Die drei ??? Und der Night52

Zugegeben, dieser spezialgelagerter Sonderfall spielt nicht im fiktiven Rocky Beach, sondern im beschaulichen Örtchen Bretten in Baden-Württemberg, nicht weit von Karlsruhe. Meine Fragezeichen hören auch nicht auf Justus, Peter und Bob sondern könnten Namen wie „Verletzung“, „Ausdauer“ oder „Strecke“ tragen. Ob das Abenteuer  über 52km und gut 900 Höhenmetern dennoch gelingen konnte erfahrt ihr im folgenden Bericht.

Was bisher geschah

Der Night52 ist mein Jahresziel. Der Wunsch diese Strecke zu laufen entstand recht spontan vor nicht ganz einem Jahr. Inspiriert von einem Laufbericht von Udo Pitsch und meiner Vorliebe für das Laufen in der Dämmerung und der Nacht. Damals bereitete ich mich gerade auf meinen ersten Marathon vor. Der Night52 war somit bereits ein sehr ehrgeiziges Ziel an einem noch weit entfernten Horizont. Dennoch oder gerade deswegen, hat mir dieses Ziel dabei geholfen viele harte Trainingseinheiten im tiefsten Winter durchzustehen.

Wichtige Zwischenschritte auf dem Weg nach Bretten waren für mich der 6 Stunden Lauf in Nürnberg, sowie der Rennsteig Marathon. Beide Läufe liefen alles im allen sehr sehr zufriedenstellend für mich, ich sah mich daher nach dem Rennsteiglauf auf dem besten Weg für den Night52.

Eine Woche nach dem Rennsteig begann jedoch meine Hüfte zu schmerzen, ärztliche Diagnose: Sehnenentzündung am Beckenkamm. Es folgten zwei Ruhewochen, mit Schwimmübungen versuchte ich an Ausdauer zu retten was zu retten war, die Schmerzen nahmen ab verschwanden aber nicht ganz was den Ausfall von weiteren Trainingseinheiten zur Folge hatte. Erst seit ca. etwa 2 Wochen bin ich wieder schmerzfrei, ein paar Testläufe offenbarten unterschiedliches: Kraft scheint noch da zu sein, aber die Ausdauer hat spürbar gelitten. Ein weiteres Problem in den letzten Trainingswochen war das Klima, Temperaturen deutlich jenseits der dreißig Grad Marke haben mir schwer zugesetzt. Ich hoffe daher auf deutlich milderes Klima am Wettkampftag. Die letzten Tage gaben Grund zur Hoffnung: Auf die vielen heiße Tage der letzten Wochen folgten Regen und angenehmere Temperaturen, allerdings häufig auch gewittrige Schwüle. Schließlich verspricht der Wetterbericht für den Samstag Abend Temperaturen um die 20 Grad bei leichter Bewölkung – damit könnte ich sehr gut leben.

Ein weiteres, wenn auch deutlich angenehmeres, Trainingshindernis war unser Familienzuwachs: Am 7.7. sind Amak und Tuaq bei uns eingezogen, doch auch die Wochen davor waren geprägt durch viel Stress und harter körperlicher Arbeit: Untergrabschutz einsetzen, Zäune errichten, Zwingergebäude aufbauen, Welpen beim Züchter besuchen, organisatorisches wie Versicherungen abklären. Alles geschafft und nun, eine Woche nach dem Einzug, stellt sich langsam aber sicher etwas Routine als Hunde-Zieheltern ein.

Ziele und Strategie

Es ist klar das der Trainingsausfall ein Festhalten an meinem ursprünglichen Zeitziel unmöglich macht, dieses lag bei „irgendwas unter 5 Stunden“. Dies hätte im letzten Jahr gereicht um im vorderen Viertel zu finishen. Mein neues Minimalziel fällt nun deutlich bescheidener aus: „Noch am Samstag das Ziel erreichen“, da der Start auf 17:45 festgelegt ist bedeutet dies das ich 6:15 Zeit habe, was einer Pace von etwa 7:24 Minuten pro Kilometer entsprechen würde. Zugegeben, ich hoffe das ich etwas schneller unterwegs sein werde, 5:30 (Pace 6:21) wäre schön, 5:15 (Pace 6:04) halte ich unter den gegebenen Umständen für zu ambitioniert.

Meine Strategie ist relativ einfach: Die ersten 15km mit angezogener Handbremse starten. Dies hat zwei Gründe: Laut Streckenprofil liegen die stärksten Anstiege in diesem Abschnitt, zum anderen ist es zu dieser Zeit noch am wärmsten. Im Anschluss heißt es dann: Wohlfühltempo finden und regelmäßig Energie nachführen.

Vor dem Start

Meine Sporttasche ist schwer geworden: Neben einem Satz kurzer Laufkleidung schleppe ich noch Duschzeug, Schlafsack und Iso-Matte mit, dazu der Laufrucksack mit 6 Beuteln Energie Gel und einer dünnen Regenjacke, Wechselkleidung für nach den Lauf sowie etwas Verpflegung. Des Weiteren steht eine gepackte Kühlbox mit Getränken parat. Ich plane An- und Abreise prinzipiell ohne Übernachtung, möchte aber alles dabei haben um zur Not eine Nacht biwakieren zu können, sollte ich nach dem Lauf mich nicht mehr in der Lage sehen noch zwei Stunden Autofahrt auf mich zu nehmen.

Ein Blick auf den Verkehrsbericht lässt nichts gutes erahnen, gleich auf mehreren Autobahnabschnitten die ich vorhatte zu nehmen sind lange Staus gemeldet. Ich entscheide mich daher für die sicherere Variante und nehme gleich die Landstraße. Gegen 12:30 breche ich auf, Google schätzt eine Fahrzeit von gut drei Stunden für die gut 200km lange Strecke, Start ist erst um 17:45 aber nach der langen Fahrt möchte ich mich noch etwas Zeit haben um mich auszuruhen eh es an den Start geht, außerdem habe ich so noch genug Puffer für eventuelle Verzögerungen.

Die Fahrt zieht sich: Ortschaft um Ortschaft, schmale Straßen, Baustellen, Umleitungen, Trecker und Sonntagsfahrer zerren an meinen Nerven – trotz alledem: Google hält Wort, gegen 15:45 erreiche ich Bretten und weniger später den in der Ausschreibung angegebenen Parkplatz. Ich folge dem beschriebenen Fußweg zum Sportgelände des TV Bretten.

