warum.“ Das stimmt mich neugierig: Was macht diesen Kult aus? Wird er auch mich in seinen Bann ziehen? Im Laufbericht findet ihr es heraus.

Hinweis: Eilige Leser können wie immer direkt zum Abschnitt „Das Rennen“ springen. Bilder können durch Anklicken vergrößert werden.

Sinn und Zweck

Meine härteste Herausforderung in diesem Jahr ist das „Goldsteig Ultra Race“. Ein Traillauf über 166km und 3300 Höhenmeter. Eine, für mich, gewaltige Aufgabe die eine lange Vorbereitung benötigt. Mein spezifisches Training für diesen Wettkampf hat mit dem Jahreswechsel begonnen, in Rodgau laufe ich den ersten von insgesamt sieben Aufbauwettkämpfen. Ich werde ohne echtes Tapering an die Startlinie gehen, etwa 50 Wochenkilometer habe ich bislang abgeleistet, nach dem Wettkampf werden es 100 sein. Entsprechend bescheiden ist meine angepeilte Laufzeit: 5 Stunden gestehe ich mir für diesen Wettkampf zu.

Vorbereitung

Der bisherige Aufbau verlief unstet: Die Menge an Wochenkilometer stimmte, entsprang aber vorrangig kurzen oder mittleren Trainingseinheiten, es fehlen lange Läufe. Immerhin gelingen in den letzten Wochen vor dem Wettkampf zwei Trainingsläufe über die Marathon Distanz. Dies stimmt mich durchaus optimistisch die heutige Herausforderung stemmen zu können. Respekt habe ich vor zwei Dingen: Zehn Runden sind nicht wenig und 5km nicht kurz. Mit vielen kurzen Runden kommt mein Kopf klar, aber wie sieht es mit den längeren Umläufen aus? Zweiter Punkt ist fehlende musikalische Abwechslung. Bei über 1000 Läufern auf dem Kurs ist ein Verbot von Kopfhörern zwar absolut verständlich, allerdings fehlt so Ablenkung von der erwarteten Monotonie.

Am Tag vor dem Rennen packe ich meinen Rucksack. Wichtige Dinge, ohne die man nicht fünf Stunden laufen kann: Wechselkleidung, Handschuhe, Mütze, Stirnlampe, GPS-Gerät, Ersatzbatterien, Notfallschlafsack, Erste-Hilfe-Set, Wasserfilter, faltbarer Hundenapf, diverse Energieriegel, gefüllte Trinkblase. Na gut, für Rodgau bräuchte ich das nicht. Ich werde einen Großteil der Goldsteig Pflichtausrüstung mit mir tragen um mich an das zusätzliche Gewicht zu gewöhnen. Knapp 5kg, bring der Rucksack so auf die Waage. Das ist weniger als ich befürchtet habe, maximal 8kg werden empfohlen, selbst mit den fehlenden Ausrüstungsgegenständen werde ich deutlich darunter bleiben.

Vor dem Start

Meine, knapp 160km lange, Anreise nach Rodgau verläuft erfreulich unproblematisch. Etwa zwei Stunden vor dem Start erreiche ich das Gelände. Hauptquartier des Laufes ist die örtliche Turnhalle. Um den Andrang zu verteilen, werden die Startunterlagen im benachbarten Tennis Club ausgegeben. Vier Schaltern stehen bereit, entsprechend schnell erhalte ich meine Unterlagen und ein Schlauchtuch als Startgeschenk oben drauf.

Mein Weg führt mich in die benachbarte Sporthalle, zum Aufwärmen. Das Thermometer zeigt 3 bis 4 Grad an, für Januar durchaus angenehm, im vorherrschenden dichtem Nebel fühlt es sich jedoch deutlich kälter an. In der Halle drängen sich die Bänke dicht an dicht, auch wenn zu dieser Zeit nicht einmal ein Drittel der Plätze belegt ist, ist absehbar, das es voll werden wird. Ein Beleg dafür wie rasant die Veranstaltung gewachsen ist. Im letzten Jahr zählt die Ergebnisliste etwa 800 Teilnehmer, in diesem werden es über 1200 sein.

