Europas längste Kurzstrecke – Goldsteig Ultra Race

Das „Goldsteig Ultra Race“ wirbt damit das längste „None-Stop“ Rennen in Europa zu sein. Auf der Langstrecke gilt es 661km und etwa 19000 Höhenmeter zu bewältigen. Neben dieser kolossalen Aufgabe gibt es zwei weitere Varianten: 488km mit 15700 Höhenmeter und 166km mit 3300 Höhenmetern. Ich stelle mich der Kürzesten der drei Routen. Doch die Herausforderung besteht nicht nur aus Distanz und Anstiegen …

Hinweis: Dieser Bericht folgt dem Prinzip des Rennens: von Zeit zu Zeit gefühlt endlos. Abkürzen ist in diesem Fall erlaubt, um zu verstehen, worum es geht, solltest du jedoch die Einleitung zu ende lesen und kannst dann zum Abschnitt „Das Rennen“ springen.
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Das „Goldsteig Ultra Race“ folgt über weiten Teilen den namensgebenden Goldsteig Wanderweg, dem längsten durchgängigen Wanderweg Deutschlands. Dieser hat eine Länge von 661km und wird, auf der Langstrecke, somit vollständig abgelaufen. An einigen Abschnitten wird kurzzeitig von der original Route abgewichen, um Sehenswürdigkeiten einzubinden, eine der „Aid-Stations“ (dazu gleich mehr) anzusteuern, unpassierbare Abschnitte zu umgehen oder Naturschutzauflagen Rechnung zu tragen. Der Wanderweg selbst ist zwar ausgeschildert, die Abweichungen werden jedoch nicht gesondert markiert. Um die richtige Strecke zu finden, wird daher ein GPS Navigationsgerät benötigt.
Gelaufen wird „None-Stop“ was natürlich nicht bedeutet, das man keine Pause einlegen darf, sondern das man Ort, Zeitpunkt und Dauer der Pausen selbst bestimmt. Verpflichtend einzuhalten sind lediglich einige Cut-Off Zeiten an den „Aid-Stations“. Für die lange Strecke stehen einem acht Tage zur Verfügung, für die Mitteldistanz sechs und für die Kurzstrecke zwei. Dies ergibt, im Durchschnitt, eine zu laufende Distanz von etwa 80km pro Tag.
Anders als auf den meisten Veranstaltungen gibt es keine Versorgungspunkte, sondern, ebenfalls im Abstand von ca. 80 Kilometern, so genannte „Aid-Stations“. Hier gibt es Wasser, Nahrung und meist auch eine Schlafgelegenheit. Darüber hinaus ist es jedem Läufer gestattet, sich von einer Crew versorgen zu lassen oder, zum ausruhen, z.B. einen abgestellten Wohnwagen zu nutzen. Als Besonderheit gibt es, nach 35 Kilometern, einen kleinen Versorgungspunkt. Mir stehen somit zwei organisierte Versorgungsmöglichkeiten zur Verfügung um alles Weitere muss ich mich selbst kümmern.
Da die Strecke häufig fernab von bewohnten Gebieten verläuft, gibt es eine umfangreiche Liste an Pflichtausrüstungsgegenständen, die in Notsituationen über Leben und Tod entscheiden können. Neben einem erste Hilfe Set gehören z.B. warme Wechselkleidung, zwei Stirnlampen und ein Notfallschlafsack zur Pflichtausrüstung. Mit Wasser und Verpflegung kommen so schnell einige Kilo Gewicht zusammen, die das ganze Rennen über, getragen werden müssen.
In Summe ergibt das eine Fülle von Herausforderungen, dies es zu bewältigen gibt: Distanz, Streckenprofil, Gelände, Wetter, Navigation, Organisation der Verpflegung und Gewicht der Ausrüstung.

Die Dog Challenge

Eine Besonderheit der Veranstaltung ist die Dog Challenge. Diese besteht darin, 66,1km mit dem eigenen Vierbeiner zu laufen, also 10% der Langstrecke. Die Distanz muss nicht am Stück zurückgelegt, sondern kann auf beliebig viele Teilstücke aufgeteilt werden. Da ich gerne mit Hund laufe habe ich Amak, einen von unseren beiden Huskies, direkt für die Challenge angemeldet. Zum Zeitpunkt der Anmeldung war ich noch sehr zuversichtlich, dass wir das locker gemeinsam hinbekommen. Im Frühjahr erkrankten jedoch unsere Hunde, beide verloren viel Gewicht und an Training oder gar Wettkämpfe war nicht zu denken. Die Ursache war lange unklar, schließlich wurde, bei Amak, eine defekte Bauchspeicheldrüse festgestellt, Tuaq scheint an einer Lebensmittelunverträglichkeit zu leiden.
Trotz diese Erkenntnisse gelang es uns lange nicht, das Gewicht der Beiden zu erhöhen. Den gemeinsamen Start hatte ich daher bereits abgeschrieben, erst in den letzten Wochen zeichnete sich Besserung ab. Die 66 Kilometer wären dennoch zu viel, nach Rücksprache mit dem Veranstalter werden nun beide Hunde im Wechsel mitlaufen.
Überhaupt gemeinsam starten zu können bedeutet mir viel und ich hoffe das wir auch gemeinsam das Ziel erreichen werden.

Vorbereitung

Bereits seit Jahresbeginn bereite ich mich auf diesen Wettkampf vor. Einen ersten Schwerpunkt setze ich im März, mit der Teilnahme an der „I Run 661“-Challenge, in der es darum geht, im März, 661 Kilometer weit zu laufen – die Distanz der Goldsteig Langstrecke.
In den folgenden Monaten durchlebte ich ein beständiges Auf und Ab, durchlitt den Rennsteig, konnte dafür beim 24 Stunden Lauf in Reichenbach ein, für mich, sehr gutes Ergebnis erzielen, nur zwei Wochen später kämpfte ich mich erfolgreich über den Maintal Ultra Trail. Leider suchte mich, eine Woche darauf, eine Erkältung heim, die mich zwei Wochen außer Gefecht setze, eine weitere Woche brauchte ich für den Wiedereinstieg ins Training. Damit verlor ich einen von drei Kerntrainingsblöcken. Auch den folgenden und letzten Block konnte ich, auf Grund fehlenden Trainings, nicht in der Form gestalten wie ich mir das vorgestellt hatte. Die Folge: Zu wenig wirklich lange Läufe. Je einen Lauf über 45, 55 und 60 Kilometer kann ich in den letzten drei Wochen vorweisen, dazu noch einige im höheren 30iger Bereich. Nicht katastrophal aber weniger als erhofft. Ein weiteres Problem sind zu wenige Gewöhnungsläufe mit schwerem Gepäck, das hatte ich nur bei den drei langen Läufen dabei.
Das Gepäck erweist sich dabei als problematisch, der erste Rucksack ist zu groß, sitzt zu locker und sorgt für einen wunden Rücken. Mit dem zweiten klappt es besser und beim dritten Lauf habe ich auch eine Strategie, wie ich den Rucksack richtig packe.
Trotz der Probleme kann ich auf mehr als 3300 Trainingskilometer, seit Jahresbeginn, zurückblicken und denke, damit eine solide Basis für den Lauf zu besitzen.

Die Planung

Wenige Wochen vor dem Start stürzen wir uns in die Detailplanung für das Rennen. Am Donnerstagabend findet das Briefing statt, Start ist am Freitag um 12 Uhr, Zielschluss am Sonntag, ebenfalls um zwölf Uhr. Mein Ziel besteht darin, das Ziel nach 30 Stunden zu erreichen, also Samstag um 18 Uhr. Die Siegerehrung ist für Sonntag, etwa eine Stunde nach Zielschluss, angesetzt.

Da wir mit Hunden anreisen, werden wir uns auf einem Zeltplatz einquartieren, von Donnerstag bis Sonntag. Nach vielem Hin und Her entscheiden wir uns letztlich für einen Zeltplatz direkt am Ziel, das macht, auf Grund vieler langer Fahrten, den Donnerstag zwar anstrengender, den Abreisetag, mit Abbau, Siegerehrung und Heimreise aber entspannter.

Aufwändiger ist das Auffinden von geeigneten Treffpunkten, entlang der Strecke. Meine Frau wird mich bis in die Abendstunden unterstützen, danach die Nacht über ausruhen und mich am nächsten Morgen wieder auf der Strecke treffen. Die Nacht über bin ich also auf mich alleine gestellt. Mehrfach hat sie mir angeboten, zur Not auch in der Nacht auf der Strecke zu sein, was ich aber ablehne: Die ganzen Tage werden auch so anstrengend genug, so kann zumindest sie ausschlafen.

Wir versuchen Treffpunkte, im Abstand von jeweils zehn Kilometer, zu finden. Das klappt nicht immer, manche Abschnitte sind etwas länger, andere etwas kürzer. Von jedem Treffpunkt notiere ich die Adresse und erstelle eine Anfahrtsskizze. Des Weiteren füge ich Informationen wie „geschätzte Laufzeit“, „geschätzte Fahrzeit“ und Distanz zum nächsten Treffpunkt hinzu, auf diese Weise entsteht ein kleines Roadbook. Ich bin überzeugt davon, dass die Aufteilung in diese handlichen Teilstrecken auch mental sehr hilfreich sein werden.

Zuletzt legen wir fest, welcher Hund, welchen Abschnitt laufen wird. Amak hat etwas mehr Ausdauer als Tuaq und wird mich auf drei Abschnitten begleiten. Zwei davon sind gesetzt: Start und Zieleinlauf. Einen weiteren Abschnitt soll er am Freitagabend laufen. So hat er lange Ruhephasen zwischen seinen Einsätzen, insgesamt sind es etwas mehr als 25 Kilometer. Tuaq wird mich am Freitag am zweiten Abschnitt begleiten und einem am Samstag. Welcher genau ist nicht sicher, da ich nicht genau planen kann, wie viel Strecke ich über Nacht schaffe. So oder so werden es nicht ganz 20 Kilometer für ihn werden.

Die Strategie

Wie immer fällt es mir schwer, eine Zielzeit festzulegen. Ich weiß zu wenig über die Beschaffenheit der Strecke und den Schwierigkeiten die auf mich warten. Letztlich lege ich mich auf eine Laufzeit von 30 Stunden fest. Als wichtigstes Zwischenziel gilt mir die Aid Station in Leuchtenberg, bei Kilometer 85, gegen Mitternacht möchte ich diese verlassen haben.
Außer dem Stop in Leuchtenberg möchte ich meine Pausen möglichst kurz halten. Um Kraft zu sparen plane ich, des Weiteren, die meisten Anstiege und schwierigen Passagen gehend zu bewältigen.

Das große Packen

Schon in den letzten Wochen habe ich viel darüber gegrübelt, welche Ausrüstung ich wann und wo benötige. Vorrangig ist die Pflichtausrüstung im Rucksack, aber auch der Inhalt der Drop Back will wohlüberlegt sein. Des Weiteren packe ich noch einen „Supportrucksack“, mit allem, was ich Unterwegs von meiner Frau entgegennehmen möchte. Weniger aufwändig gestaltet sich eine Tasche für das Ziel und eine Tasche mit meiner Laufkleidung für den Start. Vieles braucht man doppelt und dreifach, denn was in der Drop Back ist, kann, oh Wunder, sich nicht im Supportrucksack befinden. Im Laufe der Woche vor dem Rennen bilden sich Stapel im Haus, halbgepackte Taschen liegen herum, ich bilde Checklisten was in welche Tasche gehört. Dennoch brauche ich am Mittwoch fast vier Stunden um alles einzupacken und auch am Donnerstag, vor der Abfahrt, fallen mir noch Kleinigkeiten ein die noch eilig den Weg in die entsprechende Tasche finden.

Mit den sportrelevanten Dingen ist es aber nicht getan, wir müssen auch noch alles zusammensuchen was Hund und Mensch für drei Übernachtungen im Zelt benötigt. Schließlich werden wir mit zwei vollgepackten Autos aufbrechen.

Die Anreise

Donnerstagvormittag brechen wir auf und erreichen gegen Mittag, ohne größere Schwierigkeiten, den Zeltplatz. Man merkt, dass der Herbst angebrochen ist, denn wir teilen uns das große Areal lediglich mit zwei anderen Campern, von denen einer wenig später abreist. Zumindest müssen wir uns so keine Sorge machen, dass sich jemand an unseren Hunden stören wird.

Wir erkunden zunächst die Umgebung und geben den Hunden Gelegenheit sich die Pfoten zu vertreten, eh wir mit dem Aufbau beginnen. Knapp zwei Stunden später steht das Zelt, samt Interieur und wir entspannen bei einem verdienten Kaffee.

Etwas Zeit haben wir noch, bis wir zum Check-In und Briefing aufbrechen müssen, die Nutzen wir, um die Gegend zu erkunden. Zunächst gehen wir zum Hotel, hier ist der Zieleinlauf am Samstag (hoffentlich). Danach laufen wir noch ein Stück durch den angrenzenden Wald, hübsch ist es hier, das macht Lust auf die Strecke.