Schon jetzt sind einige Sportler und Zuschauer anwesend. Neben dem Night52 werden noch unterschiedliche Kinder sowie ein 5km und ein 10km Lauf angeboten. Die ganze Veranstaltung findet im Rahmen der Sportwoche statt und soviel sei vorweggenommen, die Region feiert die Woche und ihre Athleten ausgiebig! Ich schlender am Marathon Tor sowie einem Spielplatz vorbei auf das Gelände des TV Bretten, in der Sporthalle nehme ich wenige Minuten später meine Startunterlagen entgegen.

In den Umkleideräumen nehme ich zunächst den Inhalt des Startbeutels in Inspektion: Ein paar der übliche Werbebeilagen, ein Powerbar Riegel, Traubenzucker, ein Schwamm für die Wasserbecken an den Versorgungspunkten, ein praktisches Startnummerband von der Sparkasse, natürlich die Startnummer selbst und auch schon das Finisher Shirt (normales T-Shirt, keine Funktionskleidung) – was mache ich eigentlich damit falls es heute nicht zu einem Finish reicht? Hundespielzeug? Ebenfalls enthalten ist ein in Folie eingeschlagener Flyer der Notfallrufnummern, Streckenplan, Höhenprofil und Lage der Versorgungspunkte umfasst, eines von vielen positiven Details der Organisation.

Ich bin noch nicht ganz fertig mit sortieren als weitere Läufer eintreffen, wir kommen ins Gespräch und unterhalten uns über die vergangenen Läufe. Wie so oft vergisst man dabei nach dem naheliegendsten zu Fragen: Dem Namen. Ich erfahre das er das letzte Jahr leider aufgeben musste, eine Folge des Wetters. Letztes Jahr hatte es hier deutlich über dreißig Grad, bislang hält der Wetterbericht Wort: Die Temperaturen liegen gefühlt bei um die zwanzig Grad dazu stehen einige Wolken am Himmel. Dennoch macht mich das natürlich nachdenklich, hätte es noch eine weitere Warnung gebraucht das es heute hart wird – das wäre sie gewesen. Ich bekomme noch ein paar weitere Tipps zur Renneinteilung: Die ersten 13-14km sind zwar die steilsten aber auch danach kommen noch einige harte Anstiege, vor allem später in den Weinbergen, also bloß nicht zu schnell los laufen. Unterm Strich entspricht das meinem Vorhaben, so bekommt der Plan aber nochmal etwas Nachdruck, ich bin jedenfalls dankbar für jeden Tipp.

Gegen 17 Uhr geht es zur Laufbesprechung, wieder in der Turnhalle wo die Startunterlagen ausgegeben wurden. Nach und nach trudeln weitere Läufer ein, im Vorfeld waren etwas über 100 Einzelstarter gemeldet, beim Start ist von ca. 140 die Rede, anwesend sind vielleicht 60 oder 70. Viel zu erklären gibt es aber ohnehin nicht, es werden die Wegweiser vorgestellt, neben den Tafeln gibt noch grüne Pfeile auf der Straße. Für mich neu, bislang konnte ich mich darauf verlassen das immer andere Läufer in Sicht sind an denen ich mich orientieren kann, heute ist es nur eine Frage der Zeit bis ich mehr oder weniger alleine auf der Strecke sein werden, gut 100 Läufer auf 52km verlieren sich schnell. Ich muss also aufpassen keine Wegweiser zu verpassen. Ebenfalls wird noch einmal auf die Notfallrufnummern verwiesen und es erfolgt noch der Hinweis das die Strecke nicht abgesperrt ist, wird also auf den Verkehr achten müssen. Es gibt jedoch mehrere offizielle Radler die ein Auge auf uns werfen werden.

Nach gut fünf Minuten ist alles gesagt und es verbleibt noch eine gute halbe Stunde bis zum Start. Ich nutze die Zeit um mich noch etwas umzusehen. Auf dem Sportplatz hinter dem Vereinsheim wird bereits gefeiert, Besucher und Läufer scharren sich um Biertische, Grillbuden und einer Bühne, es herrscht bereits gute Stimmung. Im Startbereich finden gerade die Kinderläufe statt. Ich verbringe so die verbleibende Zeit bis zum Start mit beobachten und sammeln erster Fotos.

Fünf Minuten vor dem Start beginnt sich langsam aber sich die kleine Ultraschar im Startbereich zu sammeln und auch ich geselle mich dazu. Hier treffe ich wieder auf meine Gesprächspartner aus der Umkleide, wünsche allen gutes Gelingen und genieße dann noch ein wenig die gute Stimmung. Ich fühle mich entspannt und bin froh, trotz der vielen Zweifel der vergangenen Wochen, nun hier an der Startlinie stehen zu können. Es folgen die obligatorischen Grußworte der Veranstalter und der lokalen politischen Prominenz und dann wird auch schon der Countdown angestimmt. Mit einem Schuss setzt sich das Feld gemächlich in Bewegung und so beginnen schließlich auch 52km für mich mit einem ersten Schritt.

Das Rennen

Der Kurs beginnt mit einer kurzen Runde durch Bretten. Zunächst geht es durch ein Spalier an Zuschauern die nicht mit Beifall geizen, erstaunlich wie viel Stimmung ein so kleiner Ort auffahren kann. Wir folgen ein Stück der Straße, biegen zweimal links ab und laufen nun parallel zur Startstraße durch ein Wohngebiet. Ich nutze den Abschnitt zum Einlaufen und um noch ein paar Bilder vom Läuferfeld zu sammeln, meine Geschwindigkeit ist aktuell noch etwas zu hoch, aber es geht auch komplett eben dahin, wie ich aus dem Streckenprofil weiß werden die ersten Anstiege nicht lange auf sich warten lassen. Wir biegen erneut links in eine breite Verkehrsstraße ein, kommen an ein paar Restaurants vorbei, auch hier jubelt man uns zu und verschwinden dann wieder rechts in eine Wohnstraße. Über Kopfsteinpflaster geht es weiter, vorbei an der Stadtverwaltung, dann erneut zweimal links ab, wir folgen ein kurzes Stück dem Saalbach, vorbei an einer großen Schule und biegen dann in Richtung Hauptstraße ab.

