Supermarathon am Rennsteig

Der Supermarathon am Rennsteig führt von Eisenach nach Schmiedefeld, dabei gilt es, auf einer Strecke von knapp 74km, etwa 1900 Höhenmeter zu überwinden. Unter Läufern ist diese Veranstaltung legendär. Im letzten Jahr bin ich den Marathon gelaufen, meine Anmeldung für den Supermarathon erfolgte daraufhin eher spontan. Dennoch passt der Lauf hervorragend in meine Vorbereitung auf den Goldsteig.

Hinweis: Eilige Leser können, wie immer, direkt zum Abschnitt „Das Rennen“ springen.

Meine Ziele

Der Rennsteig Supermarathon sehe ich, in erster Linie, als Testlauf für den Goldsteig. Er umfasst etwa 45% der Strecke und gut 55% der Höhenmeter, die mir im September bevorstehen. Mein Ziel besteht daher nicht darin die bestmöglichste Zeit zu erreichen, sondern im Ziel, bei der Vorstellung das, dass nicht mal die Hälfte war, nicht in Verzweiflung zu verfallen. Als grobe Zeitziel dient mir ein Finish nach acht Stunden, je nachdem wie es läuft, eine Viertelstunde mehr oder weniger.

Ausgangslage

Meine Vorbereitung auf den Lauf verläuft unstet. Nach der „I Run 661“ Challenge und den Infinity Loops fühle ich mich ende März bestens vorbereitet. Leider muss ich im Anschluss, aus unterschiedlichsten Gründen, zu viele lange Läufe ausfallen lassen. Im ganzen April und Mai kann ich jeweils nur einen Lauf über die Marathondistanz vorweisen.
Auch die zwei Taperingwochen, die ich mir für den Rennsteig zugestehe verlaufen alles andere als rund. Neben diverse Aufgaben rund ums Haus, Terminstress auf Arbeit sind es vor alledem unsere Hunde, die uns großen Kummer bereiten: Beide haben sehr viel Gewicht und Substanz verloren, die Ursache ist, trotz mehrere Besuche beim Tierarzt unklar.
Meine Vorfreude auf den Lauf strebt daher in dieser Woche immer weiter den Nullpunkt entgegen, fühle mich ausgelaugt und erschöpft ohne nur einen Meter gelaufen zu sein.

Freitag

Mein Plan, für den Tag, sah Anfang der Woche, so aus: Ausschlafen, Frühstücken, Packen, noch etwas ausruhen, Mittagessen und spätestens gegen 13 Uhr nach Eisenach aufbrechen um die Startunterlagen abzuholen. Von dort aus weiter nach Schmiedefeld, wo ich in einer Turnhalle übernachten werde.
Pläne haben allerdings selten die Angewohnheit sich störungsfrei umsetzen zu lassen: Vor fünf Minuten habe ich mich von meiner Frau verabschiedet, sie hat einen Arzt Termin und muss anschließend auf Arbeit, ich möchte gerade anfangen zu Packen, als sie wieder in der Tür steht: Das Auto springt nicht an. Nach kurzer Überprüfung stellt sich heraus, dass die Batterie leer ist. Eine Tür war nicht richtig geschlossen und anscheinend hat das Innenlicht die Batterie geleert. Viele Optionen gibt es nicht, sie muss zügig zu ihrem Termin, ich habe weder Ladegerät noch Überbrückungskabel im Haus. Schnell steht ein neuer Plan: Ich fahre sie erstmal zum Arzt und anschließend alleine weiter in den Baumarkt, um ein Ladegerät zu besorgen. Auf den Weg dahin kann ich gleich noch bei der Zoohandlung vorbei das neue Futter für unsere Hunde besorgen.
Knapp zwei Stunden und etwas Hektik später ist zumindest der neue Plan geglückt, meine Frau konnte sich sogar spontan frei nehmen, so dass ich sie nicht auf Arbeit bringen muss und wir nicht überlegen müssen wie sie wieder nach Hause kommt.
Wieder zu Hause angekommen heißt es zunächst Autobatterie ans Ladegerät hängen und dann endlich mit den Packen anfangen. Das dauert länger, als man denkt, der Grund: Ich werde wieder mit einem Großteil der Goldsteig Pflichtausrüstung laufen. Mit dabei habe ich einen kompletten Satz Ersatzkleidung, Regenkleidung, Stirnlampe, Erste Hilfe Set, Energie Gels und vieles mehr. Auf die Trinkblase verzichte ich dieses Mal, nachdem mir in den letzten Wochen zwei Blasen kurz nacheinander „verstorben“ sind, misstraue ich dem Rucksack. Stattdessen packe ich zwei Flaschen ein. Alles unterzubringen erweist sich als Tüftelaufgabe. Am Ende bringt der Rucksack gut vier Kilo an Zusatzgewicht auf die Waage.
Die übrigen Sachen, für die Übernachtung und Versorgung nach dem Lauf, sind hingegen schnell gepackt. Viel Zeit verbleibt mir nicht mehr, trotzdem schaffe ich es, rechtzeitig aufzubrechen.
Die Fahrt nach Eisenach erweist sich als zäh. Die Strecke besteht aus wenigen Autobahnabschnitten, dafür viele, mit LKW und Treckern gespickten Bundesstraßen. Fast drei Stunden benötige ich, in meiner, nicht klimatisierten, fahrenden Sauna, bis ich endlich Eisenach erreiche.