Die Fahrt nach Marktredwitz, hier ist der Start, zieht sich. Mehr als anderthalb Stunden fahren wir über Landstraße und Autobahn, die Fahrt macht deutlich, welche Distanz ich morgen in Angriff nehmen möchte.

Das Briefing

Zum Glück dürfen die Hunde mit in das Hotel, das habe ich zuvor telefonisch geklärt, das macht für uns vieles einfacher. Dennoch habe ich etwas Sorge wie die zwei sich benehmen, wir waren noch nie mit ihnen in der Stadt und auch in einem Hotel waren sie noch nicht.

Bereits vor dem Eingang tummeln sich einige Teilnehmer, im Eingangsbereich steht ein großes Goldsteig Banner, kein Zweifel, hier sind wir richtig. Wir betreten das Hotel und erfragen uns den Weg zum Check In, dort treffen wir auf Michael Frenz, dem Organisator des Rennens. Wir kennen uns bereits von den „Infinity Loops“ Trainingsevent, wo wir viele Stunden gemeinsam unterwegs waren, und trafen uns zuletzt beim Maintal Ultra Trail. Die Begrüßung fällt herzlich aus, nach einem kurzen Plausch nehme ich die Startunterlagen und das bestellte Drop Back entgegen. Für die Tasche werden noch einmal zwanzig Euro fällig, im Gegenzug erhalte ich eine robuste und geräumige Tasche mit Goldsteig Logo und der Aufschrift „Drop Back“, ein schönes Souvenir. Die Notwendigkeit für einheitliche Drop Backs leuchtet mir ein, dies erleichtert den Transport ungemein.

Ich durchstöbere den aufgebauten Shop, kaufe letztlich noch wasserdichte Socken, die legt mir Michael wärmsten ans Herz, mich sträubt es aber ungetestete Ausrüstung einzusetzen, denke eher an den bevorstehenden Winter. (So viel sei vorweggenommen: Morgen Nacht werde ich mir wünschen die Socken am Fuß zu haben)
Bis zum Briefing ist es noch fast eine Stunde Zeit, wir bringen daher zunächst alles in Auto zurück und gehen dann noch etwas mit den Hunden spazieren.

Pünktlich sind wir wieder im Hotel, das Briefing findet in einem großen Saal, neben dem Check- In statt. Nach und nach sammeln sich die Teilnehmer. Unsere Hunde sind ein Blickfang, oft werden wir gefragt ob die zwei Mitlaufen, während wir erklären ernten die Zwei ihre Streicheleinheiten.

Das Teilnehmerfeld ist international, während auf der „Kurzstrecke“ vorrangig Starter aus Deutschland und dem benachbarten Ausland teilnehmen, zieht die Langstrecke Trailläufer aus der ganzen Welt an. Es ist daher wenig verwunderlich das, das Briefing auf Englisch stattfindet.

Es wird noch einmal eindringlich auf die Pflichtausrüstung hingewiesen, ebenso auf die Wichtigkeit von Pausen und Fußpflege. Die Kernbotschaft an uns: Es ist unser Abenteuer, aber wir sind auch selbst für uns verantwortlich, die meisten Probleme müssen wir vor Ort selbst lösen. Den Umgang mit seiner Ausrüstung zu beherrschen hat daher oberstes Gebot. Ich hinterfrage kritisch, wie es bei mir selbst um diese Fähigkeit steht, weiß ich z.B., wie man Verletzungen verarztet? Um ehrlich zu sein, eine Auffrischung in erster Hilfe würde mir nicht schaden.

Auch das Thema „Wolf“ steht auf der Tagesordnung, da in der Region einzelne Tiere gesichtet wurden. Ich habe keine Angst vor Wölfen, sie scheuen Menschenkontakt und einen zu Gesicht zu bekommen wäre ein Wunder, das erklärt Michael genauso. Überraschen tut mich hingegen die Warnung vor (Hof-)Hunden, in einem vergangenen Jahr wurde ein Teilnehmer von einem freilaufenden Hund gebissen, die Wunde hat sich infiziert, was nicht nur das Ende des Rennens, sondern auch mehrere Tage Krankenhaus für den Gebissenen bedeutete.

Anschließend wird die Strecke vorgestellt, beim Check-In haben wir eine Karte erhalten die auch das Höhenprofil beinhaltet. Nach und nach gehen wir nur, anhand der Karte, das komplette Rennen durch. Die 160 Kilometer Strecke wird dabei als „Warmup“ bezeichnet, es klingt nach einem Scherz, ein Blick auf das Höhenprofil der folgenden Abschnitte macht aber deutlich, dass es schlicht den Tatsachen entspricht.

Michael führt mit viel Witz und Anekdoten durch das Briefing. Man kann deutlich spüren wie die Anspannung und Vorfreude im Saal, von Minute zu Minute zunimmt, die perfekte Einstimmung.

Nach dem Briefing essen wir noch im Hotelrestaurant und treten dann die Rückfahrt zum Zeltplatz an.

Freitag – vor dem Rennen

Der Morgen beginnt mit einem kurzen Spaziergang mit den Hunden, wir werden heute, zweifelsfrei, alle noch genug Bewegung bekommen. Nach einem ausgiebigen Frühstück lass ich mir von Susann noch den Rücken mit Kinesio Tape bekleben. Das Tape soll den Rücken entlasten und Wundreiben verhindern.

Ich starte in kurzer Laufkleidung und zunächst mit einem „Allround Trainingsschuh“, die ersten 60 Kilometer haben ein leichtes Streckenprofil, ich hoffe hier ohne Trailschuh und somit etwas bequemer, auszukommen. Für den zweiten Teil der Strecke werde ich dann auf einen Trailschuh wechseln.

Wir beladen das Auto, nur mit Not passt alles hinein und machen uns erneut auf den Weg nach Marktredwitz. Die Fahrt verläuft ereignislos und wir erreichen gegen zehn Uhr das Hotel. Vor Ort herrscht bereits reges Treiben, im Saal, in dem gestern das Briefing statt gefunden hat, stapeln sich bereits Drop Backs, Teilnehmer sitzen an den Tischen und kontrollieren oder verpacken ihre Ausrüstung.

Ich reihe mich zum Ausrüstungscheck ein, kontrolliert werden nur die wichtigsten Gegenstände, darüber bin ich dankbar. Die ganze Liste umfasst etwa zwanzig Punkte, natürlich habe ich alles dabei, aber alles aus- und wieder einzupacken wäre ein ziemlicher Aufwand. Wenig später erhalte ich ein Häkchen auf meiner Startnummer und bin nun offiziell startbereit.

Amak und Tuaq sind aufgeregt, wie könnte ich es ihnen verdenken, mir geht es nicht anders. Ich unterhalte mich mit dem ein oder anderen Starter, fast immer geht es um die Hunde, die Zeit vergeht nur langsam.

Gegen elf Uhr versammelt Michael noch einmal alle Kurzstrecken Läufer, wir sollen uns einmal alle sehen, bekanntmachen, es folgen noch ein paar Worte zur Einstimmung und der Hinweis das auf die Siegerehrung am Sonntag verzichtet wird. Kann ich nachvollziehen: Wir sind nur fünfzehn Starter, von denen wahrscheinlich nicht alle bei der Ehrung teilnehmen würden, so haben alle mehr Flexibilität für ihre Abreise. Nach der kurzen Besprechung sammeln wir uns vor dem Hotel. Nehmen Einzel- und Gruppenfotos vor dem Goldsteig Banner auf.

Wir steuern langsam aber sicher auf zwölf Uhr zu und sind noch immer vor dem Hotel. Der Start liegt hingegen woanders, wo genau, weiß ich nicht, ein früherer Teilnehmer hat vor einem Fußmarsch von etwa zehn Minuten gesprochen. Der Trubel macht die Hunde verrückt, sie sind unruhig, bellen und springen in die Leine. Ich bin heilfroh, als wir uns endlich in Bewegung setzen.
Der Marsch durch die Stadt ist anstrengend, das liegt an den zwei wilden Bestien die wir unter Kontrolle bringen müssen, sie spüren genau, was hier vor sich geht, wollen laufen. Die nahezu spürbare Anspannung die von mir und den übrigen Teilnehmern ausgeht verstärkt die Aufregung der Hunde weiter.
Wir erreichen eine Informationstafel, Michael hält an und verkündet das wir uns nun auf dem Goldsteig befinden, er erzählt noch mehr, davon bekomme ich jedoch nichts mit, da ich mit Amak etwas abseits bleibe. Nach einer Minute ziehen wir weiter bis wir den Auenpark erreichen. Die Szenerie erkenne ich sofort von Fotos früherer Jahre, wir haben den Start erreicht. Ich beeile schalte Laufuhr und Navigationsgerät ein, lade die Tracks, während wir vor einer Brücke Aufstellung beziehen. Eh ich mich dazu geselle verabschiede ich mich von meiner Frau, nehme Glückwunsche entgegen. Tuaq findet es ziemlich doof, zurückbleiben zu müssen und macht seinen Unmut lautstark Luft.
Gegen zehn nach Zwölf werden letzte Fotos geschossen, letzte Worte der Einstimmung gesprochen und der Countdown angestimmt.

Das Rennen – Nach Falkenberg

Als der Countdown endet und sich das Feld in Bewegung setzt, gibt es für Amak kein Halten mehr. Er schießt nach vorne, schlängelt sich zwischen den Läufern hindurch und versucht in Führung zu gehen. Mein erster Impuls ist ihn zurückzuhalten, das würde, im dichten Feld, aber wahrscheinlich mehr Probleme schaffen als lösen also trete ich gleichsam die Flucht nach vorne an.

Ganz nach vorne schaffen wir es nicht, zwei Läufer haben sich, bereits wenige Sekunden nach dem Start, ein paar Meter Vorsprung erlaufen, den sie auch gegen das Husky-Mensch Gespann verteidigen. Mein Vorpreschen entspringt der Not, in Bewusstsein, das ich durch solche Sprinteinlagen, viel Kraft verschwende, ihre Taktik ist mir hingegen unklar. Egal ob nun 166 oder 661 Kilometer vor ihnen liegen, dass Tempo kann nur zu hoch sein.
Wir laufen zunächst am Teich entlang und biegen dann auf einen Radweg ein. Ich werfe einen letzten Blick zurück zum Start, das Hauptfeld liegt überraschend weit zurück.

Kaum haben wir das Startareal zurückgelassen, nimmt Amak Geschwindigkeit raus, erleichtert sich erst einmal am nächsten Baum. Dann laufen wir etwas verhaltener weiter, wenig später steht die erste Straßenquerung an. Ich nehme den Hund kurz und überprüfe zweimal das die Überquerung sicher ist. Das kein Auto kommt, war mir auch ohne dieses Ritual klar, aber durch diese strukturierte Überquerung möchte ich Amak weiter beruhigen und auf ein gesittetes gemeinsames Laufen einstimmen.
Wir laufen an einer Wohnstraße entlang, zu Rechten liegt eine Pferdekoppel, schließlich endet die bebaute Straße und geht in einen Wiesenweg über. Der Pfad führt über eine kleine Kuppe hinweg und führt zu einer Landstraße, wieder nehme ich Amak kurz, bevor ich die Straße überquere. Der Wiesenweg setzt sich auf der gegenüberliegenden Seite fort.

Der erste Welle Adrenalin ist bei uns beiden abgeebbt, ich versuche, das Tempo, zu kontrollieren und zu reduzieren. Natürlich fühle ich mich noch locker und entspannt, bin froh das mein Abenteuer, nach einem Jahr der Vorbereitung, nun begonnen hat, dennoch sollte ich den Kraftaufwand für das Laufen auf der Wiese nicht unterschätzen.
Schon bald endet die Wiese und geht in einen betonierten Weg über, eine Fußgängerin mit Hund kommt mir entgegen, wieder heißt es Amak kurz nehmen. Hundebegegnungen sind mit einem pubertierenden Rüden nicht immer einfach. Im Augenblick ist ihm der andere Vierbeiner aber egal und wir passieren problemlos. Die Führenden sind noch immer in Sicht, biegen gerade nach links ein, intuitiv folge ich bis meine Uhr mich vor einer Streckenabweichung warnt. Ich zücke mein Navigationsgerät und dies bestätigt das wir nach rechts müssen. „Wir müssen unten lang.“ Rufe ich den führenden hinter her, die drehen kurz um und erwidert „Nein, bis Kilometer 150 können wir immer den Goldsteig Schildern folgen.“ Und setzen ihre Reise fort. Ich bin maximal verunsichert und prüfe noch einmal die Anzeige. Inzwischen hat mich der Rest vom Feld erreicht, alle gemeinsam folgen dem potentiell falschen Weg.
Einer unter ihnen, der Schweizer Daniel erreicht mich als erster, ich erkläre kurz meine Zweifel, während der Rest weiter zieht. Sein eigenes Navi hat noch Probleme den Track zu laden, weswegen wir es nicht zu Rate ziehen können. Wir schauen gemeinsam auf mein Gerät, es geht eindeutig unten weiter. Langsam breitet sich Verunsicherung auf, die ersten drehen um, viele schauen und tippen auf ihren Navigationsgeräten herum. Schließlich schwenken wir und setzen die Reise auf dem vorgesehenen Weg weiter. Die Führenden sind längs entfleucht, da sie dem Original Goldsteig Weg folgen, auf den wir schon sehr bald wieder einschwenken werden, sollten sie sich zumindest nicht nennenswert verlaufen.
Zurück auf dem richtigen Weg kommen wir an einer Koppel mit Lamas vorbei. Für Amak sehr interessant, solche Tiere hat er noch nie gesehen.