Wir kommen an eine Fußgängerampel, kurz zögere ich, es ist rot und wie man uns sagte wird die Strecke nicht für uns abgesperrt. Dann entdecke ich unsere Begleitradler die den Verkehr für uns angehalten haben und uns durchwinken. Ich husche schnell über die Straße und winke den geduldig wartenden Autos dankbar zu. Wir erreichen einen kleinen Busbahnhof und unterqueren die Bundesstraße, ab hier beginnt der erste Anstieg. Zunächst noch gemächlich geht es zunächst an ein paar Wohnhäusern und einem Firmengebäude vorbei, wir lassen den Ort hinter uns und biegen auf einen gut ausgebauten Feldweg ein der uns in einer langen Serpentine den Hügel hinauf führt.

Kaum ist der Hügel erklommen liegt die Stadt hinter uns und wir tauchen in weitläufige Felder ein. Mit Sonnenblumen zur Rechten und Korn zur Linken geht es recht eben über Feldwege dahin. Zu unserer Rechten haben wir einen hübschen Blick über Bretten und die umliegenden Kraichgauer Hügel. Landschaftlich fängt das doch schon mal gut an, inzwischen sind die ersten 5 KM gelaufen, recht genau 28 Minuten habe ich dafür gebraucht, das ist noch etwas zu schnell, ich versuche daher bewusst etwas langsamer zu laufen, versuche die Landschaft ganz bewusst in mich aufzusaugen und gönne mir auch noch ein paar weitere Fotopausen. Das Wetter spielt mit, noch immer ist die Sonne meist von einem Wolkenschleier verdeckt so das die Temperaturen erträglich sind. Viel Schatten gibt es auf diesem Abschnitt nicht, ich möchte lieber nicht dran denken wie es mir heute ergehen würde wenn die Sonne uns unverhüllt zusetzen würde.

Die gewonnenen Höhenmeter verlieren wir wieder auf einem lang gezogenen Abfahrt bis wir schließlich eine Landstraße erreichen, schon jetzt haben sich große Löcher in der Läuferkette aufgetan. Der Weg geht noch immer weitgehend eben daher, folgt dem Verlauf der Landstraße in einigen Metern Entfernung, dicht am Waldrand entlang. Langsam frage ich mich wann die Steigung endlich anfängt, meine Garmin berichtet von etwa 100 geleisteten Höhenmetern, etwa 300 sollten es bis ca. KM 14 werden, so langsam sollte es los gehen, denn die ersten sieben Kilometer sind bereits abgeleistet.

Wir erreichen einen kleinen Vorort und wenig später den ersten Versorgungspunkt. Schon auf dem Weg krame ich das erste Gel aus der Brusttasche meines Laufrucksacks heraus, beim öffnen reist es mir ein und beschmiert mir die ganze Hand mit klebrigen Gel – super gelaufen. Am Versorgungspunkt spüle ich das glibbrige Gel mit Wasser und Cola hinunter und versuche mir meine Hand so gut es geht zu reinigen. Wir laufen an einigen älteren Bauernhäusern vorbei und biegen rechts in einen Feldweg ein, ab hier beginnt der Anstieg, ohne Vorwarnung geht es steil bergan. Viele wechseln ins gehen, noch fühle ich mich dazu zu frisch, versuche jedoch darauf zu achten langsame und kurze Schritte zu setzen, viel schneller als die Geher bin ich dabei nicht.

Ich habe von der Kuriosität gelesen, von daher überrascht mich das Zebra am Wegesrand nur milde, bin auch froh es für ein Foto zu erwischen.

Am falschen Zebra vorbei geht es weiter steil bergan dann ist auch dieser Hügel erklommen und die Steigung wird milder, über zwei geschwungene Kuppen geht es weiter hinauf. Unser Weg wird beidseitig von Feldern gesäumt bis wir die nächst kleine Ortschaft erreichen. Vereinzelt werden wir von Zuschauern empfangen, während wir der weitestgehend ebenen Straße folgen, dann geht es scharf rechts ab durch eine schmale Gasse hindurch erneut bergauf an einigen hübsch anzusehenden Fachwerkhäusern vorbei.

Nach wenigen weiteren Abbiegungen haben wir den Ort schon wieder hinter uns gelassen und die Felder haben uns wieder. Die ersten zehn Kilometer sind geschafft, jetzt ist es nur noch ein Marathon. Zeit für einen Blick auf meine Fragezeichen: Meine Hüfte hat sich bislang noch nicht zu Wort gemeldet auch ansonsten gibt es noch keine Beschwerden von meinem Körper. Ausdauerverschleiß ist ebenfalls noch nicht feststellbar, was zu diesem Zeitpunkt aber auch zu erwarten war, bzw. fatal wäre wenn es anders wäre. Das Streckenprofil hat sich bislang als zahmer erwiesen als ich es befürchtet hätte. Von der Zeit her liege ich bei 58 Minuten, noch immer etwas zu schnell aber noch in einem akzeptablen Rahmen. Wird der Fall ein gutes Ende nehmen? Noch ist es viel zu früh sich darüber zu viele Gedanken zu machen, aber bislang läuft es, was die ohnehin schon gute Stimmung weiter befeuert.

Unser Weg führt durch eine Senke und hält danach, wieder steiler bergan führend, auf ein kleines Waldstück zu. Davor entdecke ich zum ersten Mal den schwarzen Geländewagen: Die Kameracrew des Night52 die sich an dieser Stelle auf die Lauer gelegt hat um Bilder zu schießen.

Nach überstandenen Beschuss erreichen wir den Waldrand, obwohl die Temperaturen erträglich sind ist die kühle zwischen den Bäumen mehr als willkommen. Wir passieren einen Sportplatz, nicht der erste und auch nicht der letzte auf unserer Runde, generell habe ich das Gefühl das Sport in dieser Region einen hohen Stellenwert hat. Ich bin gerade dabei meinerseits Läufer mit meiner Handykamera unter Beschuss zu nehmen als eine junge Frau mich anspricht ob sie nicht auch mal Bilder von mir machen soll. Gerne nehme ich das Angebot an, sie läuft etwas voraus und macht ein paar Bilder. Leider sind die meisten etwas verwackelt was aber an meiner Kamera liegt, auch viele meiner Bilder sind leider wieder misslungen, ich brauche dringend eine bessere Kamera für meine weiteren Läufe. Ich bedanke mich und wünsche noch alles gute für den den Lauf und setze mich wieder in Bewegung, sie geht im strammen Walking-Schritt den Berg an während ich mit gewohnt kurzen Steppschritten langsam Boden gewinne.