Eisenach

Ich parke in der Nähe des Bahnhofs und gehe von dort aus in die Innenstadt zur Startnummernausgabe. Schon auf den Weg dorthin unterquere ich mehrere Banner „Eisenach grüßt die Rennsteigläufer“ oder Firma XY grüßt, an einem Süßigkeitenladen gibt es Energiebonbons für Extrakilometer, man merkt deutlich, das die Region sich den Lauf zu eigen gemacht hat. Nach einer Viertelstunde habe ich den Marktplatz erreicht. Ein großes Festzelt steht bereit, hier und da tummeln sich Menschen mit verräterischen gelben Starterbeuteln.
Ich brauche einen Moment um mich zu orientieren und steuer dann auf eine schmale Seitengasse zu. In einem hisotrischen Gebäude ist die Startnummernausgabe untergebracht. In einem großen Raum gibt es mehrere Schalter für unterschiedliche Startnummernbereiche, an jedem stehen zwei oder drei Helfer parat. Ich überreiche meine Meldekarte und erhalte im Austausch ebenfalls einen gelben Beutel samt Glückwünschen für den Lauf ausgehändigt. Zeitbedarf hierfür: keine zwei Minuten. Eine von vielen Belegen für eine reibungslose Organisation.
Ich nehme mir Zeit, versuche mich, nach dem bislang hektischen Tag, zu entspannen während ich zu meinem Auto zurückkehre. Nächste Station Schmiedefeld. Die Fahrt, großteils über Landstraßen, benötigt fast anderthalb Stunden. „Und das willst du morgen alles laufen“ geht es mir dabei des Öfteren durch den Kopf.

Schmiedefeld

Die Turnhalle in Schmiedefeld ist schnell gefunden, sie liegt auf einem Hügel, etwa einen Kilometer vom Ziel entfernt. Ich ergattere einen der letzten Parkplätze direkt vor der Halle, manchmal hat man auch Glück. Auf der Wiese, neben der Halle stehen einige Zelte, vor dem Eingang wurden Bänke aufgebaut, an einem Stand wird Kuchen angeboten, daneben wird gegrillt. Verlockend, aber meinem Magen habe ich für den Rest des Tages Schonprogramm verordnet.
Ich checke ein und sicher mir einen Platz in der Haupthalle, alternativ könnte ich in den Gängen der angrenzenden Schule schlafen. Am Ende wird so ziemlich jeder Quadratmeter Fläche genutzt werden. Nach und nach bringe ich mein Gepäck in die Halle, zwei Dinge habe ich vergessen einzupacken: Ohrstöpsel und eine weitere Decke, um meine harte Yoga Matte etwas zu polstern. Nicht schön, aber kann ich jetz nicht mehr ändern.
Nachdem ich ausgeladen habe telefoniere ich mit meiner Frau. Im Anschluss gehe ich runter ins das Dorf, um die Bushaltestelle zu suchen, zu der ich morgen Früh (oder besser Nacht) muss, Abfahrt 3:30. Auf dem Weg komme ich an einer Apotheke vorbei, genau fünf Minuten hat sie noch geöffnet. Schnell husche ich hinein und komme wenig später mit einem Päckchen Ohrstöpsel wieder aus. Die Bushaltestelle liegt unweit entfernt, vor einem Supermarkt. Kurzentschlossen statte ich auch diesem einen Besuch ab, vielleicht finde ihr hier etwas für mein Nachtlager. Tatsächlich, zwar nicht wie erhofft eine Decke, dafür aber eine Polsterauflage für eine Bank, etwas schmal aber das tut es auch. Zufrieden zumindest diese Probleme gelöst zu haben kehre ich zur Halle zurück.
Inzwischen ist es fast 19 Uhr, mein Wecker wird um zwei Uhr klingen, ich telefoniere daher nochmal kurz und lese ein paar Seiten. Gegen halb neun lege ich mich hin und versuche schlaf zu finden. Wie erwartet, um die Uhrzeit und bei all dem Gewusel um mich herum, nicht einfach. Bis das Licht, gegen 22 Uhr, gelöscht wird dämmer ich zwischen wach und schlaf hin und her, finde danach aber bald die nötige Ruhe.
Ich erwache gegen 1:30 und fühle mich hellwach, um niemanden zu wecken bleibe ich dennoch liegen, die Zeit zieht sich bis endlich der erste Wecker ertönt und ich ohne schlechtes Gewissen aufstehen kann. Schnell ziehe ich mich um, ich habe bereits gestern alles zurechtgelegt, um jetzt, mitten in der Nacht, so wenig wie möglich nachdenken zu müssen. Als Letztes greife ich meinen Rucksack und verlasse die Halle. Im angrenzenden Schulgebäude gibt es Frühstück, in einer schmucklosen und runtergekommenen Schulmensa steht ein reichhaltiges Frühstücksbuffet für uns bereit: Brot, Brötchen, Cornflakes, Joghurt, Früchte, diverser Aufschnitt, Getränke. Viel Hunger habe ich um die Uhrzeit nicht, aber etwas Energie muss rein, also kaue ich lustlos an zwei Brötchen herum. Nach und nach füllt sich der Raum, schließlich entdecke ich ein bekanntes Gesicht: Tanya, wir haben uns beim Röntgenlauf, letztes Jahr, kennen gelernt. Nachdem wir uns kurz über Vorbereitung und Ziele unterhalten haben, packe ich meine Sachen und mache mich auf in Richtung der Busse.
An der Haltestellung steht eine ganze Armada bereit, der Bus, in den ich gelotst werde, ist fast voll und nur wenige Minute nach dem Einstieg fahren wir ab. Die Fahrt im Bus zieht sich, langsam wuchtet sich der Bus die Hänge hinauf und durch enge Serpentinen hindurch. Nach und nach ersterben die Gespräche um mich herum, auch ich werde bald schläfrig, eingelullt von dem Geschaukel des Busses.