Wir laufen ein Stück durch den Ort „Waldershof“, einen Vorort von Marktredwitz. Auch hier heißt es wieder Hund kurz nehmen dazu das Navi im Auge behalten, um nicht erneut falsch abzubiegen. Eine Art von Multi-Tasking, die mir im Laufe des Tages, in Fleisch und Blut übergehen wird.
Daniel bleibt in meiner Nähe, verlässt sich anscheinend auf meine Navigationskünste. Inzwischen haben wir wieder den vorderen Teil des kleinen Feldes erreicht. Am Ortsrand bietet er an ein Foto von mir zu machen, was ich gerne annehme.

Weiter geht es über Feldwege, nach wie vor weitestgehend eben. Etwa einen Kilometer später verpasse ich erneut eine Abzweigung. Dieses Mal fällt der Fehler schnell auf, ein Schild übersehen und kein Auge auf das Navi geachtet. Kaum fünf Kilometer gelaufen und schon zweimal verlaufen, wenn es eine Mahnung braucht zukünftig besser auf den Streckenverlauf zu achten, wäre sie somit erbracht.
Wir folgen dem Feldweg für einen weiteren Kilometer, laufen an einem kleinen Weiher vorbei und überqueren wenig später eine weitere Straße. Dahinter beginnt der erste echte Anstieg des Tages. Wie alle wechseln wir sofort in den Gehschritt. Der schmale Pfad führt zunächst dicht am Waldrand entlang und eröffnet zur rechten Seite hin einen schönen Fernblick über Wälder und Täler. Daniel deutet in die Richtung „Genau für solche Anblicke tuen wir das.“ Ich nicke, besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.
Wir betreten den Wald und laufen auf einem Singletrail weiter, über Stock und Stein geht es zunächst weiter bergan, um eine Kurve herum bergab und wenig später wieder bergan. Amak nimmt fahrt auf, nicht ganz ungefährlich und tatsächlich komme ich ins Rutschen, kann mich aber fangen – nichts passiert.

Wenige Minuten später verlassen wir den Wald und laufen am Rand eines Trichters entlang, die Wiese fällt steil bergab, der Wald liegt darunter, in der ferne Hügel und weitere Wälder. Ein grandioser Ausblick, den ich leider nicht in Bild festhalten kann, ohne die Tiefe, die kühle Luft und den sanften Wind der uns um die Nase weht wirkt das Abbild nicht.

Wir erreichen einen geteerten Feldweg, den wir abwärts Folgen. Ein Blick zur Uhr bescheinigen mir bereits knapp acht Kilometer gelaufen zu sein. In etwa einen Kilometer sollte ich Susann und Tuaq treffen, sofern sie es pünktlich zum Treffpunkt geschafft haben. Der Fußweg vom Start bis zum Auto war recht lang, hinzu kommt die Fahrt zum Treffpunkt und die Frage, ob sie ihn auf anhieb gefunden hat. Auf der anderen Seite hat der Irrweg zu Beginn und auch der letzte Anstieg Zeit gekostet. Falls nicht wäre das auch kein Problem, die nächste Zusammenkunft wäre in 9,4 Kilometern, Amak zeigt noch keine Ermüdungserscheinungen und ich selbst habe auch alles dabei, was ich brauche.
Die Sorge ist unbegründet, denn wenig später steht sie, zusammen mit Tuaq, der mich den nächsten Abschnitt begleiten wird, am Straßenrand. Die Freude bei Hund und Herrchen ist groß. Amak nimmt fahrt auf, schließlich hechten wir ein paar Meter zu viert den Weg entlang, bis wir Susanns Auto erreichen. Für Amak steht Wasser parat und auch mein Versorgungsrucksack ruht neben dem Auto. Ich greife zu meiner Trinkflasche mit dem „Flüssiggel“ (Maurten Trinkpulver, ein wichtiger Bestandteil meines Versorgungskonzepts) und nehme mich ein Päckchen Kekse, welches ich gleich unterwegs essen werde. Während ich kurz berichte, wie es bislang gelaufen ist, wechseln wir die Hunde, dann geht es direkt weiter.

Der Weg steigt an, laut Streckenprofil nun durchgehen bis etwa Kilometer 13 oder 14, von dort an folgen etwa 45 flache Kilometer bis nach Neustadt an der Waldnaab. Gemeinsam mit Tuaq laufe ich, zwischen Feldern hindurch, auf den Wald zu. Es dauert nicht lange, bis ich Daniel wieder eingeholt habe. Für ein paar Minuten laufen wir gemeinsam, bis es etwas steiler wird und er in den Gehschritt wechselt. Tuaq strotzt noch vor Energie, hilft mir ein wenig den Anstieg hinauf. In dem Moment ist mir das etwas unangenehm, zweifelsfrei hilft mir mein Hund an diesem Anstieg, ich bin mir jedoch sicher das ich später, durch überzogenes Tempo, Trink- und Schnüffelpausen sowohl mehr Kraft und Zeit opfern als sparen werde.

Im Wald angekommen gabelt sich der Weg mehrfach, die „Wurmnavigation“ deutet grob nach links, dort gibt es jedoch zwei Wege, nach einem prüfenden Blick auf das Navigationsgerät ist der schmalere, wildere, der richtig. Dort entdecke ich, wenig später, auch das gelbe Goldsteig Symbol. Der Pfad führt über Wurzeln und herabgefallene Äste, lässt sich aber problemlos laufen.
Der Weg wird schmaler, steiler und überwucherter und verengt sich schließlich auf einen Single-Trail. Das Grass ist Nass und ich spüre die Feuchtigkeit an meinen Füßen, meine leichten Schuhe bieten keinerlei Schutz dagegen und ich hoffe, mir nicht gar so früh, Blasen zu reiben.
Ein Läufer taucht vor mir auf, gehend und ich tue es ihm erst einmal gleich, etwas Kräfte sparen und zum Vorbeizwängen wäre das Dickicht auch kein guter Ort. Tuaq gefällt das nicht, er möchte lieber die Führung übernehmen und ich muss aufpassen, den Abstand so weit zu halten, das die Leine nicht bis zum Vordermann reicht. Als sich der Weg etwas weitet, überhole schließlich doch – Hund freud’s.

Nicht sehr steil, aber stetig, schraubt sich der Weg weiter nach oben, das ändert sich auch nicht als wir das Gebüsch verlassen und für ein paar Minuten einer Landstraße folgen. Wir erreichen einen Parkplatz und biegen wieder in den Wald ein, zwei Wanderer steigen gerade aus einem der Autos aus, mit Hund, also Tuaq kurz nehmen und zügig vorbei.
Ein breiter Waldweg liegt vor uns, führt sogar etwas bergab, aber schon bald beginnt erneut die Steigung, zunächst moderat, dann so stark das ich in den Gehschritt verfalle. Der Anstieg kostet Kraft und beschleunigt Atmung und Puls, als Tuaq zur Seite ausschert, um ein Geschäft abzuwickeln, bin ich froh über die kurze Pause.
Es wird flacher, ich blicke zur Uhr, eigentlich um zu prüfen, ob wir bereits bei Kilometer 13 sind und nun der Abstieg beginnt und sehe, das ich schon wieder falsch bin. Ich habe offensichtlich eine Abzweigung verpasst, also wieder ein paar Meter zurück, dann entdecke ich den schmalen steinigen Pfad, der weiter bergan führt. Wurzeln und kindskopfgroße Steine erschweren das Vorankommen, ich gehe und versuche Tuaq zu dirigieren, unsere Hunde verstehen beide die Kommandos „Rechts“ und „Links“, was es mir etwas leichter macht.

Der schmale Pfad endet und stößt auf einen breiteren Waldweg, der ist noch immer recht steil, aber deutlich einfacher zu laufen, unvermittelt taucht vor uns eine gewaltige Felsenburg auf. Schmale Treppen führen hinauf zum Burgfrit, einige Wanderer erkunden das Gemäuer und auch ich hätte große Lust ihnen gleich zu tun. Aber, besonders mit Hund, wäre dies ein Kraft- und zeitraubendes Unterfangen, ich nehme mir dennoch einen Augenblick um das Bauwerk auf mich wirken zu lassen.
Auf einmal ist Daniel wieder da. „Ich mach ein Foto von euch, vor der Burg“ beschließt er und greif nach meiner Kamera. Das Angebot nehme ich zu gern an und gehe in Pose. Leider hat hier die Technik versagt und ich finde zu Hause kein Bild davon im Speicher, immerhin bleibt mir ein zuvor aufgenommenes von der Burg.

Der Abstieg beginnt, Daniel läuft voraus, ich will mit Tuaq folgen, doch der hat so einen Spaß, das er erst einmal auf den nächsten Felsen springt und dann nicht mehr weiß wie er sicher herunter kommen soll. Ich habe, meine Not damit, ihn wieder herunter zu lotsen. Dann ist Daniel jedoch schon fort und Tuaq möchte schnell hinterher, was ich nicht zulassen kann. Der Abstieg ist sehr steil, besteht aus groben Felsen, losen Laub und dicken Wurzeln. Stolperfallen überall, auch ohne Hund nicht ganz ungefährlich. Vorsichtig, Schritt für Schritt erarbeite ich mir meinen Weg nach unten, gebe Tuaq Anweisungen und gebe ihn nur soviel Leine wie er braucht.

Schweißtreibende Minuten vergehen, mehr als einmal komme ich ins Rutschen und ich bete dafür, das mir niemand entgegenkommt. Schließlich endet der steile Pfad und wir stoßen auf einem breiten Waldweg, der sanft bergab führt.
Tuaq gibt Gas, gemeinsam wetzen wir durch den Wald, den nächsten Kilometer schließen wir in 4:45 ab, ein irrwitziges und selbstvernichtendes Tempo für einen 100 Meilen Lauf. Hund gefällt’s, aber Herrchen bremst dann doch lieber auf eine erträglichere Geschwindigkeit ab. Daniel habe ich inzwischen wieder erreicht, ebenso Jin Cao, den Läufer, den ich vor einigen Kilometern im Dickicht überholte, bei der Burg hat er mich wieder eingeholt. Die zwei unterhalten sich angeregt, ich bin mit Zuhören gerade zufrieden. Jin nimmt bereits zum vierten Mal teil und konnte die Langstrecke schon zweimal erfolgreich Finishen, ich bin mehr als beeindruckt.
Der Weg wird zerfurchter, rustikaler, ich muss aufpassen nicht umzuknicken. Die beiden Erfahreneren lassen es etwas langsamer und vorsichtiger angehen und so setze ich mich ein paar Meter nach vorne ab, behalte die Beiden aber in Hörweite.

Recht unvermittelt taucht vor uns ein Absperrband auf, gesperrt wegen Waldarbeiten. Ich prüfe mein Navi, keine Frage wir müssen hier durch, eine Umgehungsmöglichkeit sehe ich auch nicht, da ich nicht weiß, in welchen Umkreis, gearbeitet wird, wäre das auch schwer zu schätzen. Ich tauche unter dem Band hindurch und halte Augen und Ohren offen, eigentlich müsste man Arbeiter sehen und Motorsägen hören, bevor einem ein Baum auf die Nase fällt.
Der Weg verbreitert sich, ist gut befestig und lässt sich hervorragend entspannt laufen, auch von umstürzenden Bäumen ist nichts zu sehen oder zu hören.
Einige Zeit vergeht, bis wir eine Lichtung erreichen, inzwischen laufen wir längst wieder zu dritt, die Beiden unterhalten sich unentwegt, ich streue nur von Zeit zu Zeit eine Bemerkung ein. Ich genieße die Gegenwart der Beiden, die Natur um mich herum, Tuaq vorneweg. An der Lichtung laufen wir weiter, doch ich bin inzwischen aufmerksamer geworden, konnte kein gelbes Symbol nach betreten der Lichtung erkennen, ein Blick auf das Navi bestätigt meinen Verdacht, wieder falsch, wir müssen direkt am Waldrand rechts ab.
Der Pfad steigt an und verengt sich zum Trail. Ich bilde mit Tuaq die Spitze unserer kleinen Gruppe, bis wir einen Wasserlauf erreichen. Tuaq hat sicher durst, der Weg führt links über eine kleine Brücke, ich biege rechts ab um ihn zum Wasser zu lassen. Begierig stürzt er sich in die Fluten. Als er endlich fertig gesoffen hat überspringe ich den Graben und wir nehmen die Verfolgung der Beiden auf.