Ich schlender einmal durch die Halle und besorge mir ein belegtes Brötchen als zweites Frühstück. Ebenfalls füge ich ein paar Münzen der Spendensammlung für Ursula Stoll hinzu. Ursula Stoll ist, oder besser war, Ultraläuferin und Triathletin und erlitt vor anderthalb Jahren während des Schwimmens eine Herzattacke, seit dem ist sie ein Pflegefall. Der Verein versucht auf diese Weise, ihre Familie, beim Begleichen der Reha und Pflegekosten zu unterstützen.

Nach und nach füllt sich die Halle, bekannte Gesichter entdecke ich zunächst nicht, dafür erkenne ich einige Laufshirts von Veranstaltungen. Vor allem ein Mann mit einem „I Run 661“ Shirt, aus dem vergangenem Jahr, fällt mir auf. Eben diese Challenge werde ich dieses Jahr unter die Sohlen nehmen, 661km im März laufend zurücklegen, ein Vorbereitungsevent auf das „Goldsteig Ultra Race“. Ausschau halte ich jedoch nach jemand anderem, jemand der heute nicht hier ist um zu laufen, sondern als Zuschauer das Rennen verfolgen, und mich anfeuern wird: Thomas. Wir schreiben im gleichem Forum und wie der Zufall es will, wohnt er nicht weit entfernt und so vereinbarten wir, uns hier zu treffen. Bei dem wachsendem Gewusel habe ich Sorge, ob ich ihn finden werde. Zunächst entdecke ich eine andere Bekannte, Tanya, wir haben uns auf dem Röntgenlauf kennen gelernt, nach einem kurzen Hallo verlangt die Bühne unsere Aufmerksamkeit. Einer der Organisatoren hält eine Ansprache, bedankt sich für unser kommen und ermahnt uns rechtzeitig zum Start aufzubrechen. Der liegt nicht hier auf dem Gelände, sondern befindet sich etwa 800 Meter entfernt.

Eine halbe Stunde bis zum Start: Thomas habe ich noch immer nicht entdeckt, langsam kommt Bewegung in die Masse, Grüppchen um Grüppchen macht sich auf den Weg zum Start. Ich beschließe, mich ebenfalls nach draußen zu begeben und dort noch ein paar Minuten zu warten. Kaum auf dem Weg nach draußen läuft er mir über den Weg, nach kurzer Begrüßung brechen wir gemeinsam in Richtung Start auf.

Auf dem Weg unterhalten wir uns, in erster Linie über läuferisches, Ziele und Wünsche. Thomas läuft noch nicht solange, schwimmt jedoch gerne und fährt Rad, die Olympische Triathlon Distanz ist daher eines seiner Ziele. Finde ich interessant, denn für mich müsste man einen Rettungsschwimmer extra abstellen, würde ich mich an einen Triathlon wagen. Das Startgelände ist schnell erreicht, neben einem großen Waldpavillon ist ein „Start/Ziel“ Banner über einen Fußweg gespannt. Die Zeit vergeht wie im Fluge, fünf Minuten vor dem Start verabschiede ich mich und nehme meine Position im Startfeld ein. Nachdem ich mich die letzten Male zu defensiv, zu weit hinten im Feld, eingeordnet habe, zieht es mich diesmal deutlich weiter nach vorne. Ich hoffe mir dadurch, ein paar Überholmanöver, auf der wahrscheinlich engen ersten Runde ersparen zu können, ohne selber zum Hindernis zu werden. Uhr vorbereiten und schon wird kollektiv der Countdown heruntergezählt.

Das Rennen – Runde 1

Mit dem Startschuss setzt sich das Feld in Bewegung und nimmt rasch fahrt auf. Im Vorbeilaufen ein Gruß an Thomas und die erste Runde beginnt.

Die erste Gerade nach dem Start.