Wieder Eisenach

Kurz vor fünf erreichen wir den Marktplatz, viel ist noch nicht los, wir sind mit die Ersten. Zu dieser frühen Stunde ist es noch sehr frisch, die Müdigkeit verstärkt das Empfinden zusätzlich, ich husche schnell in das Festzelt, hier ist es etwas wärmer. Viel vorzubereiten habe ich nicht mehr, daher verbringe ich die Zeit überwiegend wartend. Ich fühle in mich hinein und finde dort nichts: Keine Aufregung, keine Vorfreude aber auch keine Angst vor dem, was vor mir liegt. Ruhige Abgeklärtheit wäre eine positive Formulierung für meine Gefühlslage, oder ist es einfach nur Gleichgültigkeit?
Nach und nach füllt sich das Zelt. Inzwischen versucht, man uns musikalisch einzustimmen. Aus Lautsprechend dringt Party Musik an uns heran, ein Moderator interviewet immer wieder einzelne Läufer, vor allem die Frage nach den Essgewohnheiten, vor einem Wettkampf, hat es ihm angetan.

Zwanzig Minuten vor den Start zieht es mich aus dem Zelt, streife durch die Menge auf der Suche nach vertrauten Gesichtern, der ein oder andere kommt mit vage bekannt vor, kann aber die Gesichter keinen Ereignissen zuordnen. Letztlich beziehe ich, etwas fünf Minuten vor dem Start, Aufstellung im Feld. Nicht zu weit hinten, um nicht gar so oft überholen zu müssen, dass die Strecke, auf den ersten Kilometern nicht viel Platz dafür bietet, weiß ich aus gelesenen Laufberichten.
Über uns taucht ein Hubschrauber auf, filmt unseren Start. Die Bürgermeisterin oder ein anderer Würdenträger hält eine Rede, verstehen kann ich, auf Grund des Geräuschpegels um mich herum, nichts. Auch beim Anstimmen des Rennsteiglieds (oder des Schnellwalzers)? Steigt kaum einer so richtig ein. Beim Marathon Start wurden diese Traditionen deutlich lebhafter zelebriert. Zumindest aber auf das gemeinsam herunterzählen des Countdowns ist verlass, ein Schuss und die Menge setzt sich langsam in Bewegung.

Das Rennen

Wir laufen durch ein Spalier aus Zuschauern durch die Fußgängerzone, über den Karlsplatz hinweg und durch ein Stadttor hindurch. So richtig rund fühlt sich meine Lauferei noch nicht an, eher so, als müsste sich mein Körper daran erinnern, wie man Schritte setzt.

Nach dem Tor endet die Schonzeit und es geht, zunächst durch die Innenstadt, durch eine Serpentine, bergan. Als wirklich steil empfinde ich diesen Abschnitt nicht, dennoch lässt er bereits die ersten in den Gehschritt wechseln, ich bin erneut zu weit hinten gestartet und muss mir meinen Weg durch die Masse bahnen.

Wenig später lassen wir die Häuser hinter uns und biegen in einen schmalen Waldweg ein. Mehr als zwei Läufer finden hier, nebeneinander, keinen Platz und es kommt zu Stockungen. Ich versuche es gelassen zu nehmen, das Tempo nicht zu überziehen ist wichtig: Die ersten 25km kennen, laut Streckenprofil, im Großen und Ganzen nur eine Richtung: Aufwärts, mehr als achthundert Höhenmetern gilt es im ersten Abschnitt zu erklimmen, etwa die Hälfte des gesamten Aufstiegs.
Wir laufen an Feldern vorbei, offenes Gelände zu beiden Seiten, der Hubschrauber rauscht über uns hinweg, fliegt eine rasante Kurve in niedriger Höhe um uns frontal aufnehmen zu können. „Ich hoffe der Pilot weiß was er tut.“ Schnappe ich von einem Läufer vor mir auf, still gebe ich ihm Recht.

Nach etwas vier Kilometern lassen wir das offene Gelände hinter uns und biegen in den Wald ein, die nächste Rampe liegt vor uns. Noch immer nicht wirklich steil, langsam frage ich mich wo die ganzen Höhenmeter, auf dem ersten Abschnitt, denn kommen sollen?

Auch ohne fordernde Anstiege läuft mir inzwischen der Schweiß, die Temperatur ist mit 15 Grad zwar angenehm, aber die Luft steht über den Rennsteig, ich empfinde das Klima als drückend, schwül und verspüre schon jetzt Durst. Zum Glück lässt der erste Versorgungspunkt nicht lange auf sich warten. Am Stand herrscht dichtes Gedränge ich ergatter mir einen halbvollen Becher Wasser und sehe zu mich schnell aus dem Pulk zu lösen.

Inzwischen sind die Wege breiter geworden, ermöglichen es vier, oder fünf Läufern parallel zu laufen. Das schafft Platz in der Läuferkette, die Überholvorgänge werden einfacher und seltener. Langsam finde ich mein eigenes Tempo.