Schnell ist auch dieser Hügel erklommen und der Wald bleibt hinter uns zurück, vor uns liegt ein lang gezogener Weg der sich in weiten Schwingen über zwei weitere Hügel zur nächsten Ortschaft führt. Ich bin noch keine Minute aus dem Wald heraus als hinter mir ein D-Zug heranbrettert und an mir vorbeizieht – leicht verwundert schaue ich der Dame hinterher die gerade noch Bilder von mir geschossen hat. Es sollte nicht die letzte Begegnung bleiben.

Ich habe mich getäuscht: Statt in den Ort zu betreten biegen wir kurz davor links ab und überqueren die Straße. Auch hier sind wieder Radler anwesend die uns absichern. Erneut passieren wir einen Sportplatz und halten uns ein Stück lang an einem Waldrand eh wir wieder links abbiegen und erneut beidseitig von Feldern umgeben sind und ebenfalls wieder einige Höhenmeter gewinnen. Langsam wünsche ich mir den nächsten Versorgungspunkt heran, die Anstiege mögen zwar nicht so steil sein wie ich das befürchtet habe treiben dennoch den Schweiß aus allen Poren. Noch habe ich zwar genug Wasser in meinem Rucksack aber ich möchte sparsam mit meinem Vorrat umgehen und sehr lang sollte es eigentlich nicht mehr bis zur Verpflegung dauern.

Wenig später erreichen wir den Ort Neulingen, wir laufen durch eine Wohnstraße hindurch, hier und da haben sich ein paar Anwohner zusammengefunden und feuern uns verbal an. Eine Familie hat sich etwas besonderes ausgedacht: Vier Kinder verteilen nasse Schwämme an uns – das nehme ich doch gerne an! Ich wasche mir einmal über Gesicht und auch nochmal über die noch immer klebrigen Finger und lass noch etwas Wasser über Kopf und Rücken laufen, Bedanke mich bei den jüngsten (inoffiziellen) Helfern und setze mein Reise mit einem breiten Lächeln im Gesicht fort.

Wir folgen weiter der Straße und kommen am nächsten Sportgelände vorbei, dieses scheint zu einer Schule zu gehören, bis wir auf die Bundesstraße treffen. Wir müssen passieren und dann wird es wieder Zeit für eine Premiere: Eine kleine Schar Läufer wartet geduldig an der Fußgängerampel, eh ich mein Handy gezückt hat um dies festzuhalten haben die Autos jedoch gestoppt und winken uns trotz rot weiter. Eine schöne sportliche Geste die wir in ähnlicher Form noch häufiger erleben dürfen.

Es geht erneut durch ein Wohngebiet bis wir das Ortsende erreichen, langsam frage ich mich ob ich den Versorgungspunkt übersehen habe, habe ich ihn doch irgendwo im Ort erwartet, dann weder ich, unmittelbar vor dem Ortsausgang, auf eine kleine Gruppe von Läufern aufmerksam die sich um ein Auto scharren, ich stoße hinzu und entdecke den Versorgungsstand eben hinter diesem Kleinbus versteckt. Ich genehmige mir mein zweites Gel und trinke reichlich: Wasser, Cola, Iso von allem viel und durcheinander. Dann werfe ich einen Blick auf die angebotenen Speisen: Salzstangen, Cracker, Stückchen von Energie-Riegeln, Hefezopf, Gummibärchen. Ein reichhaltiges Angebot und eine Falle obendrein, wir soll ich hier jemals wieder weg kommen wenn die Gummibärchen haben? Sicher nicht die erste Wahl als Laufverpflegung aber ansonsten bin ich süchtig nach den Dingern und so gönne ich mir eine kleine Hand voll, ebenfalls noch etwas von Salzstangen dann noch etwas Wasser hinterher und dann geht es langsam weiter. Fast drei Minuten habe ich am Stand verbracht, so lange habe ich mich noch nie zuvor beim Verpflegen aufgehalten, heute passt das irgendwie, Energie muss rein und Eile spüre ich auch keine.

Wir verlassen den Ort und tauchen wieder in die Felder ein. Inzwischen sind gut 15 KM und laut meiner Uhr etwa 300 Höhenmeter abgeleistet, laut Streckenprofil sollte es nun erst einmal eine ganze Zeit lang in erster Linie bergab gehen, Ideal um sich etwas von den letzten Anstiegen zu erholen. Im laufen Tippe ich eine kurze Nachricht an meine Frau „15, alles ok“, das mache ich normalerweise nicht, nach den vielen Problemen der letzten Woche ist es mir aber ein Anliegen mitzuteilen das es mir gut geht, im Gegenzug erhalte ich so auch noch etwas Motivation in Form von Textnachrichten von ihr zurück. Wir passieren einige Höfe und erreichen eine Landstraße die es zu überqueren gilt, auch hier steht ein Radler bereit um ein Auge auf uns haben. Auf der gegenüberliegenden Seite folgen wir ein Stück der Landstraße und biegen wieder rechts in die Felder ein.

Wir biegen erneut rechts ab, es geht weiterhin abwärts bis wir einen kleinen See erreichen den wir rechts liegen lassen. Kurz hinter dem See treffen wir erneut auf den Kamera-Geländewagen, aus dem fahrenden Wagen heraus werden wir aus Korn genommen. Der Feldweg steigt nun wieder gemächlich an, ist so schmal das der breite Geländewagen kaum vorbei kommt, in Schrittgeschwindigkeit zuckelt das Ungetüm hinter einigen Läufern her bis diese ihn Platz machen und ziehen lassen. Das soll auch bereits das letzte Mal gewesen sein das mir der Wagen begegnet, die vorderen Plätze im Auge zu behalten ist sicherlich spannender als das Mittelfeld zu verfolgen.

Der Anstieg endet und geht in eine scharfe Abfahrt über, eine Familie mit zwei großen Hunden kommt mir entgegen. Die zwei haben anscheinend einen Narren an unserem Radler gefressen, ob die sich kennen? Jedenfalls denke ich an unsere Hunde zu Hause, vermutlich wurden sie vor kurzem gefüttert und in gut einer Stunde geht es zum Abendspaziergang raus.