Es geht weiter bergab, wir verlassen den Wald und laufen durch ein Neubaugebiet, unten an der Straße sehe ich meine Frau stehen, zusammen mit Amak und zwei weiteren Supporten. Die zwei Fotografieren gerade unser „Roadbook“ ab, anscheinend finden auch anderen Nutzen in unserer Arbeit, dürfen sie natürlich gerne.
Ich übergebe Tuaq und schäle mich aus dem Zuggurt, ab jetzt geht es erst einmal ohne Hunde Unterstützung weiter. Wir tauschen und kurz aus, während ich esse und trinke. Bislang liegen 18 Kilometer hinter mir, etwa zwei Stunden und fünf Minuten habe ich dafür benötigt.
In zehn Kilometern werden wir uns das nächste Mal treffen. Noch geht es mir blendend, aber alles andere wäre zu so einer frühen Phase auch fatal.
Das Anlaufen, ohne Hund, fühlt sich merkwürdg an, nackt als würde etwas fehlen. Es dauert einige Minuten, bis sich dieses Gefühl legt. Minuten, die ich zunächst auf einem Feldweg verbringe, bis ich ein kleines Dorf erreiche und der Straße folge. Ich komme an weiteren Supporten vorbei die auf ihre Athleten warten.
Wenig später lasse ich die Häuser hinter mir und befinde mich wieder auf einem Feldweg, wenig später passiere ich einen Waldfriedhof.

Am Waldrand angekommen muss ich mich kurz orientieren, dann entdecke ich den Einstieg in einen schmalen Trail. Ich laufe zunächst oberhalb eines kleinen Sees, dann einen Hang hinab und am Ufer entlang.

Für einen Kilometer folge ich einem geteerten Feldweg, der ein munteres Auf und Ab beschreibt. An einer Abzweigung haben sich eine Hand voll Zuschauer versammelt, die mich aufmunternd anfeuern.
Bislang war die Temperatur angenehm, in den vielen bewaldeten Abschnitten ohnehin. Jetzt, ohne schützendes Blätterdach, wird mir zwar warm, dennoch haben wir bislang echtes Glück mit dem Wetter. Weder die, über lange Zeit angekündigten, ergiebigen Regenschauern noch die Gluthitze der letzten Monate setzt uns zu.
Unlängst habe ich Daniel und Jin wieder vor mir ausgemacht, langsam verkürze ich den Abstand. Wir erreichen das nächste Waldstück, es geht leicht bergan, als die zwei in den Gehschritt wechseln ziehe ich schließlich vorbei. Es ist das letzte Mal, das ich den zweien begegnen werde, was ich zu dem Zeitpunkt natürlich nicht weiß. Leider werden Beide das Ziel nicht erreichen, Daniel steigt nach etwa 500 Kilometern aus, Jin in Passau (~ KM 440).

Nachdem wir den Wald verlassen, durchqueren wir ein kleines Dorf und schwenken wieder auf einen Waldweg ein. Ich versuche, nun wieder mehr auf mein Tempo zu achten, der Abschnitt ist verführerisch flach und ermutigt zu hoher Geschwindigkeit.
Aus Feldweg wird Wiesenweg, noch immer flach, aber dennoch spürbar anstrengender zu belaufen. Zu meiner Rechten und Linken tauchen Seen auf, ein schmaler Dammweg führt zwischen ihnen hindurch dem ich Folge. Der Anblick weiß zu gefallen, hat obendrein noch den Vorteil, dass ein Verlaufen hier schwer möglich ist.

Die Seenlandschaft wird kurzzeitig von einem Waldstück unterbrochen, dann laufe ich wieder zwischen den Tümpeln hindurch. Entlang eines Sees kann ich eine Bahntrasse entdecken, auf die wir zusteuern. Die Landschaft ist traumhaft und ich nehme ein Foto nach dem andern auf.

Wenig später folge ich tatsächlich einem schmalen Trampelpfad, nicht mehr als zwei oder drei Meter von den Gleisen entfernt, ein Zug ist, zum Glück, weder zu sehen noch zu hören. Nach einem halben Kilometer stoße ich auf einem Bahnübergang, zum zweiten Mal stehe ich vor einer Absperrung. Ein Zug kündigt sich weiterhin nicht an, ich vergewissere mich noch einmal, das die Überquerung sicher ist, dann klettere ich unter der Schranke hindurch und überquere zügig die Gleise. Auf der gegenüberliegenden Seite gibt es zum Glück einen kleinen Trampelpfad, der um die Schranke herum führt und mir somit weitere Klettereinlagen erspart.
Weiter geht es, auf einem breiten Pfad, in den Wald hinein. Ich biege rechts ab, in einen „Trimdich Pfad“ hinein. Am Beginn des Pfades steht ein Schild „Das Mitführen von Hunden ist verboten“. Na da habe ich ja Glück gehabt, meine Vierbeiner auf diesem Abschnitt, nicht dabei zu haben.
Der Pfad ist gepflegt und landschaftlich sehr attraktiv, regelmäßig komme ich an Übungen vorbei. Um mich herum leuchtend grüner Wald, ab und zu Ausblicke auf angrenzende Seen. Ein schöner Abschnitt, auf dem ich gerne noch länger gelaufen wäre.

Ein Läufer kommt mir entgegen „Die warten schon auf dich, bist gleich da.“ Ruft er mit zu, ich bedanke mich. Gehört er zu Veranstaltung oder zufälliger Passant? Egal, so oder so freue ich mich auf ein baldiges Wiedersehen.
Ich biege ab und verlasse den Wald, am Straßenrand sehe ich schon unser Auto geparkt, meine Frau sieht mich, winkt und verfällt in den Laufschritt, anscheinend ist sie auch noch nicht lange hier oder hat noch etwas im Auto vergessen. Nahezu zeitgleich erreichen wir den Waldrand. Amak und Tuaq warten dort, zusammen mit einem der anderen Supportern. Begrüßen, essen, trinken, Susann schlägt vor Amak noch bis zum nächsten Treffpunkt mitzunehmen. Er ist noch fit und der folgende Abschnitt ist auch nur sieben Kilometer lang. Das sage ich nicht nein. Sie eilt noch einmal davon um die Leinen zu holen, während ich mir ein paar Minuten extra Pause gönne.
Nachdem Hund und Herrchen verknotet sind, überquere ich die Straße und will gerade in den nächsten Wald einbiegen, als ich Rufe hinter mir höre. Ich habe meine Kamera liegen lassen, einer der fremden Supporter schwängt sie und läuft auf mich zu, wenig später halte ich das Gerät in den Händen. Ich bedanke mich und breche erneut auf.

Zunächst folgen wir einen ebenen Waldweg, der uns an einen kleinen See führt, den wir umrunden bis uns ein Gatter den Weg versperrt. Der Riegel sitzt straff und lässt sich nur schwer öffnen und noch schwieriger wieder schließen, da das Tor reichlich schief in den Angeln hängt. Kurz überlege ich das Tor einfach offen zu lassen, in wenigen Minuten muss der nächste Läufer hier durch, letztlich entscheide ich mich aber dagegen, sonst bleibt das Tor am Ende offen stehen da sich niemand mehr für das Schließen verantwortlich fühlt.
Wenige Meter später das nächste Hindernis, ein frisch gefällter Baum liegt einmal quer über den Weg und versperrt das Weiterkommen, umlaufen nicht möglich, da zur einen Seite der See und zur anderen Seite Gestrüp blockiert. Ich entscheide mich letztlich für eine Stelle, knapp über der Wurzel, hier sind weniger Äste und ich bekomme Amak über den Stamm, ohne das sich seine Leine verfängt.

Wir laufen durch ein kurzes Waldstück und wenig später, einem Wiesenweg folgend, erneut am Ufer eines Sees entlang. Wieder kommt mir jemand entgegen, Zufall oder Helfer? Auf jeden Fall bietet er an ein Foto von uns zu schießen, was ich nicht ablehnen kann. Ich bedanke mich und laufe wieder an, ich hoffe dennoch, das wir jetzt ein Stück durchlaufen können, die vielen Stopps und Hindernisse haben Amak unruhig werden lassen.

Inzwischen bin ich über drei Stunden unterwegs und spüre erste Verschleißerscheinungen, keine Schmerzen auch keine wirkliche Schwäche, eher eine Drohung, dass sich die Schwäche bald einstellen wird.
Wir lassen den See zurück und laufen in den Wald hinein, ein breiter, aber wurzelüberzogener Pfad und ein kurzer, aber anstrengender Anstieg.

Anstieg und Wald endet, ich höre die Autobahn, vor mir, bevor ich sie sehe. Nach Stunden in denen fast nur Waldgeräusche zu mir durchgedrungen sind, kommt mir das Donnern der LKW’s und zischen der Autos doppelt so laut vor wie gewöhnlich. Auf einer schmalen Brücke überquere ich die A93 und laufe, auf einem geteerten Feldweg, auf das nächste Dörfchen zu.
Dieser Abschnitt erweist sich als Spießrutenlauf, im Ort schlängel ich mich zunächst an einem Gabelstapler vorbei und muss dann zwei große Trecker passieren lassen. Amak wirkt unruhig und verunsichert, ich habe mühe ihn zum Weiterlaufen zu motivieren, immer wieder dreht er sich um, die Ohren wachsam erhoben. Es dauert bestimmt eine Minute bis mir der Grund dafür gewahr wird: Wir werden verfolgt. Ein freilaufender Hund, kommt näher, von einem Halter weit und breit nichts zu sehen, mit Sicherheit einer der Hofhunde der sein Revier gegen den Fremden beschützen möchte. Schlagartig gehen mir Michas Worte vom Vortag durch den Kopf: „Das gefährlichste Tier was euch auf der Strecke begegnen kann, ist ein Hund.“ Vor einigen Jahren wurde ein Teilnehmer von einem freilaufenden Hund gebissen und zog sich eine Infektion zu.
Ich versuche, die Körpersprache des fremden Hundes zu lesen: misstrauisch aber noch keine offensive Haltung. Ich nehme Amak kurz, wechsel in den Gehschritt und gehe weiter. Der Hund folgt uns sicher noch eine Minute, als wir uns dem Ortsrand nähern bleibt er zurück – Eindringlinge erfolgreich verscheucht.
Vor lauter Aufregung hätte ich fast die „Skulptur“ am Ortsrand übersehen, um das Gebilde abzulichten gehe ich aber auch gerne ein paar Schritte zurück:

Wir folgen dem Feldweg, der zunächst leicht aufwärts führt, und biegen dann in einen Wiesenweg ein, auf dem wir wiederum die gewonnen Höhenmeter verlieren nur um sie auf der gegenüberliegenden Seite wieder hinaufkraxeln zu müssen. Einer von vielen kleinen Anstiegen, die das Streckenprofil, kaschiert. Nachdem der Hügel erklommen ist liegt Falkenberg vor mir. In der Mitte des Ortes befindet sich der erste, kleine Versorgungspunkt, dort werde ich auch auf Susann treffen. Falkenberg stellt auch mein erstes Zwischenziel dar, eine besondere Bewandtnis hat dies, abgesehen von dem VP als markanten Punkt, nicht.
Ich laufe zunächst ein Stück Radweg, dann entlang der Straße über eine Brücke hinweg, eh ich in eine Seitenstraße des Ortes einbiege. Ich bin mir nicht sicher, ob das der vorgesehene Weg war, ich habe es irgendwie geschafft die Karte meines Navis so zu verstellen, dass ich den Zoom nicht mehr ändern kann. Hund kontrollieren, am Navi rumfummeln und Augen auf die Umgebung zu behalten ist anstrengend, letztlich gebe ich auf und stecke das Navi weg, ich werde mich später darum kümmern. Für den Moment muss die Wurmnavigation auf der Uhr seinen Zweck erfüllen.
Ich laufe durch mehrere Seitenstraße, an einer Hauswand entdecke ich ein Goldsteig schild, was mich auf einen Seitenweg lotzt, den hätte ich sonst für einen Garten gehalten, wenig später erreiche ich eine Brücke und kann von hier aus schon den Versorgungspunkt sehen.
Amak versucht den Brunnen leer zu trinken, während ich mich am Buffet versorge. Ein paar Erdnüsse, etwas Schokolade, Salzstangen und viel trinken. Die Temperatur ist gestiegen, noch immer erträglich, aber spürbar. Ich nehme mir Zeit, berichte meiner Frau von den doch eher beschwerlichen letzten Kilometern. Der Helfer am VP mahnt mich zur Vorsicht, da ich recht zügig unterwegs wäre, mir kamen die letzten Kilometer eher langsam vor.
Nach etwa fünf Minuten setze ich meine Reise fort, wie geplant alleine, Amak wird mich ab Neuhaus, etwa Kilometer 60, wieder begleiten. Neuhaus ist auch mein nächstes Zwischenziel, diesmal aus mehreren Gründen: Zum einen sind es danach „nur“ noch 100 Kilometer, zum anderen markiert die Stadt das Ende des weitgehend ebenen Abschnittes.