Wir passieren die zehn Kilometer Marke, knapp eine Stunde und zwei Minuten habe ich bis hier hin gebraucht, damit bin ich zufrieden, nicht zu schnell nicht zu langsam.
Auf den nächsten Kilometern bringen uns viele kleine Rampen stückweise aufwärts. Dazwischen liegen immer wieder ebene Abschnitte, von Zeit zu Zeit kurze Abwärtspassagen. Ich komme gut voran, das habe ich mir, bis hier hin, schwieriger vorgestellt. Oder bin ich zu schnell unterwegs und verschwende hier Energie die mir später fehlen wird? Wahrscheinlich ein bisschen, meine Geschwindigkeit liegt, nach wie vor, bei etwa bei 6 Minuten pro Kilometer, auf steileren Abschnitten langsamer, ansonsten etwas schneller. Hier und da würde es nicht schaden, etwas mehr auf die Bremse zu treten, aber alles im allen bin ich mit der Tempofindung einverstanden.

Die Landschaft um mich rum verändert sich kaum, Wald auf beiden Seiten, ab und zu eine Schutzhütte oder eine Parkbank, selten erhasche ich einen Blick auf das Umland. Viel anders sieht mein heimisches Trainingsrevier, im Steigerwald, auch nicht aus. Alles hübsch anzusehen, aber auch nichts was sich in das Gedächtnis brennen würde. „Kennst du einen Kilometer Rennsteig kennst du alle.“ Den Spruch habe ich heute bereits mehrfach aufgeschnappt, er trifft es bislang ziemlich gut.

Etwa bei Kilometer 17 erreichen wir eine größere Lichtung, dichte Büsche und Heidekraut bilden einen hübschen Kontrast zu den Bäumen der letzten Stunden. Auf der Lichtung erreichen wir den nächsten Versorgungspunkt. Dort angekommen wünscht man uns erst einmal einen guten Morgen, irgendwie witzig. Zwei Becher Wasser später geht es weiter.

Erneut in den Wald, zur Abwechslung diesmal nicht über einem breiten Forstweg, sondern über einen Trail. Stock und Stein fordern Konzentration, diese Abwechslung ist mir mehr als Willkommen. Leider sehe ich auf dem kurzen Abschnitt gleich mehrere Läufer stürzen, Hilfe ist immer sofort zu Stelle, zum Glück aber nicht erforderlich. Meine anfängliche Lethargie ist inzwischen verflogen, fühle mich hier zum ersten Mal in meinem Element.

Wenig später stoßen wir wieder auf einen Forstweg und auf die zwanzig Kilometer Marke. Zwei Stunden und drei Minuten bis hier hin, ich war auf den letzten zehn Kilometern ein wenig schneller, halte im Großen und Ganzen aber das Tempo.

Es folgt ein einfacher Abschnitt, beständiges auf und ab, dann beginnt der finale Aufstieg zum großen Inselberg. Der hat es in sich. Wir wechseln auf einen schmalen Trail und wuchten uns den Berg hoch. Der Pfad ist an vielen Stellen aufgeweicht, was das Vorankommen erschwert. Alle gehen, ich auch, im Gänsemarsch kraxeln wir den Berg hinauf. Beine und Lungen brennen, Schweiß rinnt in Strömen.

Die Rampe endet, gibt uns Zeit zum Erholen, gerne würde ich mich der Illusion hingeben das wir es schon geschafft haben, aber noch liegen gut 1,5 Kilometer zwischen uns und dem großen Inselberg. Der zweite Anstieg beginnt, der Weg ist etwas besser aber genauso steil.

Den ersten Abschnitt gehe ich, dann raffe ich mich auf und wechsel in den Laufschritt. Wenige anstrengende Minuten später taucht, zwischen den Bäumen, eine Radaranlage auf – geschafft!

Recht genau bei der 25 Kilometer Tafel flacht der Weg ab, wir passieren einige Wirtschaftsgebäude und ein Gasthaus. Zuschauer haben sich auf beiden Seiten versammelt. Von hier oben aus hat man einen fantastischen Fernblick, den ich gerne noch etwas länger genossen hätte, aber unser Weg führt steil bergab.

Zunächst über ein paar Treppenstufen dann über Asphalt. Wo es der Platz zulässt laufe ich Schlangenlinie, etwas Tempo herausnehmen ohne viel Kraft für das Bremsen aufwenden zu müssen. Der erste Abschnitt der Talfahrt ist kurz, dann erreichen wir, über eine weitere Treppe, einen großen Parkplatz. Auch hier haben sich viele Zuschauer versammelt. Für einen Moment glaube ich, das Ende der Talfahrt erreicht zu haben, doch auf der anderen Seite des Parkplatzes geht es weiter bergab.

Noch steiler diesmal, da hilft auch keine Schlangenlinie mehr. Ich muss bremsen und das kostet richtig kraft. Minutenlang geht es steil bergab, als der Weg endlich abflacht brennen die Oberschenkel. Leicht wackelig steuere ich auf den nächsten Versorgungspunkt zu. Zeit für das nächste Gel, welches ich mich zwei Bechern Wasser herunterspüle.

Erfrischt setze ich meine Reise fort, ich habe auf einen ebenen Abschnitt gehofft um mich, vor der Berg- und Talfahrt erholen zu können, vorerst geht es aber erneut bergan. Das sieht nicht sonderlich steil aus, kostet, mit weichen Beinen, aber richtig Körner.