Ich erreiche eine Landstraße und muss kurz darauf warten das die Straße frei ist und ich überqueren kann. Auf der gegenüberliegenden Seite geht es – richtig geraten – wieder in die Felder. Ich bin nun alleine für mich, den letzten Läufer habe ich kürzlich überholt und ich trabe einsam dahin. Ich muss mir nochmal ins Gedächtnis rufen das ich auf die Streckenmarkierungen achten muss, niemand in Sicht dem ich folgen kann. Etwa einen Kilometer später erreiche ich einen See um den sich einige Angler tummeln. Unterstellt man den Fischjägern im Allgemeinen eine Vorliebe zur Ruhe, um die Beute nicht zu vertreiben, so sparen diese Exemplare nicht mit Beifall,  wobei ich glaube aus dem ein oder anderem Gesicht auch Missfallen lesen zu können. Am See schließe ich zumindest wieder auf Mitläufer auf. Ein Mann in meinem Alter sowie eine Frau sind vor mir zu sehen. Die Frau biegt hinter dem See ab und folgt einem Trampelpfad. Ich bin kurz irritiert, habe ich einen Pfeil übersehen? Auch der Zweite hält kurz Inne und schließlich rufen wir die Verirrte zurück auf den richtigen Weg. Ich prüfe nochmal kurz die Strecke auf meiner Fenix, eindeutig: Hier müssen wir geradeaus weiter. Wenig später stoßen wir auch auf den nächsten Pfeil, ein kurzer Moment der Unruhe, nun geht es wieder gemächlich weiter und auch direkt wieder recht steil bergan, es gilt den nächsten Hügel zu erklimmen.

Am Hügel mache ich zwei Plätze gut und bin nun wieder alleine unterwegs. Vor uns liegt ein Wald in den es hineingeht. Der Halbmarathon ist erreicht, ein guter Zeitpunkt um nochmal das Befinden zu prüfen: Kurz um Knapp, alles passt! Keine Schmerzen, ich fühle mich noch frisch und die Strecke macht immer noch richtig Spaß, mir gefällt die Abwechslung zwischen Feldern, Wald, Ortschaften, Auf und Ab – so darf es gerne weitergehen.

Schnell liegt auch der Wald zurück, zu unserer Rechten liegt die Bundesstraße, dazwischen Obstbäume, zu unserer Linken weiterhin Wald. Langsam wünsche ich mir den nächsten Verpflegungspunkt herbei, obwohl die Sonne nach wie vor verborgen liegt schwitze ich inzwischen aus allen Poren, der Sommer ist einfach nicht meine Jahreszeit. Bis es dunkel und hoffentlich nochmal etwas kühler wird, dauert es noch mindestens eine Stunde. Der Weg ist leicht wellig, lässt sich aber mühelos laufen, einfache Kilometer. An einem Feld kommt uns ein breiter Trecker entgegen. Der Fahrer weicht großflächig aus und uns Platz zu machen und reckt den nach oben gestreckten Daumen aus dem Fenster, ich kann mir nicht helfen: Ich mag diese Region.

Wie gerufen taucht, unmittelbar vor dem Örtchen Knittlingen, vor mir der nächste Versorgungspunkt auf. Wie schon beim letzten lasse ich mir betont viel Zeit, trinke ausgiebig und nasche reichlich von den angebotenen Gaben, insbesondere einige Bärchen müssen wieder dran glauben, eh ich meinen Weg fortsetze. Es geht unter eine Brücke hindurch in den Ort hinein. Zunächst eben durch einige Wohnstraßen eh es in einem Neubaugebiet wieder steil bergan geht. Wir haben selber erst kürzlich gebaut aber was hier für Häuschern stehen, Hut ab, allerdings würden wir in diese Gegend mit unseren Hunden und unserem großen Bauzaun-Zwinger wohl nicht so recht rein passen. Hier und da sitzen einzelne Bewohner in den Gärten, manche verfolgen unser Treiben teilnahmslos, nicht so die Kinder, die haben einen Heidenspaß daran neben uns her zu laufen, gerne auch vorweg. Ich wäre durchaus in der Laune eines der Kinder zum Wettrennen zu animieren jedoch siegt die Vernunft – ein Zwischensprint bergauf muss bei dem was noch vor mir liegt nicht sein.

Es geht durch eine lang gezogene S-Kurve hinauf bis wir den Ortsrand erreichen und die Strecke wieder abflacht. Kaum nachdem ich den Ort verlassen habe stoße ich auf einen Läufer, er humpelt am Rand der Strecke und hält sich die Wade. Ich erkundige mich nach dem befinden, er erklärt das er oft Krämpfe nach dem Trinken hat. Ich bleibe noch wenig bei ihm um sich zu vergewissern das keine weiter Hilfe benötigt wird, dann laufe ich wieder an. Plötzlich höre ich es hinter mir rufen, ich drehe mich um und sehe den eben noch krampfenden Läufer eifrig winken und auf einen Wegweiser deuten. Denn habe ich doch glatt übersehen. Ich bedanke mich bei meinem Retter und ein kurzes Stück setzen wir unseren Weg gemeinsam fort, er läuft wieder, ich hoffe das er den Rest der Strecke von weiteren Problemen verschont geblieben ist. Der Weg führt durch eine Senke und am gegenüberliegenden Anstieg ziehe ich langsam davon.

Es geht rechts ab, an Feldern entlang mit hübschen Blick auf einen Weinberg, sieht von hier unten ganz schön steil aus, ich fürchte da werden wir später noch hoch müssen, ich versuche Läufer an der Flanke des Berges auszumachen was mir jedoch nicht gelinkt. Vielleicht bleibt uns der Anstieg ja doch erspart? Inzwischen ist bereits etwas mehr als die Hälfte geschafft, der Weg führt eben dahin, geschenkte Kilometer, ideal um noch etwas auszuruhen.

Auf dem Weg überhole ich ein oder zwei Läufer und bin dann wieder alleine unterwegs, nachdem beinahe Verlaufen ermahne ich mich daher nochmal besonders zur Aufmerksamkeit. Ich erreiche eine Straße, einer unserer Radler wacht wieder über den Übergang, es geht ein Stück steil bergab, an der Weinstraße entlang, eh wir, eine weitere Straßenquerung später, wieder in Feldwege einbiegen. Das Tal scheint erreicht zu sein, denn der Weg steigt direkt an, steuert auf einen Wald zu und hinein. An diesem kurzen Anstieg stoße ich erneut auf die „Bergauf Walkerin“ die mich vor inzwischen fast zwanzig Kilometern fotografierte. Am Anstieg überhole ich sie, aber nur wenige Minute später zieht sie auf ebener Fläche erneut raketengleich an mir vorbei. Der Weinberg, den ich vor kurzem noch aus der Ferne sah ist nun erreicht, rasch gewinnen wir Höhe und erneut kann ich (zumindest für kurze Zeit) einen Platz gut machen.