 Nach Neuhaus

Recht genau vier Stunden bin ich nun unterwegs und habe 35 Kilometer zurückgelegt. Mein Navi habe ich in Falkenberg kurzerhand neu gestartet, nun leitet es mich wieder zuverlässig durch die Ortschaft. Innerorts fällt es mir schwerer, die Orientierung zu behalten als im Wald, das wird im Laufe des Tages noch deutlicher werden.
Ich laufe ein Stück am Ortsrand entlang, über eine Fußgängerbrücke und an einem Bolzplatz vorbei. Kinder sind am Spielen, der ein oder andere wirft mir einen neugierigen Blick zu, ich grüße und ziehe weiter.

Wenig später lass ich die Ortschaft zurück und laufe über Wiesen auf den nächsten Wald zu. Ich bin froh, als ich diesen erreiche, im Schatten der Bäume ist es deutlich angenehmer. Der Wald, durch den ich die nächste Stunde laufen werde, ich ursprünglich, wild und einer der schönsten Abschnitte der gesamten Strecke.

Davon weiß ich zunächst noch nichts und selbst wenn, im Augenblick beschäftigt mich etwas anderes: schwindende Kräfte. Seit etwa einer Stunde spüre ich wie mich die Kräfte von Minute zu Minute verlassen, ungewohnt oder unbekannt ist dies nicht. Über vier Stunden bin ich nun unterwegs, häufig durchlebe ich nach dieser Zeit ein Tief, allerdings hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nie mehr als 120 Kilometer vor mir. Mich wundert, dass ich diese Gedanken zulassen kann, ohne in Panik zu geraten.
Ich suche nach einer Lösung für mein Problem und erinnere mich an den 24 Stunden Lauf in Reichenbach: Hier überkam mich zwischen Kilometer 50 und 60 Schwäche, ich konterte diese durch eine längere Versorgungspause. Bis zum nächsten Zusammentreffen mit Susann liegen noch etwa zehn Kilometer vor mir, bis dahin behelfe ich mich mit einem der mitgeführten Gels und hoffe auf Besserung.
Mein Weg führt zunächst an einigen schroffen Felsen vorbei, bleibt selber aber breit und bequem laufbar.

Kurz darauf taucht ein breiter Fluss zu meiner linken auf (die Waldnaab). Mächtige Felsbrocken liegen im Flussbett, bilden unzählige kleine Stromschnellen und Wasserfälle, ein faszinierender Anblick. Vergleichbares sah ich zuletzt im Voralpenland, meist in Form von Schmelzwasserflüssen.
In regelmäßigen Abständen stehen Informationstafeln oder Bänke am Wegesrand. Der Weg selbst ist breit und gut befestigt, frei von Steinen oder anderen Stolperfallen, ein typischer Ausflugsweg. Besondere Felsformationen sind mit eigenem Namen bedacht, wie z.B. der „Amboss“.

Ich versuche, den Abschnitt, so gut zu genießen wie ich kann. Nicht ganz einfach, da ich mich nach wie vor schwach und müde fühle. Für mehrere Kilometer geht es so dahin: Der Fluss schlängelt sich durch dichten, urtümlichen Wald, der Weg folgt dem Fluss. Mehrfach begegnen mir Wanderer, Familien oder kleine Ausflugsgruppen. Die meisten begnügen sich mit einem knappen Gruß, der ein oder andere scheint zu erkennen, dass ich mich in einem Wettkampf befinde, gibt mir Applaus oder ein „Weiter so!“ Mit auf den Weg, das tut gut, im Augenblick kann ich jeden Zuspruch gebrauchen.
Auf Höhe eines Ausflugslokals überqueren wir den Fluss auf einer Brücke, folgen von nun an dem Fluss auf der anderen Uferseite. Im Wasser entdecke ich ein altes Mühlrad.

Der Weg steigt leicht an, wird etwas schmaler, ist aber weiterhin gut zu laufen, als ich von hinten überholt werde. Raketengleich zieht ein Läufer an mir vorbei: „Sieht gut aus.“ Ruft er mir beim Passieren zu. Diesmal meine ich, den Läufer zu erkennen, einer der Helfer, ob er hier zu eigenem Vergnügen (verständlich) entlang läuft oder ein wachsames Auge auf uns hat (auf diesem, einfachen Abschnitt eigentlich unnötig) kann ich nicht einschätzen, wahrscheinlich beides. Etwa eine viertel Stunde später kommt mir der Läufer jedenfalls wieder entgegen, grüßt abermals und verschwindet dann wieder genauso rasant, wie er gekommen war.

Schließlich entfernt sich der Weg vom Fluss, wird schmaler, wurzeliger und auch etwas steiler. Bis zum nächsten Zusammentreffen mit meiner Frau ist es nun nicht mehr weit, ich freue mich darauf.
Der Wald weicht zurück und erneut quere ich die Autobahn, dieses mal jedoch unter einer gewaltigen Autobahnbrücke hindurch. Der Betonklotz wirkt, inmitten der grünen Idylle durch die ich die letzte Stunde laufen durfte, reichlich deplatziert.

Nach einem weiteren kurzen Waldabschnitt öffnet sich eine Lichtung zu meiner rechten Seite. Irgendwo hier muss der Treffpunkt sein. Ich entdecke eine Parkbank auf der Leute sitzen, aber das ist nicht Susann, auch die Hunde kann ich nirgendwo sehen. Hat sie den Weg nicht gefunden? Dieser Punkt war einer der schwerer zu erreichenden. Eh die Sorge sich ausbreiten kann, entdecke ich das Dreiergespann unweit im Schatten eines Baumes sitzen. Erleichtert steuere ich auf sie zu.
Ich nehme auf den angebotenen Klappstuhl Platz und berichte von meiner Schwäche, ich versuche optimistisch zu klingen, kann aber sicher nicht die Sorge aus meiner Stimme verbannen. Ich lasse mir Zeit, trinke viel von einem Sportgetränk, esse ausgiebig, greife erstmalig auch bei den Gummibärchen zu (die haben bislang immer geholfen). Einige Minuten verweile ich, dann zieht es mich aber weiter, nicht das ich Sorge hätte zuviel Zeit zu verlieren, eher habe ich Sorge mich später nicht mehr aus dem Stuhl lösen zu können. Wir verabschieden uns, ich gehe noch ein paar Schritte und trabe dann an.
Bislang habe ich 46 Kilometer zurückgelegt, 5:15 habe ich dafür gebraucht, der erste Marathon ist abgeschlossen, noch knapp drei liegen vor mir. Trotz dieser Aussicht und Schwäche bin ich frohen Mutes, denn im Kopf sind mir andere Distanzen präsenter: Nur noch 14 Kilometer bis zum nächsten Meilenstein und nur 11 bis zum nächsten Zusammentreffen, wo ich Amak entgegennehmen werde. Zwischenziele zu haben ist sehr wichtig, wenn man auf solch langen Strecken unterwegs ist.

Der Pfad führt dich am Waldrand entlang, verläuft angenehm eben dahin. Der Trampelpfad mündet in einer Wohnstraße, ich befinde mich am Ortsrand von Neuhaus. Ein Baker ist am werkeln und blockiert den Weg, der Fahrer macht jedoch bereitwillig Platz um mich passieren zu lassen, ich grüße und empfange Glückwünsche, dann bleibt das Ungetüm hinter mir zurück.
Ich biege auf die Hauptstraße ein, eine breite Straße mit hübsch anzusehenden Fachwerkhäusern an beiden Seiten. Der ein oder andere Passant begegnet mir, weiteren Zuspruch erhalte ich hier jedoch nicht, dabei könne ich ihn nach wie vor gebrauchen, mein Gefühl hat sich, seit der Pause, nicht wesentlich verbessert.
Ich steuere auf einen Burgturm zu, biege davor links ab und strebe bereits wieder dem Ortsausgang entgegen.

Ein geschotterter Weg bringt mich an den Rand einer Kläranlage. Ich verlasse den Pfad und laufe eine kurze Rampe hinauf und Umlaufe so die Anlage, die Nase dankt’s.
Nur wenige Minuten später erinnert nichts mehr an Urbanität: Ich laufe durch wilden Wald, einem single Trail folgen, im wahrsten Sinne über Stock und Stein. Die Strecke steigt gemächlich an, ist jedoch nicht schwierig zu laufen.
Langsam fällt die Müdigkeit von mir ab, fühle mich nicht mehr so kraftlos, die Verpflegung beginnt seine Wirkung zu entfalten.

Ich erreiche eine Lichtung und der nächste Betonklotz tauch vor mir auf, wieder eine Autobahnbrücke, wieder zur A93 gehörig. Die wegweise des Goldsteigs weisen nach rechts, einen Hang hinab, dem Verlauf der Brücke folgend. Ich schlage den Weg ein, kaum habe ich das Tal erreicht beschwert sich meine Uhr „Streckenabweichung“. Verdammt der Track führt oben weiter. Also wieder den Hang hinauf und dem Track folgen, ich biege in den Wald ein, noch immer aufwärts, erneut beschwert sich die Uhr. Diesmal befrage ich mein Navi, ich muss am Waldrand entlang. Der Weg lässt sich dort nur erahnen, doch schließlich treffe ich wieder auf den Goldsteig, keine 200m von der Stelle entfernt, wo ich wieder den Hang hinauf bin. Vermutlich ein schlichter Fehler beim Erstellen des Tracks, für mich ein kräftezehrender Anstieg und ein paar Minuten der maximalen Verwirrung. Mein Versprechen an mich selbst, bevor ich das nächste Mal zurücklaufe noch einmal das Navi prüfen und in solchen Konstellationen lieber dem ausgeschilderten Weg folgen.

Zwei herrlich unkomplizierte Kilometer laufe ich zwischen Feldern hindurch, nutze die Zeit, um mich zu erholen, tatsächlich fühle ich mich von Minute zu Minute kräftiger. Ich habe schlicht, in der Anfangsphase, zu wenig gegessen.
Ich lasse die Felder hinter mir und laufe in ein kleines Waldstück. Die Beschaffenheit des Weges wechselt: Trail, breiterer Waldweg, überwuchertes Dickicht. An einer Stelle muss ich unter einem Baumstamm hindurch, abgebrochene Zweige machen deutlich, dass ich nicht der Erste bin, der hier durch muss.

Inzwischen ist es halb sieben, die Sonne wird bald untergehen, man merkt bereits jetzt das die Temperaturen anfangen zu sinken. Ich empfinde das als angenehm, freue mich bereits auf die Nacht. Als grobes Ziel hatte ich mir vorgenommen, den Versorgungspunkt, um Mitternacht zu verlassen. Vor Ort brauche ich wenigstens eine halbe Stunde zum essen, umpacken und umziehen, bleiben als etwa fünf Stunden für etwas mehr als dreißig Kilometer, das klingt nach wie vor machbar, auch wenn ich etwas langsamer vorankomme als erhofft.

Der Waldrand ist erreicht, ich laufe auf Feldwegen weiter, es geht nun spürbar bergauf. Noch ein Kilometer bis Neustadt, bis zum nächsten Zusammentreffen mit meiner Frau und den Hunden.
Das letzte Stück, einen Hügel hinauf, lauf ich auf Lochplatten, unangenehm. Nachdem der Hügel erklommen ist, sehe ich das Städtchen vor mir. Den Hügel geht es zunächst wieder hinab, dann auf der gegenüberliegenden Seite wieder hinauf. Ich erreiche eine Wohnstraße und sehe den vertrauten Supporter Konvoi vor mir am Straßenrand.

Ich begrüße meine Fraun, Amak und Tuaq und gehe weiter zu unserem Auto. Ich fühle mich besser als bei unserer letzten Zusammenkunft, berichte von dem erlebten, esse und trinke. Anwohner haben sich zu uns gesellt, fragen nach was wir hier treiben. Besonders das Wohnmobil, was sich in ihrerer Straße breitgemacht hat, macht sie skeptisch. Wir hinterlassen sie verblüfft, „661km wollen die laufen?“ Aber auch beruhigt, dass in wenigen Stunden alle Supporter wieder abgezogen sein werden.
Zu guter letzt schlüpfe ich in den Zuggurt und hänge Amak ein, das war mein bislang längster Aufenthalt, knapp fünf Minuten haben ich mich aufgehalten.
Mit Neustadt habe ich mein zweites Zwischenziel erreicht, gut sieben Stunden habe ich gebraucht. Mein nächster Meilenstein ist der Versorgungspunkt in Leuchtenberg, etwa bei Kilometer 85.

Nach Leuchtenberg

Ich laufe ein Stück zurück und biege auf einen schmalen Fußweg, zwischen zwei Wohnhäusern ein. Ein schmaler Kiesweg führt an den Grundstücken entlang, unter einer Brücke hindurch, bis ich eine Fußgängerbrücke erreiche. Die Treppe hinauf ist gesperrt, aber die angrenzende Rampe nicht.
Ich überquere die Brücke und erreiche einen Park, erst zu Hause sehe ich das, es sich um das Gelände des Campingplatzes handelt. Ursprünglich wollten wir hier unser Lager aufschlagen, haben uns erst in den letzten Tagen umentschieden direkt am Ziel zu campen.
Ich laufe an einem großen Wasserspielplatz und an leeren Parzellen vorbei, währen das Gelände leicht ansteigt.