Es geht geradeaus, zurück in Richtung Turnhalle durch ein Waldstück hindurch. Nach etwa vierhundert Metern biegen wir scharf rechts ab, wir laufen am Waldrand entlang, zunächst an einigen Tischen mit Eigenverpflegung vorbei, auf den Verpflegungsstand zu, den ich auf der ersten Runde, wie die meisten, ignoriere. Am Versorgungsstand geht es im neunzig Grad Winkel nach links ab. Wenige Meter später passieren wir die ersten von zwei Stimmungsposten: Ein Zelt an dem ein DJ sein Können zum Besten gibt. Kurz darauf ist der erste Kilometer geschafft. Der Feldweg führt stur weiter geradeaus, nach etwa einen halben Kilometer biegen wir, erneut im neunzig Grad Winkel, nach rechts ab und folgen einer weiteren langen Gerade. Nach einem halben Kilometer tauchen wir wieder in den Wald ein, passieren dabei eine kleine Holzhütte und wenig später die zweite Kilometer Tafel. Einen halben Kilometer geht es weiter geradeaus, frontal auf das zweite Stimmungscamp zu. Wir biegen wieder rechtwinklig nach links ab, Läufer kommen uns entgegen, ich befinde mich auf einer Wendeschleife. Etwa dreihundert Meter sind es bis zur Wendestelle, nach der Hälfte davon verlassen wir den Wald, es geht um ein paar Tische herum und auf den Rückweg. Erneut am Stimmungscamp vorbei und am Waldrand vorbei, Kilometer 3 ist geschafft. Wir lassen die Bäume hinter uns und laufen über offenes Gelände durch eine rechts, links Kurvenkombination hindurch auf das nächste Waldstück zu. Der Weg wird schlechter, tiefer Matsch der in den nächsten Stunden, malträtiert durch tausende paar Füße, sicher nicht weniger rutschig wird. Im Wald angekommen durchlaufen wir eine S-Kurve, bis wir eine lange Gerade erreichen. Zu unser linken ragt ein hoher Zaun empor. Vier Kilometer sind zurückgelegt. Etwa dreihundert Meter folgen wir den Zaum, dann biegen wir rechts ab und sind wieder in Richtung Ziel unterwegs. Kurz vor dem Zieltor lichtet sich der Wald, gibt den Blick auf einen Spielplatz zur Linken frei. Ein Piepser bestätigt das meine erste Runde erfasst wurde, Blickkontakt und Gruß in Richtung Thomas und weiter.

Durch den Nebel (etwa bei KM 1,5)

Soviel zur Wegbeschreibung, doch wie erging es mir in Runde eins? Wie erwartet war das Feld zunächst komprimiert, so dass ich weniger auf meine Umgebung als auf die Füße des Vordermanns konzentriert war. Viel zu sehen gab es aber ohnehin nicht: Dichter Nebel liegt über der Strecke und verschluckt nach wenigen Metern alles um mich herum. Meine Geschwindigkeit ist, trotz anfänglichen Stockungen, zu schnell. Nach 27:52 überquere ich die Ziellinie. Ohne zu wissen warum schieße ich ein Foto der Uhr und nehme mir vor das am Ende jeder Runde zu tun.

Bei KM 0.5

Die Runden zwei bis vier

Nach und nach zieht sich das Feld aufeinander, freies leichtfüßiges Laufen. Ein Blick zur Uhr bestätigt was ich schon weiß: Ich bin zu schnell unterwegs, knapp über 5 Minuten benötige ich pro Kilometer. Am Versorgungsstand schnappe ich mir einen Becher Tee, werde ich bis auf weiteres jede Runde so handhaben. Ich versuche, die Geschwindigkeit, zu kontrollieren, was mir nicht gelingt. Fürs erste nehme ich es hin, überlasse das Tempo meinen Beinen, im Wissen, das ich dies auf den letzten Runden bereuen werde.

Versorgung

Ich befinde mich hinter der Wendemarke, auf dem Weg zur S-Kurve als ich jemanden rufen höre „Erster Mann“, ein Fahrrad bahnt sich einen Weg durch die Läuferkette um den Führenden, ungehindertes Vorankommen zu ermöglichen. Unglaublich, natürlich habe ich damit gerechnet, überrundet zu werden, aber nach nur anderthalb Runden? Mit kräftigen weit ausholenden Schritten fliegt der junge Mann an mir vorbei und ist nur wenige Sekunden später im Wald vor mir verschwunden. Ich selbst beende meinen zweiten Umlauf in einer Zeit von 27:11.