Der Anstieg zieht sich, bis er endlich abflacht. Wir stoßen, wenig später, auf einen Plattenweg den wir für einige Kilometer folgen. Nach den letzten Anstiegen und der holprigen Talfahrt eine Wohltat für meine Beine. Wir passieren ein paar Häuser und eine Gaststätte vor der sich einige Zuschauer versammelt haben. Kurz darauf haben wir die dreißig Kilometer Marke erreicht. Knapp drei Stunden und fünf Minuten bin ich inzwischen unterwegs. Auf den letzten Kilometern konnte ich einige Sekunden gutmachen, die ich zuvor, auf dem Weg zum Großen Inselberg, eingebüßt habe.

Wir lassen die Straße zurück und biegen auf einen Waldweg ein. Die nächsten Kilometer über geht es beständig bergauf und bergab. An und für sich nicht anstrengend, in Summe aber zermürbend. Das sich der Wald Immer wieder öffnet und die Sonne uns einheizt, macht es nicht leichter. Mir ist warm und ich merke, wie ich zunehmend austrockne, daran ändert auch der Versorgungspunkt, auf der Strecke nichts.

Der nächste Versorgungspunkt liegt bei Kilometer 37,5. Halbzeit! Ich gebe mich aber keine Illusion hin, die zweite Hälfte in der gleichen Zeit bewältigen zu können. Ich fühle mich besorgniserregend angeschlagen. Bei dem Versorgungspunkt handelt es sich eher um ein ganzes Versorgungslager: Mehrere Stände sind aufgebaut, das Bild erinnert mich sofort an einen Weihnachtsmarkt, es würde mich jedenfalls nicht wundern, wenn jemand gebrannte Mandeln anbieten würde. Ich nehme mir Zeit, trinke mehrere Becher, fülle meine eigene Flasche auf, vor allem um mein eignes ISO Getränk weiter zu verdünnen. Die Mixtur ist widerlich süß.

Nachdem ich mich versorgt habe, setze ich meine Reise fort. Der Weg verläuft wellig, breite Waldwege, meist Wald zu beiden Seiten. Eine helle Lichtung bildet eine willkommene Abwechslung. Mein Blick richtet sich jedoch inzwischen weniger auf die Umgebung als in mich hinein. Ich fühle mich merklich angegriffen, es fehlt an Kraft, das, ohnehin gesunkene, Tempo zu halten fällt mir zunehmend schwer. Ich hoffe darauf, das es sich nur um ein vorübergehendes Tief handelt und mache erst einmal weiter wie gehabt.

Etwa zur Marathon Distanz, etwa 4:20 habe ich bis hier hin benötigt, beginnt ein weiterer harter Anstieg. Schweiß läuft in Strömen, Puls schießt durch die Decke, ich fühle mich schwach und ausgelaugt, schleppe mich den Hang hinauf. Noch reicht es für langsame Laufschritte, aber wie lange noch? Der Hang ist erklommen, wir laufen über eine weitere Lichtung, auf einen Aussichtsturm zu als mich jemand von hinten anspricht. „Soll ich ein Foto von dir machen?“ Er deutet auf meine Kamera. „Ich sehe bestimmt gerade ziemlich fertig aus.“ Antworte ich und überreiche ihm den Apparat. „Tun wir doch alle.“ Vier kleine Wörter, die mich tatsächlich etwas aufbauen.

Die nächsten Minuten geht es eben dahin, geben mir etwas Zeit mich zu erholen, das Gefühl von Schwäche weicht jedoch nicht. Für einige Zeit laufen wir am Rand einer Wiese entlang, eh der Weg wieder in einen Anstieg übergeht. Die meisten wechseln in den Gehschritt und ich bilde keine Ausnahme. Ich greife zu einem meiner mitgeführten Energieriegel, in der Hoffnung damit die Schwäche bekämpfen zu können. Schon beim ersten Biss wird mir speiübel. Ich warte, bis sich das Gefühl gelegt hat und nehme einen zweiten Bissen, wieder Übelkeit, noch stärker als zuletzt. Einen dritten Bissen wage ich nicht.

Ich versuche, weiterhin optimistisch zu bleiben, vielleicht brauche ich noch was zu trinken? Ich nehme mir vor, am nächsten Versorgungsstand, eine kleine Pause einzulegen. Bis dahin schleppe ich mich, gegen steigende innere Widerstände, weiter voran.

Endlich am nächsten Versorgungspunkt angekommen greife zu Wasser, nehme einen Schluck und habe sofort mit Brechreiz zu kämpfen. Das gibt es doch nicht? Das ist doch nur Wasser? Ohne Kalorien weiterzulaufen ist unangenehm, ohne Wasser gefährlich. In winzigen Schlücken leere ich den Becher, die Übelkeit ist schwer zu ertragen, aber immerhin bleibt alles unten, zumindest vorerst.

Die nächsten Kilometer sind eine einzige Quälerei. Die meiste Zeit laufe ich, Anstiege gehe ich, Zeit und Distanz vergehen quälend langsam. Ich schreibe meiner Frau einer Nachricht, berichte von den Problemen, erhalte aufbauende Worte, überbrücke schreibend einen Kilometer. Immer wieder nehme ich Fotos auf, wahllose Motive, jede Ablenkung ist willkommen. Die Sonne setzt mir zusätzlich zu, dabei sind die Temperaturen, mit etwa zwanzig Grad, eigentlich erträglich. Der Waldweg wird durch einen Trail abgelöst, das bringt etwas Abwechslung in meinen langsamen Trott. Zwischen Steinen und Wurzeln, spüre ich deutlich, wie schwer es mir fällt, sichere Schritte zu setzen. Mehr als einmal gerate ich ins straucheln und stoße mir schmerzhaft den Zeh an einem Stein an. Zumindest mit diesem Problem bin ich nicht allein: Wieder werde ich Zeuge wie gleich mehrere Läufer stürzen. Zum Glück passiert nichts schlimmeres, alle können ihren Lauf fortsetzen und immer sind sofort Helfer zur Stelle.