Der Anstieg ist lang, aber die meiste Zeit über moderat, mit reduzierter Geschwindigkeit lässt sich das recht angenehm laufen, besser als befürchtet. Am Hang des Berges habe ich einen faszinierenden Fernblick über das Land. Ich versuche den Weg auszumachen auf dem wir uns den Berg genähert haben, das dies nicht möglich ist, da wir gar nicht an dem Berg sind sondern einen Hügel weiter bemerke ich erst später beim Blick auf die aufgezeichnete Strecke.

Gegen Ende hin legt der Weg noch einmal zu, eine Steinmauer begrenzt den Weg zu rechten, zur linken Weinpflanzen in Reih und Glied. Endlich ist der Anstieg geschafft, für ein paar Minuten geht es eben dahin, dann biegen wir links ab und ebenso steil wie es zuletzt bergan ging, geht es nun wieder bergab, auf eine Ortschaft zu. Ich hoffe dort auf den nächsten Versorgungspunkt zu stoßen, freue mich bereits auf Gummibärchen und vor allem viel Flüssigkeit. Ein älteres Pärchen sitzt auf einer Bank am Wegesrand und ruft mir aufmunternd entgegen „Jetzt geht es nur noch bergab!“, das mag bis zur nächsten Ortschaft zutreffen, aber sicher nicht bis ins Ziel, denn noch immer liegen ca. 20km vor mir. Ich versuche bergab möglichst kraftsparende Schritte zu setzen um mich etwas zu erholen, nicht zu schnell aber auch nicht soviel Kraft für das Bremsen aufbringen.

Der Hang läuft sanft aus und ich laufe in die Ortschaft „Grossvillars“ ein. Kaum im Ort sehe ich einige Bänke am Straßenrand, das muss der Versorgungspunkt sein denke ich mir. Ich krame ein Gel heraus und nehme es zu mir, aber irgendwas stimmt da nicht: Kein Gaben nur ein paar Gläser an den Tischen, offensichtlich ein Gasthaus oder Kneipe und dessen Besuchern die mir aufmunternd applaudieren. Einer der Gäste ruft mir zu „Wasser ?“, da sage ich nicht nein, gerade um das klebrige Gel runterzuspülen schadet das nicht. Ich trinke schnell einen Becher aus, bedanke mich und ziehe weiter.

Ich überquere die Hauptstraße und laufe an der Schule vorbei, erneut sehe ich vor mir eine kleine Traube von Gestalten, dieses mal eindeutig Läufer anscheinend habe ich nun den offiziellen Versorgungspunkt gefunden. Bestimmt zehn Läufer haben sich eingefunden, eile strahlt niemand aus, man trinkt und isst, scherzt über das was noch kommt. Auch ich lasse mir Zeit und lange wieder reichlich zu (ihr dürft raten wo besonders). Mit viel zu vollem Bauch setze ich schließlich meine Reise fort. Etwa 18km liegen nun noch vor mir, auf der Strecke befinden sich noch zwei weitere Versorgungspunkte, die Abstände sollten nun also deutlich kürzer ausfallen als zuletzt, das sind gute Zwischenziele.

In meinem Magen rumort es etwas, der „Gel-ISO-Wasser-Cola-Gummibärchen“- Cocktail war vielleicht doch etwas zu viel des Guten. Zeit noch einmal ein Blick auf meine Fragezeichen zu werfen: Mein Körper spielt mit, keine Schmerzen aus der Hüfte und auch die Beine fühlen sich noch erstaunlich frisch an. Die Ausdauer hat inzwischen etwas gelitten, ich merke das vor allem daran das ich langsamer werden, ein echtes Gefühl von Schwäche hat aber noch nicht Besitzt von mir begriffen, aber wird es für noch knapp 2 Stunden laufen genügen? Inzwischen habe ich, laut meiner Laufuhr, etwa 600 Höhenmeter abgespult, bleiben noch etwa 300, das sollte machbar sein. Auch das Zwicken im Magen lässt zum Glück schnell wieder nach.

Nach dem Versorgungspunkt verlassen wir den Ort, es geht einen Hang hinab auf einen schnurgeraden weit einsehbaren Feldweg.  Der Weg ist mit Staub verhüllt, verursacht durch einen Mähdrescher der ein angrenzendes Feld bearbeitet. Es ist inzwischen 21:15 an einem Samstag und hier wird noch immer gearbeitet, das Leben als Landwirt ist wahrlich kein leichtes.

Es dämmert zunehmend, ich nehme mir vor spätestens am nächsten Versorgungsstand die Stirnlampe aufzusetzen, bis dahin geht es hoffentlich noch so. Da die Bilder ab hier, auf Grund der Dunkelheit, nicht mehr gelingen muss mein Bericht ab hier leider ohne weitere Fotos auskommen.

Viel zu sehen gibt es auf dem kommenden Abschnitt auch ohnehin nicht, fast zwei Kilometer geht es nahezu eben durch die Felder dahin, unlängst hat mich die „Walking Dame“ wieder überholt, an der nächsten Linksabbiegung, wo der Weg erneut ansteigt verfällt sie wieder in den Gehschritt, ich überhole, nur um eine Kurve weiter erneut überholt zu werden. Das Spiel wiederholt sich noch zweimal bis wir schließlich eine Landstraße erreichen. Das erste Mal heute das ich keinen Radler bei einer Überquerung ausmachen kann, das stört natürlich nicht, ich habe mich nur inzwischen so an den Anblick unserer Radbegleiter gewöhnt das es mir auffällt. Nach kurzem Warten können wir überqueren und unseren Weg auf der gegenüberliegenden Seite fortsetzen.