Über offenes Gelände (Kurz nach KM 3)

In Runde drei fällt sie mir auf, vermutlich hat sie aber auch schon die ersten zwei Umläufe dort gestanden: Eine Frau kurz vor den Tischen mit Eigenverpflegung. Unermüdlich klappert sie mit ihrer, „Klapperhand“ (wie auch immer man die Teile eigentlich nennt) und verschenkt aufmunternde Worte an uns. Um es vorwegzunehmen: Bis zum bitteren Ende wird sie ausharren, eine beeindruckende Leistung, es würde mich nicht wundern, wenn ihre Arme morgen schwerer sind, als die Beine mancher Läufer.

Treue Begleiter

Wie die Runden zuvor nehme ich viele Fotos auf, versuche dadurch, das Tempo zu drücken, mit leidlichem Erfolg. Kurz nach dem ersten Kilometer bietet ein Mitläufer an, ein Bild von mir zu schießen, ein Angebot, das ich gerne annehme. Ansonsten passiert die Runde nicht viel: Monotonie stellt sich ein. Um trotzdem guter Dinge zu bleiben, setze ich mir ein erstes Zwischenziel: Halbzeit nach fünf gelaufenen Runden, davon ist schon mehr als die Hälfe geschafft, klingt schon gar nicht mehr so weit. Selbstbeschiss ist ein verlässliches Hilfsmittel auf ultralangen Strecken. Für Runde drei brauche ich 27:19.

Ein Wink in Richtung Thomas, der noch immer mit einer kleinen Schar Zuschauern im Startbereich die Stellung hält, dann geht es auf Runde vier. Der Nebel will nicht weichen, ist maximal ein wenig lichter geworden. Generell macht mir das Wetter inzwischen zu schaffen. Mit geschlossener Jacke schwitze ich, ein Grund ist mein nach wie vor zu hohes Tempo, mit offener Jacke beginne ich rasch auszukühlen. Eine einzelne warme Schicht wäre heute angemessener, hätte ich dabei, wie so viel anderer Krempel in meinem Rucksack. Vorerst ist die Not noch nicht groß genug um die Zeit für einen Kleiderwechsel zu opfern, ich behelfe mir mit häufigen öffnen und schließen der Jacke. Der volle Rucksack behindert mich bislang in keinerlei Weise, das Gewicht verteilt sich so gut, dass ich es kaum bemerke.

Zweites Stimmungscamp

Stimmung wurde versprochen, gefunden habe ich sie bislang maximal in Ansätzen. Am zweiten Musikstand legt sich dessen Belegschaft dafür richtig ins Zeug und tanzt zur dargebotenen Musik. Eine weitere Stimmungskanone kommt die Strecke entgegen: „Das sieht gut aus, Hop! Hop! Hop!“ So versuche ich vielleicht, meine Hunde, am Berg anzutreiben, wenn ihm die Puste auszugehen droht. Im Augenblick ist schneller, das Letzte, was ich brauche. Ich laufe auch so schon ins Verderbnis, wie eine Rundenzeit von 27:08 bestätigt. Meine schnellste Zwischenzeit.

In Richtung Ziel (KM 4.5)

Die Runden fünf bis sieben

Die Strecke hatte sich auf den letzten Runden merklich geleert, jetzt wird es wieder voll. Ich habe das Ende des Feldes eingeholt und es ist an mir zu überrunden. Ein Problem ist das nicht, die Strecke ist breit genug, nur in der Wendeschleife muss ich mein Tempo etwas reduzieren und eine Gelegenheit zum Überholen abpassen. Im Augenblick ist mir dies alles eine willkommene Abwechslung. Ich studiere Trikots, viele Vereine sind unterwegs und ich mache mir einen Spaß daraus die Welt der Abkürzen zu entschlüsseln. Neben dem Klassiker „e.V.“ finden sich viele weitere Buchstabenkombinationen: „LC“, „LT“, „ULT“, „RC“, „URC“, „LA“ um nur einige zu nennen. Der Anteil an Vereinsläufern ist hoch, so auch das Leistungsniveau vieler Läufer. Man sieht das schon deutlich am großen Aufgebot an Eigenverpflegung, auch Helfer stehen hier parat um ihren Schützlingen geöffnete Energiegels oder Trinkflaschen zu reichen. Deutlichstes Indiz sind auch die vielen Läufer, die mich, dabei locker plaudernd, regelmäßig überrunden.