Der Trail endet und ich schleppe mich wieder über endlos lange Waldwege dahin. Kilometer für Kilometer fühle ich mich schlechter, mir ist übel, von Zeit zu Zeit leicht schwindelig. Es noch ins Ziel zu schaffen erscheint mir immer unwahrscheinlicher. Ich weiß des es die Möglichkeit gibt an einem Versorgungspunkt den Lauf mit Wertung zu beenden. Sicher nicht das, was ich mir vorgenommen habe, aber besser als mit leeren Händen nach Hause zu kommen. Den Ausstieg vermute ich irgendwo um Kilometer 64, das sind noch etwa zwölf von hier, selbst wenn ich den kompletten restlichen Weg marschiere würde, wäre die Quälerei in zwei bis drei Stunden beendet. Der Ausblick darauf hat etwas tröstendes und dient mir als Ziel.
Zunächst erreiche ich den nächsten Versorgungspunkt, auf einer Betonwüste gelegen, die sich als Parkplatz herausstellt. Anscheinend ein Ski Station, habe ich gerade kein Auge für. Ich nehme mir einen Becher und kämpfe erneut mit dem Brechreiz um zumindest das bisschen Flüssigkeit in mir zu behalten.
Hätte ich dem Versorgungsstand etwas mehr Aufmerksamkeit gewidmet, hätte ich wahrscheinlich nicht übersehen, das der herbeigesehnte Ausstieg, genau hier gewesen wäre.

Im Gehen leere ich, langsam, meinen Becher, wir verlassen den Parkplatz auf der gegenüberliegenden Seite und tauchen wieder in den Wald ein. Ein weiterer Anstieg, zwingt mich zu Gehschritten, Übelkeit und Schwindel nimmt erneut zu. Bergab trabe ich wieder an, wir überqueren eine Straße, mittels einer aufwändig konstruierten, geschwungenen Fußgängerbrücke. Vor der Brücke haben sich einige Zuschauer positioniert. „Das sieht noch gut aus.“ Rufen sie mir zu, zweifellos gut gemeint, aber eine gar zu leicht zu durchschauende Lüge.

Aufwärts gehen, antraben, voran schleppen, leiden, Übelkeit ertragen. So verbringe ich die nächsten Kilometer, von außen trinkt nichts mehr zu mir durch, bin nur noch mit mir selbst beschäftigt. Jeder kleiner Anstieg lässt Puls und Übelkeit wieder nach oben schnellen. Selbst gehen wird zunehmend zum Problem, ich taumel und torkel den Hang hinauf. Mehr als einmal werde ich angesprochen. „Alles ok?“ Mir wird Wasser und Gel angeboten, sehr freundliche und hilfsbereite Gesten für die ich sehr dankbar bin. Leider hilft mir nichts davon. Ich schicke daher jeden zügig weiter. „So willst du doch nicht noch bis nach Schmiedefeld leiden?“ Denke ich immer wieder und die Überlegung des Ausstiegs wird zum handfesten Entschluss. Ich rede mir fest ein, das bei Kilometer 64 Schluss ist, nicht mehr weit, nur noch 4-5 Kilometer, dann ist es vorbei. Eine zweite sorgenvolle Stimme mischt sich dazu. „Was machst du wenn du dort bist?“ Was kann ich tun, um meinen Zustand zu stabilisieren? Viel darüber grübeln kann ich nicht, denn eine weiter Welle der Übelkeit packt mich und zwingt mich ins Gebüsch. Ich möchte mich übergeben, vielleicht wird es dann besser, aber es kommt nichts. Mehr als Würgen bekomme ich nicht zu Stande, nicht mal diese Erlösung ist mir vergönnt.
Eine Frau, vielleicht ein wenig älter als ich, kommt zu mir. „Kann ich dir helfen, brauchst du was?“ Ich winke ab, aber sie bleibt. Ich erkläre kurz meine Not und auch das ich vorhabe beim nächsten Versorgungspunkt auszusteigen. Sie winkt ab. „Ruh dich etwas aus und dann lauf oder geh durch, das wird besser, hatte ich auch schon öfters.“ Nach einem weiteren kritischen Blick macht sie sich wieder auf den Weg. Ich bleibe für ein paar Minuten am Wegesrand hocken, warte bis sich Puls und Kreislauf beruhigt haben. Alle paar Sekunden bleibt jemand stehen, bietet Hilfe oder Verpflegung an. Ich bin jedem Einzelnen dankbar, dennoch hilft es nicht gerade dabei, zur Ruhe zu kommen, wenn man alle paar Sekunden, seine Nöte erklären muss.
Als ich mich wieder kräftig genug fühle, raffe ich mich auf. Mein neuer Plan steht: Marschieren bis zur Ausstiegsmöglichkeit. Zwei Zitate kommen mir dazu in dem Sinn, zum einen Michael auf den Infinity Loops: „Rennen werden viel zu oft zu früh aufgegeben. Wenn es einem schlecht geht, einfach mal eine längere Paus machen.“ Zum anderen Andreas, dem Pacemaker, dem ich letztes Jahr um den Brombachsee gefolgt bin. „Bergab auch mal eine Pause machen, erholen, nicht nur Tempo machen.“ Bedeutet für mich, auf den einfachen Streckenabschnitten regenerieren, bergauf ist mein Puls auch gehend schon im roten Bereich.