Wir kommen an einem größeren Betrieb vorbei und auch die Wege werden Breiter und besser, anscheinend nähern wir uns bereits der nächsten Ortschaft. Es folgen ein paar Strebergärten und schon sind die ersten Häuser zu sehen. Offensichtlich eine größere Ortschaft, zu Hause sehe ich das es sich um den Ortsteil „Gölshausen“ von Bretten handelt, keine 3km Luftlinie vom Ziel entfernt. Nachdem wir bislang mit schöner Landschaft verwöhnt wurden geht es nun durch ein tristes Industriegebiet, vorbei an großen Firmengelände und geparkten LKW. Meine Aufmerksamkeit gilt den kleinen grünen Pfeilen auf dem Boden die sich auf der großen Straße leicht übersehen lassen. Wir biegen links ein und unterqueren Eisenbahngleise. Hinter der Brücke geht es einen Hügel auf uns gleich mehrere Läufer kommen mir entgegen und biegen von mir aus gesehen links in einen Feldweg ein. Haben die sich verlaufen? Geht es mir durch den Kopf. Tatsächlich entdecke ich einen Pfeil der in die Richtung deutet, allerdings beginnt dieser auf der anderen Seite. Ich verlangsame meine Schritte, bin verwirrt, dann entdecke ich auf der rechten Straßenseite einen Pfeil der weiter geradeaus zeigt mit der Beschriftung „VP“ (Versorgungspunkt), Rätsel gelöst: Es handelt sich um eine Wendeschleife! Ich laufe also weiter geradeaus und stehe keine Minute später am nächsten Versorgungspunkt. Zunächst mache ich erneut von den angebotenen Gaben gebrauch, halte mich aber dieses mal etwas mehr zurück, ich möchte meinen Magen, wo er mir die letzte Sünde verziehen hat, nicht herausfordern.

Wie geplant fische ich meine Stirnlampe aus dem Rucksack heraus, inzwischen ist es schon recht dunkel, noch würde ich zwar auch ohne genug erkennen, aber vermutlich kaum noch gesehen werden. Ich schalte die Lampe auf kleine Stufe und mache mich wieder auf den Weg. Es geht zurück bis auch ich in den Trampelpfad einbiege, den folgen wir nur wenige Schritte bis wir wieder einen breiten Feldweg erreichen. Unser Weg führt parallel zu den Bahngleisen und scheint in den Ort zu führen, eine S-Bahn rauscht an uns vorbei. Ich laufe nun in einer lockeren Gruppe aus 4-5 Läufern mit sich sehr dynamisch verschiebenden Abständen. Wir erreichen den Ort und laufen durch einige Wohnstraßen hindurch. Es heißt hier wachsam bleiben, zum einen um nach den kleinen Täfelchen zu suchen die uns den Weg weißen, zum anderen um den Verkehr im Auge zu behalten. Schließlich erreichen wir, nach einem Kreisel, den Ortsausgang. Erneut geht es bergan und schnurgerade aus dem Ort hinaus, auf die Bundesstraße zu.

Jetzt, außerhalb des Ortes, schalte ich meine Lampe eine Stufe heller um die Wegweiser leichter ausfindig zu machen. Wir unterqueren die B293 biegen zweimal ab und halten auf den Wald zu. So wie ich die Streckenbeschreibung in Erinnerung habe sollten es ab dem Wald noch etwa zehn Kilometer sein. Ich horche noch einmal in mich hinein, keine Schmerzen, meine Ausdauer hat sich gefühlt wieder etwas erholt, zehn Kilometer liegen noch vor mir und wie ich mir glaubhaft versichert wurde gegen Ende hin noch ein paar härtere Anstiege, etwa 200 Höhenmeter müssten noch ausstehen. Ein Blick auf meine Laufuhr bescheinigt mir die Marathon-Distanz in 4:16 erreicht zu haben. Nicht wirklich schnell, aber angesichts des Streckenprofils, den Trainingsausfällen, den langen Versorgungspausen und der Gewissheit noch etwa eine Stunde vor mir zu haben bin ich damit zufrieden. Ich überlege ob ich noch einen Angriff auf die 5:15 starten soll, aber entscheide mich dagegen, 4 Stunden ohne Hetze haben Spaß gemacht, jetzt fang ich nicht auf den letzten Kilometern damit an.

Am Waldrand entdecke ich wieder die „Bergaufwalkerin“ die gerade dabei ist ihre Lampe aufzusetzen, dann verschluckt mich der Wald.  In nun völliger Dunkelheit geht es leicht bergan, hier braucht es doppelte Konzentration, denn ich muss nicht nur schauen was vor meinen Füßen passiert um nicht zu stolpern sondern auch die Augen nach Wegweisern offen halten. Ich bin dabei in meinem Element, nehme alles intensiver wahr, fühle mich frei und steuere hochkonzentriert und hellwach durch den Wald. Als die „Walkerin“ mich mal wieder überholt bleibe ich dran, ich nehme etwas Fahrt auf und hänge mich an. Etwa zwei Kilometer wetze ich so durch den Wald, an unzähligen Abzweigungen vorbei. An Anstiegen übernehme ich die Führung werde aber genauso regelmäßig wieder überholt, die Dunkelheit, die unbekannten Wege und das beschränkte Sichtfeld verursachen ein Gefühl in wahnsinnigen Tempo durch den Wald zu hechten wo wir in Wahrheit gerade einmal knapp unter 6 Minuten pro Kilometer bleiben.

Es geht bergab und aus dem Wald hinaus, wir folgen den Waldrand, zu unserer Rechten ist eine kleine Plantage mit Obstbäumen. Für einige Minuten geht es eben dahin bis wir eine links Kurve erreichen, ab hier geht es wieder beständig bergan zunächst sanft dann steiler werdend. Der Wald bleibt zurück, stattdessen sind erneut Felder um uns herum, viel sehen tue ich davon nicht, meine Lampe ist stur auf den Weg vor mir gerichtet. Auf einer Kuppel ist Licht zu sehen, anscheinend der letzte Verpflegungsstand. Ich überlege kurz ihn auszulassen, da aber immerhin noch gut sechs Kilometer zu laufen sind kehre ich doch ein, ein paar Becher Flüssigkeit später bin ich wieder in der Dunkelheit, auf die Gummibärchen verzichte ich dieses mal.

Wir biegen links ab, neben der „Bergauf-Walkerin“ befinden sich nun zwei weitere Läuferinnen vor mir, offensichtlich sind sie aus dem gleichen Verein. Für den Moment geht es eben dahin, ich nutze das um mich etwas zu erholen, die letzten Kilometer haben doch recht viel Kraft gekostet und langsam aber sicher merke ich die vielen Kilometer und Hügel auch in den Beinen, besonders der linke Oberschenkel beginnt mir Sorge zu bereiten, hat beim Wiederanlaufen leicht verkrampft – keine weiteren Tempoexperimente mehr für heute. Aus eben wird, wir könnte es anders sein, wieder steil. Ich mache drei Plätze gut weil ich als einziger aus unserer lockeren Gruppe den Berg im Laufschritt nehme, verliere beim folgenden Abstieg zunächst den einen an die „Walking Lady“ kurze Zeit die übrigen wieder an die beiden Damen im Vereins-Dress.