Eigenverpflegung

Inzwischen habe ich einen Lieblingsabschnitt: die S-Kurve im Wald, kurz vor Kilometermarke vier. Eine der wenigen Abschnitte die sich nicht als lange Gerade vor mir auftuen. Wenig später durchquere ich zum fünften Mal den Torbogen, 27:38 habe ich für diesen Umlauf benötigt. Die Sprecherin stellt mich namentlich vor, mit der Aussprache meines Vereins, „Dogmotion Bayern“, tut sie sich schwer. Oder ist es Verwunderung darüber wie Hunde und Ultralauf zusammen passen? Zumal ich ohne Vierbeiner unterwegs bin. So oder so, Halbzeit!.

Die S-Kurve

In der Tat ist zur Zeit eine Szene Rund um das Thema „Laufen mit Hund“ im Entstehen, „Canicross“ oder „Vulcanicross“ nennen sich diese Veranstaltungen die sich steigender Beliebtheit erfreuen (Oder „Dog Trekking“ für Langstreckenwanderungen mit Vierbeiner). Ich beabsichtige, in den nächsten Jahren, an solchen Wettkämpfen teilzunehmen.

Auf den Wald zu, bei KM 3,5

Die nächste Runde, größte Veränderung: Am Verpflegungsstand greife ich dieses Mal zur Cola. Obwohl ich die Geschwindigkeit ohne größere Willensanstrengung halte, spüre ich, dass die Leichtigkeit verloren gegangen ist. Ein kleiner Vorgeschmack für das was mir dir die nächsten Runden bevorsteht. Die Quittung für das zu schnelle Tempo. Mangels anderer Ablenkung beäuge ich meine Mitläufer, von alt bis jung, durchtrainiert bis füllig, sind alle Schichten vertreten. Eine junge Frau fällt mir dabei besonders auf, denn sie läuft auf Krücken. In einem beständigen Wechsel, aus Gehen und Laufen, macht sie Boden gut. Akutes oder chronisches Leiden? So oder so schwanke ich zwischen Respekt vor der Willenskraft sich auf diese Weise dem Wettkampf zu stellen und der Frage nach der Vernunft des Unterfangens. Eine Frage auf die ich, auch mangels Kenntnis des Hintergrunds, keine Antwort zu geben vermag.

Auf dem Weg zur Wendemarke

Eine weitere Überlegung während dieser Runde ist meine erwartete Zielzeit. Ursprünglich habe ich fünf Stunden angepeilt, für die erst Hälfte habe ich etwa 2:18 benötigt. Die bisherige Zeit zu verdoppeln wäre naiv, der Kräfteverfall wird mich in den nächsten Runden zu einer langsameren Geschwindigkeit zwingen. Eine Zeit von 4:40 erscheint mir realistisch und ist von nun an mein erklärtes Ziel. Den sechsten Umlauf beende ich nach 27:29.

Kurz vor KM 2

Thomas ruft mir zu „Du bist zu schnell“, er wollte ein Foto aufnehmen, hatte mich jedoch erst später erwartet. Recht hat er. Die siebte Runde hält keine Überraschungen für mich bereit: Die Frau mit der Rappelhand rappelt, am Versorgungsstand gibt es wieder Tee, der „Hop Hop“ Mann ist noch da, es ist nebelig, die S-Kurve ist noch immer mein liebster Teil der Strecke und im Ziel schieße ich ein Foto von der Uhr. Ich spüre, dass ich etwas langsamer geworden bin, die Rundenzeit bestätigt diesen Eindruck, 27:55 werden für meine siebte Runde verbucht. Mein treiben mit der Kamera ist inzwischen der Moderatorin aufgefallen: „Mit der Starnummer 64, Martin Leimbach, ja und wieder ein Foto.“ Verkündet sie bei meinem Einlauf.

Erstes Stimmungscamp (KM 1)

Die Runden 8 und 9

Drei Runden liegen noch vor mir. Thomas fängt mich kurz hinter dem Start ab, er macht sich auf dem Heimweg. Ich bedanke mich kurz, ein Handschlag, dann schickt er mich weiter. Ich habe mich sehr über sein Erscheinen gefreut, eine kurzer Blickkontakt, ein Gruß zu jeder Runde sind Dinge auf die man sich bei beständig wachsender Monotonie Freud.