Die Kamera stecke ich für eine Weile ein und beginne meinen Marsch. Es dauert nicht lange, bis ich so den nächsten Versorgungspunkt erreichen, ein kleinerer, hier gibt es nur Wasser und auch keinen gewerteten Ausstieg. Am Stand entdecke ich Zitronen und Salz. Genau das Richtige um den üblen Geschmack von meiner Würgerei zu eliminieren. Vorsichtig knappere ich an der Zitrusfrucht herum. Die Übelkeit ist da, aber erträglich, Wasser verkneife ich mir, möchte mein Glück nicht herausfordern. Ich widerstehe der Versuchung mich hier lange aufzuhalten, je schneller ich mich in Bewegung setze, umso früher habe ich es überstanden.
Ich marschiere weiter, mal leichter trail, mal breiter Waldweg, mal offene, sonnige Abschnitte, tendenziell aufwärts, Bäume, Wald. Die Kilometeranzeige nimmt nur langsam zu, aber die 64 rückt näher und näher. Das Ende ist greifbar nah und das baut mich auf, Stück für Stück verlasse ich den finsteren Tunnel, in dem ich die letzten Stunden über gefangen war. Ich krame die Kamera heraus und beginne wieder ein paar Fotos zu machen.

Ich marschiere über einen Trail auf eine Straße zu als meine Uhr mir das Erreichen der 64 Kilometer Marke bestätigt. Wie auf Ansage verkündet der Streckenposten, der die Straßenüberquerung für uns absichert: „Nur noch zwei Kilometer bis zur schmücke, dann geht es nur noch bergab.“ Das zieht mir fast die Schuhe aus, die 64 Kilometer hatten sich, in den letzten Stunden, völlig ohne genaue Kenntnisse über die Strecke, als feste Größe in mein Hirn eingebrannt und werden hier lapidar als falsch abgestempelt.
In mir arbeitet es: „Nur noch acht Kilometer, vom Versorgungspunkt aus. Fast nur noch bergab. Im Zweifel nicht mehr als zwei Stunden marschieren. Dafür lohnt sich das Aussteigen nicht mehr.“ Ebenfalls erinnere ich mich an die Worte der Läuferin „Zieh durch.“ Das sich der Ausstieg, so kurz vor dem Ziel, nicht befindet, vermute ich, zumindest unterbewusst, sicher auch bereits.
Unser Weg, zur Zeit wieder ein einfacher Trail, flacht ab und das löst eine zweite Reaktion bei mir aus: „Versuch nochmal ob langsames Laufen wieder geht.“ Ganz vorsichtig trabe ich an und es geht tatsächlich: Keine neue Übelkeit wallt auf und das langsame Laufen empfinde ich nicht kraftraubend wie das marschieren. Von Freude zu sprechen wäre übertrieben, dafür fühle ich mich nach wie vor zu erschöpft, zu angeschlagen, aber frische Hoffnung schöpfe ich: Ich kann das hier noch zu Ende bringen.
Wir erreichen den Versorgungspunkt, der letzte Große vor dem Ziel. Ich suche nach einem Hinweis darauf, das man hier gewertet aussteigen kann, finde aber nichts. Weder überrascht mich das, noch trifft es mich. Ich werde das jetzt durchziehen.
Für die letzten acht Kilometer brauche ich Flüssigkeit, ich nehme mir einen Tee und setze mich. In kleinen, vorsichtigen Schlucken leere ich den Becher. Eine leichte Übelkeit wallt auf, aber verhalten und harmlos. Ich gehe ein paar Meter, dann trabe ich wieder an. Wir überqueren die Straße und biegen auf einen Trail ein, der dem Straßenverlauf folgt.

Den Abschnitt erkenne ich, hier bin ich gestern mit dem Auto vorbeigekommen, es ist nicht mehr weit, das setzt noch einmal Kräfte frei. Der kurze Trail endet und wir sind wieder auf breitem Waldweg unterwegs, im Vorfeld hörte ich die Bezeichnung „Waldautobahn“ des Öfteren, eine Beschreibung die tatsächlich gut auf viele Abschnitte der Strecke passt.

Eine weitere Motivationsquelle erschließt sich mir: Ich werde nicht mehr überholt, stattdessen ist es nun an mir zu überholen. Meine Pace liegt inzwischen wieder bei etwa sechs Minuten pro Kilometer.
Kilometer um Kilometer kann ich abhacken, die Strecke bleibt einfach, meist geht es leicht abwärts, nie so steil das es man bremsen müsste. Mein Blick fällt auf die Uhr, alle Zeitziele habe ich schon vor Stunden abgeschrieben. Die Zielschätzung meiner Laufuhr liegt bei knapp über neun Stunden, mein erklärter Wunsch nun unter neun zu bleiben.
Wir erreichen den letzten Versorgungspunkt. Ich greife wieder beim Tee zu, Tee geht, Tee hilft, davon bin ich im Augenblick überzeugt. Leichte Übelkeit wallt auf, ich gehe ein paar Schritte bis sich der Magen wieder beruhigt hat, dann trabe ich erneut an.