Ich erreiche eine Straße, der ich weiter in Richtung Stadtzentrum folge. An einer Kreuzung stoße ich auf einen inoffiziellen Verpflegungsstand. Anwohner haben große Geschütze ausgefahren, Getränke aller Art, Kuchen, Salzgebäck werden angeboten. Amak ist der „Star“, rasch wird für ihn eine Wasserschale herbeigeschafft, während ich mich am Angebot bediene. Viel brauchen tue ich nicht, liegt das Zusammentreffen mit meiner Frau doch noch keine zwei Kilometer zurück, aber ohne zuzulangen, weiterzuziehen bräuchte ich nicht übers Herz.
Laut den freiwilligen Helfern bin ich der Dritte, der vorbeikommt, auf der einen Seite schön zu hören, auf der anderen Seite liegt noch soviel Weg vor mir, dass die aktuelle Position keinerlei Relevanz hat. Trotz vieler Angebote breche ich nach wenigen Minuten auf.
Ich laufe über die Hauptstraße, Amaks Leine habe ich eingerraft und führe ihn dicht an meiner Seite. Er wirkt sichtlich nervös, abgelenkt, wir waren noch nicht oft in Städten.
Ich selbst habe mit der Wegfindung zu kämpfen, kann Straßen und Track nicht recht in Einklang bringen. Letztlich entdecke ich die Goldsteig Ausschilderung und folge dieser. Ich überquere die Straße, laufe an der Kirche vorbei und über eine schmale Steintreppe hinab. Jetzt bin ich wieder auf dem Track. Für einige Zeit folge ich einer Wohnstraße, viele Straßenüberquerungen, Passanten und Autos stellen für das Mensch & Hund Duo Hindernisse dar, ich hoffe, der Stadt bald den Rücken kehren zu können. Die Straße steigt rasch an, alles laufbar aber fordernd.
Endlich bleiben die Häuser zurück, die Straße endet an einer Klosterkirche.

Ich Biege links ab, folge nun einem Feldweg, weiter bergauf. Der Weg flacht ab und ich laufe am Rand eines Waldes entlang, inzwischen ist es düster geworden, sehr bald werde ich meine Stirnlampe brauchen, spätestens wenn ich in den Wald einbiegen sollte. Vorerst bleibe ich jedoch unter freien Himmel, zunächst weiter am Wald entlang, dann zwischen Feldern hindurch und wieder an einem Wald entlang.
Eine viertel Stunde, und gut zwei Kilometer, später halte ich an einer Parkbank und krame die Lampe aus dem Rucksack hervor.

Eine unscheinbare Abzweigung führt mich hinab von dem gut ausgebauten Feldweg, auf einen rustikaleren Waldweg. Dieser ist breit, aber Wurzeln und Furchen bilden gefährliche Stolperfallen, besonders im Halbdunkeln. Ich schalte meine Lampe etwas heller, für mehr Sicherheit, auch das Auffinden der Wegweiser gelingt so leichter. Ich hoffe, dass ich mit meinen Akkus auskomme, eigentlich unbegründet, auf dieser Stufe sollte jeder Akku wenigstens acht Stunden durchhalten, zwei habe ich dabei. Außerdem werde ich auf einfacheren Abschnitten mit weniger Licht auskommen und etwas Strom sparen können.

Rasch ist das Waldstück durchquert und wenig später erreiche ich ein kleines Dorf. Meine eigene Lampe blendet mich in der Reflexion an den Straßenschildern. Ich laufe eine Rampe hinauf und biege links ab. Vor mir taucht ein beleuchteter Tisch auf, zunächst denke ich an eine Feier, dann entdecke ich Speisen und Getränke aufgereiht in der typischen Anordnung eines Versorgungspunktes: Noch ein Fan betriebener Stützpunkt, noch größer als der Letzte. Ich und Amak werden herzlich empfangen und auch hier dauert es nicht lange, bis Amak, eine Wasserschüssel angeboten bekommt. Ich selbst halte mich an Cola und ein paar Salzstangen, ich habe wirklich keinen Hunger, aber das Ablehnen fällt mir schwer. Ich lasse hier viel Zeit liegen, bis ich mich lösen kann und meinen Weg fortsetze.
Ich laufe an einer Kirche vorbei, als sich die Uhr beschwert: Streckenabweichung, ich muss ein Stück zurück und in eine Seitenstraße einbiegen, kurz nach dem Versorgungspunkt. Es geht steil bergan, auf einen groben Feldweg, der mich aus dem Ort herausführt. Der Weg flacht etwas ab, strengt dennoch an. Hier hilft mit Amak, ihm macht die Steigung nichts aus und er arbeitet gut mit. Ein kleiner Vorteil? An dieser Stelle mit Sicherheit, denke ich an Neustadt zurück glaube ich aber für diesen Vorteil ausreichend gezahlt zu haben.
Ich durchquere ein weiteres Waldstück und eine weitere kleine Ortschaft unsere Geschwindigkeit bliebt niedrig, die Beschaffenheit des Weges mahnt zur Vorsicht, der Anstieg kostet Kraft und das Aufstöbern der Wegmarkierung erfordert Konzentration. Schließlich erreiche in den nächsten Wald, gleich drei Wege führen hinein, Markierungen kann ich keine Entdecken. Erst das Navi gibt Gewissheit, der Mittlere ist der Richtige. Ein letztes Stück geht es aufwärts, dann biege ich rechts ab und laufe einen ruppigen Pfad hinab, bis ich den Rand einer breiten Landstraße erreiche. Auf der gegenüberliegenden Seite liegt ein großes, hell erleuchtetes Restaurant mit Glasfassade. In der Nacht erweckt der Klotz den Eindruck eines gelandeten Ufos. Vor dem Ungetüm kann ich bereits das Auto meiner Frau entdecken, ich habe den vorletzten Treffpunkt, des Tages, erreicht.

Ich bin später dran als erwartet, während ich esse und trinke berichte ich knapp von dem Erlebten. Schließlich tausche ich Amak gegen Tuaq und breche auf. Das Tuaq noch einmal läuft, haben wir spontan entschieden, er ist noch fit und ich freue mich über die Gesellschaft.

Ich bin zunächst desorientiert, vermute den Einstieg in den Pfad, auf der Rückseite des Gebäudes finde dort jedoch nur Mülltonnen und einen hohen Zaun. Ich laufe zurück in Richtung Auto, dann entdecke ich den Weg, über die Wiese geht es am Waldrand entlang, steil bergan. Tuaq läuft vorweg, leistet Zughilfe. Als wir nach rechts einbiegen, blicken drei drohende rote Augen auf mich hinab: Ein Funkturm auf dem Hügel über uns, auf den wir zuhalten.

Nach einem kurzen Stück durch den Wald erreichen wir die Plattform des Turms, Funktürme stehen an hohen Punkten, folglich endet unser Anstieg und wir laufen, recht entspannt, am Waldrand entlang. Einen Kilometer später biegen wir erneut in den Wald ein. Intuitiv will ich dem breiten Pfad folgen, was sich jedoch schnell als falsch herausstellt, also wieder zurück und den deutlich schmaleren Pfad entlang. Die Bäume stehen dicht an dicht, der Weg ist über und über mit Wurzeln überzogen. Ich muss aufpassen nicht zu stürzen, besonders jetzt nicht, wo Tuaq noch nach vorne zieht.
Herrschte, in der letzten Stunde, noch Dämmerung ist nun die Nacht endgültig über uns hereingebrochen. Im Wald endet meine Welt nach wenigen Meter, mich stört das nicht, im Gegenteil, ich fühle mich lebendiger als sonst, nehme das wenige, was ich sehe viel deutlicher wahr. Im Augenblick gilt meine volle Konzentration Stolperfallen auszuweichen und nach den kleinen Goldsteig Wegmarken Ausschau zu halten, während wir den Hügel nun wieder hinab laufen.

Wald endet kurzzeitig, wir laufen über eine Landstraße und ein paar Häusern vorbei, dann betreten wir wieder den Wald. Erneut geht es, auf schmalem Trail, bergauf: Weg suchen, Hindernissen ausweichen, Anweisungen an Tuaq geben, wo es zu steil ist gehen, wieder antraben, alles im ständigen Wechsel bis wir den Wald verlassen und an dessen Rand weiterlaufen. Hier ist der Weg leichter, bietet Gelegenheit zum entspannen, einen Kilometer lang geht es so dahin, wir durchlaufen eine U-Kurve und biegen rechts ab. Ein lange Abwärtspassage beginnt, nicht sehr steil, ideal um es rollen zu lassen, auch Tuaq freut sich über die kleine Tempoerhöhung, für ihn ist das hier aber alles noch entschieden zu langsam, er liebt es, schnell zu laufen, besonders am Fahrrad oder Dog Scooter.
Wir überqueren eine weitere Landstraße, dann geht es auf einem Wiesenweg weiter abwärts. Bald erreichen wir einen größeren Waldweg dem wir für eine Weile folgen. Vor uns taucht eine Ortschaft auf, nur eine Handvoll Häuser die schon nach kurzer Zeit wieder hinter uns liegen. Wir durchqueren ein kleines Waldstück und laufen dann, über einen Wiesenweg am Waldrand hinauf.

Es geht weiter bergan, bis wir erneut eine Landstraße überqueren, auf der gegenüberliegenden Seite geht es wieder hinab. Das beständige Auf und Ab des Höhenprofils ist kraftraubend, ich freue mich bereits auf die Pause am Versorgungspunkt, bis dahin sind es aber noch ein paar Kilometer.
Auf dem Weg nach unten kann ich bereits die Lichter der nächsten Dorfes sehen, der nächste und vorerst letzte Treffpunkt mit meiner Frau und auch das Ende meiner Lauferei mit Hund. Der Feldweg biegt noch zweimal ab, dann sehe ich unser Auto bereits am Straßenrand stehen.
Ich esse noch einmal ausgiebig wünsche dann meiner Frau und den Hunden eine gute Nacht und mache mich zum Aufbruch bereit. 78 Kilometer habe ich abgeleistet und dafür recht genau zehn Stunden gebraucht. Bis zum Versorgungspunkt sind es jetzt noch gut sieben Kilometer, damit bin ich noch immer auf Kurs, meinen Zeitplan einzuhalten.

Ich brauche einen Moment um mich zu orientieren, laufe zunächst in die falsche Richtung, dann entdecke ich den schmalen, steil abfallenden Wiesenweg, dem ich folgen muss.
Das Anlaufen ohne Hund fühlt sich ungewohnt an, unrund. Generell spüre ich die Distanz inzwischen in den Knochen, mal zwackt es hier, mal dort, alles noch unspezifisch und verhalten. Normale Verbrauchserscheinungen, die nach dieser Distanz zu erwarten sind.
Ich befinde mich noch auf dem Abstieg, als hinter mir ein Licht erscheint, ein Läufer, mit Stirnlampe, schließt zu mir auf. Es ist Stunden her, dass mir zuletzt ein Teilnehmer begegnete, dass ich mich in einem Wettkampf befinde, hatte ich weitestgehend verdrängt. Ein kurzer Anflug von Kampfgeist facht in mir auf, möchte meinen Platz nicht aufgeben. Ein ziemlich unsinniger Gedanke: Noch nicht mal die halbe Distanz liegt hinter, und der schwierige Abschnitt noch vor uns.
Wir grüßen uns, sind beide aber zu sehr mit uns selbst beschäftigt, als das sich ein Gespräch entwickeln würde.
Der Abstieg endet und geht in den nächsten Gegenanstieg über, unser Weg führt uns durch ein Waldstück, ein schmaler Pfad, um Kraft zu sparen, wechsel ich in den Gehschritt, mein Verfolger tut es mir gleich.
Der Wald öffnet sich und eine Wiese liegt vor mir, ich bin mir, trotz Navi nicht sicher wo der Pfad entlang führt, suche ihn auf der linken Seite am Waldrand entlang und laufe über feuchten Wiesen ohne einen klaren Weg erkennen zu können, noch immer geht es stramm bergan.
Endlich oben angekommen stoße ich auf einen Waldweg, nicht der den ich gehen müsste aber er stößt wenig später auf das Ende des Wiesenwegs, den ich verpasst habe, von hier oben aus ist er deutlicher zu sehen. Nur ein kleiner Umweg, den ich keine große Bedeutung beimesse, einer von inzwischen vielen. Mein Verfolger hat den richtigen Pfad gefunden, ich sehe seine Stirnlampe den Pfad hinaufwandern.
Abgesehen von unseren beiden Lichtquellen ist es stockdunkel. Wolken haben sich über uns versammelt und schlucken Mond- und Sternenlicht.
Es geht eben dahin und ich verfalle wieder in einen langsamen Laufschritt. Der Weg führt zunächst am Waldrand entlang, durch den Wald hindurch. Der Untergrund ist uneben, von Wurzeln und Steinen überzogen, nicht schwierig zu laufen, aber im Kunstlicht sind die Höhen der Hindernisse nicht immer einfach abzuschätzen. Immer mal wieder ecke ich an oder trete ungünstig auf, meine leichten Laufschuhe bieten nur wenig Schutz dagegen. Moment? Schuhe? Da war doch was. Sollte ich ab hier nicht in Trailschuhen unterwegs sein? Dazu hätte ich das Schuhwerk bei meinem letzten Zusammentreffen, mit meiner Frau, wechseln müssen, habe ich aber nicht getan. Ein mehr als ärgerlicher (und wie sich zeigen wird auch folgenschwerer) Fehler, den ich nun aber nicht mehr ändern kann. Die Nacht über werde ich auf meinen Trainingsschuhen über die Trails müssen.
Ich ärgere mich über mich selbst und merke zu spät das ich schon wieder vom Track abgewichen bin, nicht jedoch vom Goldsteig, denn das Schild habe ich erst jüngst an einem Baum ausmachen können. Ich schaue mir in meinem Navi den weiteren Verlauf des Pfades an, beide Wege laufen parallel zueinander, bilden eine lang gezogene Null, von der Distanz sollte es keinen Unterschied machen, da ich nun schon die Hälfte des Weges gelaufen bin, bleibe ich auf dem Pfad. Ich vermute ohnehin, dass die Abweichung des Tracks, unbeabsichtigt entstanden ist. Wir sind die letzten Stunden immer dem offiziellen Goldsteig gefolgt, unwahrscheinlich das wir ihn hier verlassen sollen um einen parallel verlaufenden Weg zu nehmen. Meinen Verfolger verliere ich in diesem Abschnitt aus den Augen, ob ich vor oder hinter ihm bin, weiß ich nicht.
Ich verlasse den Wald und laufe ein Stück zwischen Feldern hindurch, tendenziell geht es weiter bergauf bis mich der nächste Wald verschluckt.
Es geht abwärts, über einen wurzeligen Single Trail. Die Pfade, in diesem Abschnitt, sind stark verzweigt, ich komme an dutzenden von Abzweigungen vorbei. Die Schilder sind nicht immer leicht zu entdecken, da meine Aufmerksamkeit primär dem Boden gilt. Schilder, Navi und Beschaffenheit des Weges fordern insgesamt sehr viel Konzentration ein.