Wendepunkt (KM 2.5)

Es liegen 15 Kilometer vor mir, mein nächstes Zwischenziel ist der Marathon. Noch anderthalb Runden bis dahin. Am Versorgungsstand greife ich, dieses Mal, bei den Keksen zu, ein wenig zusätzliche Energie schadet nicht. Früher habe ich feste Nahrung, aus Angst vor Magenproblemen, gemieden. Inzwischen habe ich gute Erfahrungen gesammelt und gehe das Thema entspannter an. Eine Station weiter, am ersten Stimmungscamp, hat man inzwischen einen Grill aufgebaut und es riecht verlockend nach Würstchen, das wäre jetzt aber doch etwas zuviel des Guten, also lieber schnell weiter.

Etwa bei KM 2

Im nächsten Waldabschnitt lege ich eine kurze Toilettenpause ein, die ist schon seit einigen Runden überfällig. Erwähne es nur, damit ihr euch nicht über die Rundenzeit von 28:54 wundert. Das Wiederanlaufen ist schwerfällig, aber schon bald finde ich zu altem Trott zurück. Kurz vor meinem Lieblingsabschnitt werde ich erneut von der führenden Frau überrundet, wenige Minuten später steht sie glücklich als Siegerin im Ziel, während ich mich auf Runde neun begebe.

Auf dem Weg zum Sieg (S-Kurve, vor KM 4)

Nur noch zehn Kilometer, nur noch etwas mehr als zwei bis zum Marathon. Dies ist mein Mantra zum Beginn der Runde. Inzwischen kenne ich jeden Meter der Strecke. Aus Monotonie ist handfeste Langeweile geworden. Die Zeit dehnt sich gefühlt endlos dahin, nichts lenkt von der sich langsam ausbreitenden Mattigkeit ab. Selbst der „Hop Hop“ Mann ist nicht mehr da, jetzt wo die schnellen im Ziel sind, hat er scheinbar seine Unterstützung eingestellt, nur die Frau mit der Klapper bleibt unermüdlich. Ich vermisse meine Musik, die hat mich in solchen Situationen schon oft über müde Phasen hinweg geholfen. Bei leibe nicht alle halten sich an das Verbot, einige mit Kopfhörern sind mir in den letzten Stunden untergekommen. Hilft mir aber auch nicht weiter, die Regeln einzuhalten ist Ehrensache.

Marathon erreicht

Ich überschlage die Zeit, 4:40 ist noch immer realistisch, wenn ich nicht viel langsamer werde. Das Tempo zu halten kostet mich inzwischen einiges an Willenskraft. Endlich die zwei Kilometer Marke vor mir, 200m bis zum Marathon, dann passiere ich die Tafel mit dem „M“ und habe meinen achten Marathon im Wettkampf abgeschlossen. Ein kurzer Moment der Freude dann hat mich die Monotonie wieder fest im Griff. Runde neun hat mir zugesetzt, das bestätigt auch die Uhr, 28:51 bescheinigt sie mir.

Auf das Ziel zu

Die letzte Runde

Ein letztes Mal durch den Startbereich, ein letztes Mal durch die Rechtskurve und in Richtung des Verpflegungsstandes. So in der Art, habe ich mir, meine Gedanken auf dieser Runde vorgestellt. In Wahrheit denke ich nichts dergleichen. Ich kann es mir nicht schön reden: Ich bin müde und sehne mir das Ziel herbei. Die Wunschzeit sausen lassen, einfach locker die letzten Kilometer zurücklegen, das klingt verlockend. Mein ursprüngliches Ziel, von fünf Stunden, könnte ich selbst auf einem Bein hüpfend nicht mehr verfehlend. Für was quäle ich mich weiter? Um genau so etwas zu üben, lautet die schlichte Antwort. Weiterlaufen gegen innere Umstände, eine Fähigkeit, die ich mir für ultralange Strecken aneignen muss.