Ein weiterer flacher Anstieg, unter normalen Umständen kaum spürbar, in meinem Zustand fordernd, aber laufbar. Zwischen den Bäumen erspähe ich die 70 Kilometertafel, nur noch vier bis ins Ziel.

Wir überqueren eine Ski Abfahrt, unter mir liegt mit Schmiedefeld, einen schönen Fernblick hat man von hier aus. Die Orientierung ist wieder talwärts, unbemerkt und unbeabsichtigt nehme ich fahrt auf, 6:15 für Kilometer 71, 5:38 für Kilometer 72. Ich weiß nicht woher die Kraft für diesen Endspurt kommt, ist mir auch herzhaft, egal, nur noch zwei Kilometer bis ins Ziel.
Wir laufen durch eine enge Kurve hindurch und folgen einem schmaleren Waldweg. Wenig später erreichen wir den Ortsrand und die ersten Häuser. Zuschauer stehen am Streckenrand, klatschen, peitschen uns weiter.


Es geht einen kleinen Hügel hinauf, durch einen roten Torbogen hindurch. In der Ferne kann ich bereits den Moderator hören. Wildfremde Menschen rufen meinen Namen, klatschen mich ab. Ich laufe um eine letzte Kurve herum und befinde mich im Zielkanal.

Das Ziel liegt vor mir, mir kommen fast die Tränen, vor Freude es doch noch ins Ziel geschafft zu haben und vor Erleichterung das die Tortur gleich ein Ende haben wird. Die letzten Meter lege ich wie in Zeitlupe zurück, ich höre den Moderator meinen Namen rufen, höre den Piepser der Zeiterfassung. Nach 8:47:08 ist es vollbracht.

Im Ziel

Ich nehme meine Medaille entgegen und gehe zur Zielverpflegung, Cola und Wasser, dann lasse ich mich ins Gras sinken, dicht neben dem Erste Hilfe Zelt. Nur für den Fall. Übelkeit steigt jetzt, wo der Körper wieder zur Ruhe kommt, wieder auf. In winzigen Schlucken nippe ich an meinen Getränken. Eine der Helfer erkundigt sich nach mir, ich erkläre kurz und verspreche, mich bemerkbar zu machen, sollte sich mein Zustand verschlechtern. Fast zwanzig Minuten hocke ich so da. Ich weiß, das mein Körper komplett entkräftet ist, grob überschlagen habe ich etwa 5500 Kalorien verbraucht, konnte, durch die Übelkeit aber nur etwa 500 zuführen. Das Wichtigste ist Energie aufzunehmen, ich bin mir sicher, das es mir danach bald besser gehen wird.
Tatsächlich fühle ich mich nach den zwanzig Minuten etwas besser. Ich trott über den Festplatz und hole mein Finisher Shirt ab. An einen der Stände kaufe ich mir ein Eis, nachdem ich dieses, ohne weitere Übelkeit, zu mir genommen habe, bin ich sicher das schlimmste überstanden zu haben.
Nach Feiern ist mir nicht zu Mute, ich trete daher kurz darauf den Rückweg zur Halle an. Nach einer Dusche und einem Telefonat mit meiner Frau, mache ich mich auf den Heimweg.

Fazit zur Veranstaltung

Die Organisation des Laufes lässt keine Wünsche offen. Von der Startnummernausgabe bis zum Zieleinlauf klappt alles problemlos. Das Versorgungsangebot auf der Strecke ist vorbildlich. Entlang der Strecke gibt es immer wieder Stimmungscamps, das Ziel in Schmiedefeld hat Volksfestcharakter.
Landschaftlich hat mir die Marathon Strecke deutlich besser gefallen als die des Supermarathons. Der Wald ist zwar hübsch anzusehen, bietet aber kaum Abwechslung und wenig Highlights.
Der Rennsteig wird zwar als Traillauf bezeichnet, bietet aber nur sehr wenige echte Trailabschnitte und ist somit auch für Trailunerfahrene problemlos zu laufen. Das Höhenprofil ist hingegen durchaus fordernd.

Persönliches Fazit

Mein Ziel habe ich klar verfehlt, bis zum Goldsteig liegt zweifellos noch viel Arbeit vor mir. Meine Analyse hat Folgendes ergeben:

  • Zwar viele Kilometer, aber zuwenig wirklich lange Läufe im Training.
  • Zu wenig getrunken: Vor allem am Vortag habe ich zu wenig getrunken.
  • Salzmangel: Eine mögliche Ursache, für meine Übelkeit, könnte Salzmangel gewesen sein, ich habe am Vortag, auf der langen Anfahrt, viel geschwitzt und Salz verloren, welches ich nicht ersetzt habe. Zumindest ging es mir nach der Aufnahme von Salz, auf der Strecke, etwas besser.
  • Früher pausieren: Ich hätte direkt nach Auftreten der Probleme eine Pause einlegen sollen, wahrscheinlich hätte ich so früher wieder anlaufen können.
  • Ernährung: Gels/Riegel noch einmal überdenken, evtl. MCP ins erste Hilfe Set aufnehmen.

Ein weiterer Faktor war sicherlich der Stress der letzten Tage, der aber nicht zu vermeiden war. Natürlich hätte ich mir einen erfreulicheren Ausgang dieses Testlaufs gewünscht, auf der anderen Seite gibt mir dieser misslungene Test die Möglichkeit gegenzusteuern, noch bleiben mir gut drei Monate Zeit.

 

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