Abwärts, rechts rum, wieder links rauf, unmöglich eine Reihenfolge im Kopf zu behalten. Der Abschnitt ist fordernd, macht aber auch richtig Spaß, ich bin wieder hellwach und konzentriert. Nach einigen Minuten, endet der Abschnitt und ich kann mich auf einem breiten Feldweg etwas erholen, dann beginnt es von neuem.
Nach den ersten Abbiegungen erlischt mein Navi. Die Akkuwarnung wurde schon länger angezeigt, nun sind die Batterien endgültig erschöpft. Ich habe Ersatzbatterien im Rucksack, verspüre aber wenig Lust hier, mitten im Unterholz, sie herauszukramen und zu wechseln. Ich blicke auf meine Uhr, noch zwei Kilometer bis zum Versorgungspunkt, das sollte man auch mit Wurmnavigation und Beschilderung hinbekommen.
Ich laufe weiter durch den Wald, etwas langsamer, werde unruhig wenn ich länger als eine Minute kein Schild entdecken kann. Der „Wurm“ erweist sich als nutzlos, zu viele Abzweigungen gibt es hier und die Wege liegen zu dicht übereinander.
Wie aus dem Nichts taucht auf einmal eine schmale Brücke vor mir auf und auch endlich wieder Wegweiser, ich bin richtig.

Nach der Brücke wird der Pfad etwas breiter und einfacher zu laufen, wenig später erreiche ich eine Straße, die ich überquere. Ich folge dem Waldrand und kann in einiger Entfernung Lichter erkennen, da leuchtet mir Leuchtenberg entgegen. Bis ich dort ankomme, muss ich aber noch einige Höhenmeter überwinden. Jetzt, auf einfacherer Strecke, wo Adrenalin abflacht, schlägt die Müdigkeit wieder durch. Ich freue mich auf die Pause am Versorgungspunkt.
Wenige Minuten später erreiche in den Ortsrand, wie in der Besprechung, gestern, angekündigt, entdecke ich ein großes Goldsteig Banner. Jedoch kein Richtungspfeil. Mehrere Autos stehen in der Nähe, ich vermute den Versorgungspunkt in direkter Nähe und laufe zwischen den Häusern hindurch, jedoch ohne etwas zu finden. Ratlos umlaufe ich einen Häuserblock bis ich wieder beim Schild ankomme. Von hier aus sehe ich es: Ein zweites Schild, sogar mit LED’s beleuchtet, auf der linken Seite. Augen aufmachen hilft manchmal.
Ich folge der Straße in das Dorf hinab, in regelmäßigen Abständen hängen weitere Hinweisschilder dann, endlich, biege ich rechts ab und die Halle taucht vor mir auf. 85 Kilometer der Strecke sind absolviert, laut Laufuhr war ich etwas mehr als 87 Kilometer unterwegs, zum Teil Umwege, zum Teil Ungenauigkeiten der GPS Aufzeichnung. Es ist etwa viertel nach Elf, mein Herumirren in Leuchtenberg hat mich volle fünf Minuten gekostet, dennoch liege ich recht genau in meinem Zeitplan.

Leuchtenberg

Kaum habe ich die Halle betreten, werde ich von einem Helfer in Empfang genommen. Man geleitet mich in einen großen Raum, Tischreihen stehen bereit, an der Stirnseite des Raumes befindet sich ein üppiges Buffet. Micha, der Organisator, ist auch vor Ort und bespricht sich gerade mit einem seiner Helfer. Nach einer Begrüßung suche ich eilig das Ladegerät für meine Laufuhr aus dem Rucksack heraus, je länger die Uhr lädt, umso besser.
Weitere Läufer sind im Augenblick nicht hier, wie ich erfahre schlafen zwei im Ruhebereich, sie werden erst in ein paar Stunden wieder aufbrechen, solange habe ich nicht vor zu verweilen.
Nächste Priorität hat Essen und Trinken, vor allem Trinken, in der Pause kann mein Körper rehydrieren. Viel Hunger verspüre hingegen nicht, dennoch greife ich überall zu, Nüsse, Salzstangen, etwas Brot, Gummibärchen, Schokolade zum Abschluss auch noch einen kleinen Teller Nudeln. Die Energie werde ich noch brauchen.
In der Zwischenzeit hat man mir mein Dropback gebracht, ich krame den Beutel mit Wechselkleidung hervor und gehe hinab zu den Duschen um mich umzuziehen. Duschen wäre jetzt sicher angenehm, aber bei der bevorstehenden, kühlen, Nacht ist mir das Erkältungsrisiko zu groß, die Haare würde ich hier nicht getrocknet bekommen. Ich reibe mich, so gut es geht, trocken. In frischer Laufmontur fühle ich mich gleich viel wohler. Auch wenn es nun frisch wird, bleibe ich bei kurzer Bekleidung, ergänze mein Shirt jedoch um Ärmlinge, die kann ich, wenn es mir zur warm wird, schnell ablegen. Zur Not habe ich auch noch warme Wechselkleidung im Rucksack.
Deutlich erfrischt gehe ich wieder hinauf, esse noch etwas und gönne mir ein paar Minuten Pause. Danach beginne ich meinen Rucksack neu zu packen, ab jetzt wird es schwer: Ich muss Wasser und Verpflegung für die ganze Nacht mitführen, wie viel ich brauche, fällt mir schwer abzuschätzen. Letztlich entscheide ich mich für 2,5 Liter Wasser und nochmal ein Liter Mauraten, hinzukommen 600-700 Gramm für Verpflegung. Das Gewicht meines Rucksacks hat sich somit fast verdoppelt, ich laufe nun mit etwa acht Kilo Gepäck. Ich wechsel die Batterien für das Navi und tausche auch den Akku der Stirnlampe, der hat zwar noch etwa 70%, aber so bin ich sicher ihn nicht während der Nacht wechseln zu müssen.
Obwohl ich versuche, konzentriert und zielstrebig zu arbeiten, vergeht mehr als eine Viertelstunde für das Packen. Kurz vor Mitternacht bin ich mit allem fertig, ich sammel Uhr und Ladegerät wieder ein und mach mich aufbrauchbereit, als Micha entgegenkommt: „Es regnet“ verkündet er knapp. Mist, ich gehe kurz hinaus um einzuschätzen wie stark: Es ist kein Weltuntergang, dennoch sollte ich die Regenjacke benutzen. Also nochmal Rucksack runter, Jacke herauskramen und anziehen. Gegen 0:10 verlasse ich den Checkpoint und setze meinen Lauf fort. Zehn Minuten hinter meinem Zeitplan, aber: Wir sind zehn Minuten später gestartet als geplant, somit liege ich exakt auf Kurs.

Durch die Nacht

Anmerkung: In der Nacht sind nur sehr wenige Fotos entstanden, die Gründe dazu werden im folgenden deutlich werden. Ohne Bilder fällt es mir schwer, alle Ereignisse in die richtige Reihenfolge zu bringen. Auch fehlen mir Erinnerungen an so manchen Abschnitt, die folgenden Stunden sind daher etwas unschärfer beschrieben als die vorherigen.

Zurück im Ort fühle ich mich desorientiert, ich muss zunächst wieder die Straße hinauf, verlaufe mich dann aber, auf den Weg aus dem Ort hinaus, noch einmal bis ich Leuchtenberg hinter mir lasse. Der Regen raubt mir die Sinne: zum einen das Gehör, durch das Trommeln auf meine Kapuze, zum anderen die Sicht, durch die vielen Reflexionen mit dem Lichtstrahl meiner Stirnlampe. Schon jetzt, spüre ich das Wasser, in den Schuhen.

Auf einem Feldweg geht es abwärts bis ich am Waldrand ankomme, hier verlasse ich den Weg und biege in einen Trail ein. Über rutschige Wurzeln und Steine geht es hinab, ich versuche zu laufen, wo es geht, wechsel aber immer wieder in den Gehschritt und nehme nicht selten die Hände zur Hilfe, wenn es mir zu rutschig wird. Ich fluche still vor mich hin, dass ich nicht wenigsten meine Trailschuhe am Fuß habe. Mehrfach führt mein Weg über kleine Brücken, meist nicht mehr als ein loses Stück Beton, dann Winde ich mich wieder durch dichten Bewuchs hindurch.
Als ich, nach wenigen Minuten, den Wald wieder verlasse, hat sich der Regen schon wieder abgeschwächt, nur noch ein dumpfes Tröpfeln und schon beginne ich in der Jacke zu schwitzen. Ich nehme mir vor, noch ein paar Minuten abzuwarten, wenn es nicht wieder stärker wird, will ich lieber früher als später aus der Plastikpelle hinaus.
Der Trail endet und ich folge einem Feldweg, noch immer geht es abwärts, bis ich links in den nächsten Trail abbiegen.
Nun geht es wieder bergauf, ich schwitze und die Jacke klebt mir an den Armen, ich muss das Teil loswerden. Zum Glück entdecke ich wenig später eine Bank, an der ich kurz halt mache um mich erneut umzuziehen. Ich nutze die Gelegenheit und esse nochmal einen Happen, auch wenn ich noch nicht lange unterwegs bin.
Der Pfad führt steil bergan, ich bleibe beim Marschieren bis ich das Ende des Waldstücks erreiche, der Weg verbreitert sich zum Feldweg und ich steuer auf die nächste Ortschaft zu.
Nachdem ich eine Wohnstraße durchquert habe, stoße ich auf eine breite Hauptstraße. Bin ich hier richtig? Das ist die größte Straße, auf der ich bislang unterwegs war, aber laut Navi ist das richtig so. Ich laufe auf einem schmalen Seitenstreifen unter einer Autobahnbrücke hindurch, diesmal die A6, ich bin dankbar, das mir niemand entgegenkommt. Im folgenden Kreisel biege ich links ab und habe wenig später wieder einen Feldweg unter den Sohlen. Schon bald liegt Straße und Ortschaft hinter mir und ich bin wieder alleine im Wald.
Im Wald und wider auf einem Trail, dieser führt steil bergab, erneut kann ich verlorenen Höhenmeter nicht nutzen um Kraft zu sparen, muss Bremsen, mich durch Gestrüpp winden und sicheren Halt suchen. Erst als ich den Wald hinter mir lassen und auf einem Feldweg auf das nächste Dorf zusteuere, kann ich wieder in verhaltenen Trab wechseln.
Im Ort schlägt meine Desorientierung erneut zu, ich verpasse die richtige Straße und muss erneut einen kleinen Umweg in Kauf nehmen um wieder auf die richtige Route zu stoßen. Inzwischen bin ich, seit verlassen des Versorgungspunkts, fast eine Stunde unterwegs. Von der gewonnen Erholung ist nicht mehr viel geblieben, meine Beine fühlen sich schwer an und ich kann mir bildhaft vorstellen wie meine klammen Füße gerade jetzt anfangen sich mit Blasen zu überziehen.
Der Ort ist durchquert und ich biege in den nächsten Trail ein, die meiste Zeit geht es abwärts, aber immer wieder stellen sich mir kurze, aber meist ausgesprochen Steile Rampen in den Weg. Kleine Anstiege, die das Streckenprofil, verschluckt, in Summe aber auch Körner kosten.