Eines ist mir auf dieser letzten Runde aber ein Anliegen: Ich bedanke mich bei der Frau mit der Klapperhand. Ihr Einsatz ist, nach Thomas, mein persönliches Stimmungshighlight auf diesem Wettkampf.

Unermüdlich

Immer wieder Blicke ich zur Uhr, überschlage die verbleibende Zeit, sieht gut aus, sollte klappen, lautet die schlichte Einschätzung. Dennoch ziehe nach der Wendemarke noch einmal an, mobilisiere letzte Kräfte. Es gelingt! Durch die S-Kurve hindurch auf die lange Gerade, noch ein Kilometer, die Monotonie verschwindet, macht Vorfreude auf das bevorstehende Finish platz.

Am Zaun entlang (KM 4)

Ich näher mich dem Ende der Geraden als ich Zeuge eines unschönen Zwischenfalls werde: Ein Auto kommt uns entgegen, auf der, gesperrten Wettkampfstrecke. Ein Läufer vor mir macht seinem Unmut lautstark Luft, statt kleine Brötchen zu backen, pöbelt der Autofahrer aggressiv zurück, lässt gar den Motor einmal aufheulen. Zu einem früheren Zeitpunkt hätte ich vielleicht aktiver reagiert, aber nicht jetzt, sich ärgern kostet Kraft, die brauche ich für den Zieleinlauf. Die Uhr rückt ins Blickfeld, springt gerade auf 4:39 um. Mir bleiben noch 60 Sekunden. Das klappt! Ich krame die Kamera aus der Tasche, für das finale Uhrenfoto, löse bei 4:39:17 aus, auf der Urkunde wird später genau 4:39 als Nettozeit stehen. Ich laufe die letzten Schritte über die zwei Zeiterfassungsbalken und höre die Moderatorin. „Auch im Ziel die 64, Martin Leimbach, Dogomotion Bayern. Ganze 15 Minuten schneller als geplant. Herzlichen Glückwnsch!“

Im Ziel

Man reicht mir eine Plastikfolie zum Warmhalten, der ein oder andere Zuschauer applaudiert beiläufig. Mich zieht es unter den Pavillon zum Finisherbuffet. Jetzt wo ich stehe, ist mir fürchterlich kalt, zum Glück gibt es warmen Zitronentee. Ich melde kurz den Erfolg an meine Frau, schnappe mir einen Becher für unterwegs und sehe zu, das ich in die warme Halle komme.

In der Halle angekommen erhalte ich, auf denkbar unfeierliche Weise meine Finishemedaille ausgehändigt: Drei Euro reiche ich dafür über den Tresen und bekomme das Stück Metall, in Folie eingehüllt, in die Hand gedrückt.

Ein paar Minuten wärme ich mich auf, dann trete ich die Heimfahrt an.

Fazit

Im Wesentlichen gibt es nichts an der Veranstaltung auszusetzen: Die Organisation klappt reibungslos, Verpflegung auf der Strecke und im Ziel ist vorbildlich, das Startgeld überschaubar. Positiv zu erwähnen ist, das auch die Zuschauer mit warmen Getränken versorgt wurden, wie ich später von Thomas erfahren habe. Verliebt in die Strecke habe ich mich nicht, dafür bot sie zuwenig Abwechslung. Auch der Kult von Rodgau ist nicht zu mir durchgedrungen, wenn ich jedoch wieder einen langen Lauf im Januar benötige, kann ich mir durchaus vorstellen hier erneut zu starten.

Mit meiner Zeit bin ich zufrieden, mit der Krafteinteilung nicht. Durch mein zu hohes Anfangstempo habe ich mir die letzten Runden unnötig schwer gemacht. Gut zurechtgekommen bin ich mit dem Zusatzgewicht des Rucksacks, das habe ich mir unangenehmer vorgestellt.

Ergebnis:
4:39:00, Platz 206 Gesamt, Platz 34 in M35.

Nächste Station: Die „I Run 661“ Challenge und darin eingebettet das Trainingsevent „Infinity Loops“. Der ursprünglich für März geplante sechs Stunden Lauf in Nürnberg findet dieses Jahr leider nicht statt, so das ich kurzfristig umplanen musste. Mehr zu der Challenger und dem Loop in Kürze hier im Blog.

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