Erneut tauchen wir in den Wald ein, und erneut ein Hügel, der fängt schon steil an und macht schnell richtig ernst, nach der Hälfte das Anstiegs gebe ich mich geschlagen und wechsel auch in den Gehschritt, langsamer bin ich so auch nicht, kann mir aber noch ein paar Kräfte sparen und meinem Oberschenkel etwas Ruhe gönnen. Das durchquerte Waldstück ist kurz, kaum ist der Hügel erklommen geht es schon wieder hinab und aus dem Wald hinaus, ein wenig etwas von Achterbahnfahren hat dieser Lauf ja schon von Zeit zu Zeit.

Der Weg liegt nun schnurgerade vor mir, verspricht ein paar erholsame Minuten. Vor mir liegt das nächtliche Bretten: Friedlich liegt es da, nur mäßig erleuchtet zwischen den Hügeln. Hübsch anzusehen, doch alle Versuche das Motiv mit dem Handy einzufangen scheitern, die Kamera ist einfach nicht gut genug für Nachtbilder. Es geht steiler bergab, ich versuche den Abstieg so kraft sparend wie möglich zu gestalten. Es folgt eine enge Abbiegung um knapp 180 Grad, das harte Abbremsen fährt richtig in die Beine. Es geht noch kurz eben dahin, ich weiß was nun kommt, wir hatten in der Umkleide darüber gesprochen: Der finale Hügel, kurz vor Bretten. Mit müden Beinen schleppe ich mich den Hang hinauf, eine Mischung aus schnellem gehen und langsam laufen, im dynamischen Wechsel, dann ist es geschafft: Unter mir die Bundesstraße direkt dahinter Bretten.

Es geht noch einmal einen Hang hinab und unter einer Brücke hindurch und schon befinde ich mich im Wohngebiet. Es geht sanft eine breite Straße hinab, ich konzentriere mich darauf keinen Wegweiser zu verpassen, mehrere Läufer habe ich heute schon sagen gehört das sie sich das letzte Jahr beinahe noch kurz vor dem Ziel verlaufen haben. Nach wenigen Minuten erreiche ich die Hauptstraße, ich erkenne sie wieder, bin vor einer gefühlten Ewigkeit hier entlanggefahren. Ich schaue mich suchend nach dem nächsten Pfeil um doch schon winkt mich ein Streckenposten nach links. „Da lang, beim Kreisel drüber und durch die Fußgängerzone, dann rechts halten!“ Offensichtlich hat sich der Veranstalter der Kritik angenommen und nun dafür gesorgt das jeder den Weg sicher ins Ziel findet.

Ich tue wie mir geheißen, über den Kreisel geht es nochmal ein paar Meter Bergan dann laufe ich durch eine nahezu menschenleere Fußgängerzone, hier und da sitzen ein paar Jugendliche, der ein oder andere Klatscht oder ruft mir zu „Gleich geschafft“ ich bedanke mich und Winke zurück. Ich genieße die letzten Metern der Laufes, es stört mich auch nicht wirklich als ich gegen Ende der Fußgängerzone noch einmal überholt werde.

Die Fußgängerzone endet, für einen Moment muss ich suchen, dann entdecke ich den grünen Pfeil, es geht noch einmal an ein paar Wohnhäusern entlang und dann kommt mir die „Walking Dame“ zufrieden (und noch absolut frisch) aussehend mit der Finisher-Medaille um den Hals entgegen, ihre Taktik ist ganz offensichtlich aufgegangen, Glückwunsch!

Ich sehe Feuerschein, wie die Markierungen auf einer Landebahn stehen in kurzen Abständen Fackeln auf dem Boden, Bilden meine Einflugschneise in das Stadion auf die letzte Runde. Ich schalte meine Stirnlampe aus, brauche ich nicht mehr, ebenso die Musik aus meinem Handy welche mich die ganze Zeit leise begleitet hat. Die letzte Runde möchte ich ohne Ablenkung genießen. Ein Jahr lang habe ich mich vorbereitet, tausende Traningskilometer abgeleistet, bin bei Schnee, Eis, Regen und Hitze gelaufen und musste zuletzt noch um den Start bangen. Jetzt genieße ich den Lohn der Mühen auf den letzten Metern, genieße den Applaus der noch immer anwesenden Zuschauer und überquere schließlich hoch zufrieden das Marathon Tor nach 5:20:45.

Fall erfolgreich abgeschlossen!

Nach dem Lauf

Es ist geschafft, eine junge Frau gratuliert mir und hängt mir die Medaille um. Um mich herum stehen weitere Läufer in Rettungsdecken gehüllt, so gut geschützt vor Unterkühlung. Mein Weg führt mich an das Finisher Buffet, wie schon auf der Strecke ist es bestens befüllt. Ich bekomme eine Flasche Cola und gönne mir ein großes Stück Zitronenkuchen – lecker. Um mich herum weitere glückliche und geschaffte Gesichter. Unter einem Zelt stehen gemütliche Strandliegen. Verlockend, doch gar so lange verweilen sollte ich nicht, denn ich habe noch über zwei Stunden Fahrt vor mir. So breche ich nach nur kurzer Rast auf, erfrische mich, packe meine sieben Sachen zusammen und mache mich auf dem Heimweg. Die Heimfahrt zieht sich schlimmer wie die letzten Kilometer auf der Strecke, kurz nach 2 Uhr ist es geschafft.

Ergebnis

Zielzeit: 5:20:45, Gesamtplatz 49 / 124, Platz 2 / 6 in M30.

Fazit

Vollen Einsatz konnte ich dieses Mal auf Grund der Verletzung nicht gehen, vielleicht konnte ich gerade deswegen diesen wunderschönen Lauf so genießen. Mir hat die Strecke sehr gut gefallen, es gibt ein paar anspruchsvolle Steigungen die Strecke ist aber in keinerlei Weise extrem, alle Wege lassen sich gut laufen, keiner der Anstiege ist wirklich lang. Der Lauf eignet sich daher auch hervorragend für Ultra Einsteiger wie mich. Dem Auge wird unterwegs einiges geboten, der Lauf in die Nacht hinein hatte zumindest für mich besonderen Charme.

Die Organisation hat mich ebenso überzeugt: Der ganze Ablauf war reibungslos, die Strecke gut beschildert, aller Helfer ob auf dem Rad oder an den Ständen waren freundlich und hilfsbereit – meine Hochachtung und Dank für diesen Einsatz ohne den der Lauf nicht möglich wäre.

Night52 in Bretten – sehr gerne wieder!