Der Pfad ist eng und überwuchert, Brennnesseln und Gestrüpp ragt von Beiden Seiten in den Weg, ich überquere eine weitere „Brücke“: Eine Holzplanke die einen kleinen Rinnsal überbrückt. Und folge einem flachen Weg, tiefer in den Wald hinein. Zuletzt hatte ich die Kamera eingepackt um die Hände frei zu haben, jetzt krame ich sie wieder hervor: Wildblumen Ragen in den Weg, reflektieren das Licht meiner Stirnlampe in bunten Farben, während alles drum herum zunächst in Grün und dann in Schwärze versinkt. Ein atemberaubender Anblick, den man so nur nachts erleben kann, ein Grund für meine Vorliebe für Nachtläufe.

Die Blumen bleiben zurück, der Pfad wird wilder: Steine, Felsbrocken, Wurzeln, Gestrüpp, Bäume auf dem Weg, über die man hinübersteigen muss, umgestürzte Bäume, unter denen man sich hindurch ducken muss. Jedes denkbare Hindernis findet sich auf diesem Abschnitt, der Untergrund ist nass und klitschig, meine Schuhe, zwischenzeitig wieder fast trocken, sind in kürzester Zeit wieder völlig durchnässt. Mehrfach komme ich ins Ruschen, kann den Sturz jedoch vermeiden.
Wo es geht trabe ich, aber nie mehr als ein oder zwei Minuten, dann zwinkt mich das nächste Hindernis zum Gehschritt. Ich komme nur langsam voran, trotz der Mühen genieße ich jeden Meter, genau diese Naturerlebnisse sind es, die einen solchen Lauf ausmachen.
Ich kraxel über ein paar Felsen, danach öffnet sich der Weg und ich laufe durch einen Säulengang, die Stämme der Bäume um mich herum sind so hoch, das ihre Äste in der Dunkelheit über mir verschwinden.

Ich durchquere die Säulen, zu meiner linken taucht ein Fluss zwischen den Bäumen auf, ein breiter Weg führt in der Nähe des Bachlaufs entlang, einfach zu laufen, entspannend und dementsprechend falsch. Meine Uhr weißt mich auf die Streckenabweichung hin, ein Blick auf das Navi schickt mich zurück. Der Pfad, dem ich folgen muss ist das Gegenteil: schmal, unscheinbar und extrem steil. Die Beine und vor allem Füße jaulen unter der Anstrengung, keuchend und die Arme auf die Knie stützend, arbeite ich mich den Hang hinauf.

Der Hang ist erklommen, aber wieder legt der Wald mir seine gesamte Palette von Hindernisse in den Weg. Mehrfach knicke ich um, die Schuhe bieten kaum halt und noch wenig Schutz. Der Schmerz in den Füßen nimmt zu.
Immerhin belohnt mich meine Uhr, mit der Bestätigung, die 100 Kilometer Marke überschritten zu haben. Beim Blick auf die Restdistanz verpasst sie mir aber direkt wieder einen Dämpfer: Es liegen noch 64 Kilometer vor mir, zwei weitere Kilometer Umweg seit dem Versorgungspunkt? Das halte ich für unwahrscheinlich, tippe eher auf Messfehler. (Tatsächlich hat die Uhr fast einen Kilometer im Versorgungspunkt aufgezeichnet, vermutlich auf Grund schlechter Satellitenverbindung im Gebäude)
Wieder verlaufen, wieder den Weg übersehen, kein Wunder, wären dort nicht die Goldsteig Schilder, würde ich den Pfad auch nicht als solchen erkennen.

Das Wurzelwerk ist rutschig, das erste Stück gehe ich auf allen vieren um sicheren Halt zu finden, danach kraxel ich weiter, durch eine enge Serpentine, den Hang hinauf. Unerwartet erreiche in den Waldrand und folge einem Weg, der auf die nächste Ortschaft zuführt.
Die letzten Kilometer haben deutliche Spuren an mir hinterlassen. Vor allem in den Füßen, die sind wieder durchnässt und schmerzen. Auch die Ausdauer hat spürbar gelitten, selbst dieser einfache Weg strengt mich an. Als ich eine Bank, am Wegesrand, entdecke, beschließe ich, eine Pause einzulegen.
Es tut gut den Rucksack für ein paar Minuten ablegen zu können. Ich esse und trinke und versuche die Aussicht zu genießen. Unter mir liegt Trausnitz, es ist etwa viertel nach zwei Uhr, nur wenige Gebäude sind beleuchtet. Auf der gegenüberliegenden Seite liegt eine Bergflanke, ich hege keinen Zweifel dort in Kürze hochzumüssen.
Ich wäre gerne noch etwas länger geblieben, aber von Minute zu Minute wird mir kälter, ich sollte mich wieder in Bewegung setzen.

Steifbeinig laufe ich in den Ort hinein, es geht abwärts, angenehm ist das nicht, ich spüre deutlich wie, meine müden Beinen, mit jedem Schritt mein, durch den Rucksack erhöhtes, Gewicht abfangen müssen. Mein Blick ist auf das Navi geheftet, möchte mich nicht schon wieder verlaufen, passiert dennoch, weil ich den schmalen Weg, der zwischen den Straßen hinab führt, übersehen habe.
Auf einer breiten Autobrücke überquere ich einen Fluss und folge diesem für eine Weile am Rand einer Landstraße. Es geht flach dahin, auf Asphalt, wunderbar entspannend. Natürlich nicht für lange, das habe ich auch nicht erwartet, auf der rechten Seite führt ein schmaler Pfad, wie erwartet, den Berg hinauf.

Es ist steil und ich wechsel wieder in den Gehschritt, seit dem Verlassen des Versorgungspunkts ohnehin meine überwiegend genutzte Fortbewegungsmethode. Der Pfad ist auch hier mit zahlreichen Hindernissen überseht. Fast einhundert Höhenmeter erklimme ich, auf dem folgendem Kilometer. Danach endet der Wald und ich laufe auf einem groben Feldweg weiter bergan. Ich laufe an ein paar Häusern vorbei und biege links in den Wald ein. Der Weg ist breit und ließe sich gut laufen, ging es nicht nach wie vor stramm bergan und wären meine Beine nicht so schwer, so verbringe ich den überwiegenden Teil in strammen Gehschritt.

Ich komme an Holzstapeln und einigen Felsskulpturen vorbei. Mein Magen knurrt und ich fühle mich zunehmend schwach, Zeit für eine weitere Pause, zum Glück gibt es hier regelmäßig Bänke die zum Verweilen einladen. Ich gönne mir ein paar Minuten zum Essen und Trinken, dann breche ich wieder auf, wie schon zuletzt wird mir rasch kalt. Zitternd und mir bleiern schweren Beinen rappel ich mich auf und trabe an, kaum in Bewegung wird mir wieder rasch warm.
Meine Schultern schmerzen inzwischen auch, an den Stellen, auf denen die Gurte aufliegen. Meinem Rücken geht es noch gut, das Tapen scheint sich auszuzahlen, ich bereue es nur, die Schultern nicht aus geschützt zu haben.
Ununterbrochen geht es aufwärts, aus dem Wald raus, über ein Feld, wieder in den Wald hinein, für ein paar Minuten laufe ich auf Trail, bis ich eine Bundesstraße erreiche. Ich folge dem Wegweiser und biege auf den parallel verlaufenden Radweg ein.
Ich durchlaufe eine spitze Kehre und umlaufe, weiterhin auf einem Radweg, ein kleines Waldstück, überquere die Straße und laufe auf einen Feldweg weiter bergan. Wenig später passiere ich einen Hof, überquere eine weitere Straße und stehe vor einem weiteren Hof. Laut Track muss ich über das Grundstück laufen? Ich bin unschlüssig, schaue mich um, kann aber kein Hinweisschild entdecken, ich laufe noch etwas die Straße auf und ab ohne einen alternativen Weg zu finden, scheint also zu stimmen. Unsicher trabe ich zwischen den Häusern hindurch und tatsächlich, auf der Rückseite beginnt ein Wiesenweg, der nun auch wieder ausgeschildert ist.
Es geht, durch feuchtes Gras, weiter bergan. Es dauert nur Sekunden, bis meine Füße erneut durchnässt sind. Ich laufe durch offenes Gelände, bis mir ein Gatter den Weg versperrt. Durch ein Tor auf der linken Seite überwinde ich das Hindernis. Dahinter liegt ein weiterer steiler Wiesenweg. Mühsam schleppe ich mich aufwärts, Beine und Füße protestieren.

Der Untergrund wird felsiger und führt weiter bergauf, Atem geht stoßweise, Puls ist auf Anschlag, Uhr piepst – Streckenabweichung. Ich bin falsch, muss eine Abzweigung übersehen haben. Suchend schaue ich mich um, gehe ein paar Schritte in Richtung des Tracks, kann aber keinen Weg entdecken, also wieder zurück. Diesmal sehe ich die Abzweigung, ein schmaler Pfad auf Höhe der ersten Felsen. Einige Höhenmeter und Minuten verschenkt, aber nun immerhin wieder auf richtigen Weg.
Über mir taucht ein Licht auf, ein Kruzifix, hell beleuchtet, der Pfad steuer darauf zu. Am Fuß des Hügels, auf dem das Mahnmal steht, blockiert ein weiteres Tor den Weg. Ich öffne es und folge einem Trampelpfad, der am Kamm des Hügels entlangführt, bis wir dessen Front erreichen. Eine breite Treppe führt hinauf. Von oben hat man sicher eine tolle Aussicht aber meine Beine legen ihr Veto zum Thema „überflüssige Höhenmeter“ ein, so begnüge ich mich mit einem Foto von unten.

Inzwischen ist es 4:15, in zwei Stunden wird es dämmern. Etwa 110 Kilometer habe ich zurückgelegt, mein nächster Treffpunkt mit Susann ist etwa bei Kilometer 123. In der Planung war unsicher, ob wir uns dort treffen würden, je nachdem wie schnell ich durch die Nacht komme. Gefühlt (und auch messbar) bin ich ziemlich langsam unterwegs, allerdings war auch die Planung recht defensiv ausgerichtet. Noch ist es offen, ob wir uns dort sehen werde.
Es geht bergab, meine Füße ächzen und es zwackt in rechten Bein, abwärts laufen empfinde ich gerade unangenehmer als bergan zu steigen.

Die folgenden zwei Stunden existieren nur noch schemenhaft in meinem Kopf, auch in meiner Kamera finde ich kein einziges Bild von diesem Abschnitt. An was erinnere ich mich?
Es ging viel auf- und ab, meisten auf recht breiten Wegen, vereinzelt aber auch auf Trail Passagen. Die Navigation gestaltet sich einfach, nur selten muss ich zum Navi greifen, meist genügen die Wegweiser. In vergleich zu den vorherigen Stunden gibt es wenig zu tun und auch wenig besonderes zu sehen, hohe Bäume zu beiden Seiten, meist laufe ich am Hang: Auf der einen Seite geht es hinauf, auf der anderen hinab. Ich komme an einer Quelle vorbei und mir wird bewusst, dass ich viel zu viel Wasser mit mir herum schleppe. Die Schultern schmerzen unter dem Gewicht, die Fußsohlen brennen schon seit Stunden, immerhin sind die Füße inzwischen wieder trocken. Sorgenkind ist mein rechtes Bein, besonders beim bergab laufen zwackt es im Knie.
Ich nutze eine Gruppe von Bänken, um eine Pause einzulegen, esse viel und trinke eine Cola die ich in meinem Rucksack finde, ein halbes Kilo weniger auf dem Rücken.
Ich erinnere mich an einen Lehrpfad, irgendwas mit Geologie, eine größere Blockhütte, Felsen am Wegesrand. Ich wechsel häufig zwischen Trab und Gehen, nicht nur an den steilen Abschnitten, sondern auch um mein lädiertes Bein zu schonen.

Ein neuer Morgen bricht an

Bewusste Erinnerungen setzen kurz vor sechs Uhr wieder ein. Ich stoße auf das Nachtlager eines Läufers, auf einer Bank hat er seinen Schlafsack ausgebreitet, der Rucksack steht daneben, ich hoffe, ihn nicht geweckt zu haben. Wenig später erreiche ich den Waldrand und folge einem breiten Waldweg. Zwischen den Bäumen fällt trübes Licht, die Dämmerung hat eingesetzt, noch ist nicht viel zu erkennen, dennoch wirkt dieser Anblick belebend auf mich.
Ich verlasse den Wald und durchquere eine Ortschaft. Von Minute zu Minute wird es heller, die Lampe bräuchte ich eigentlich nicht mehr, ich schalte auf die kleinste Stufe – zum gesehen werden und folge einem geteerten Feldweg.
Vor mir kann ich einen Läufer ausmachen, ganz langsam schließe ich auf, überhole schließlich, Grüße und weiter. Auch wenn langsam meine Lebensgeister wieder erwachen, bin ich noch zu müde für eine Unterhaltung.

Geteerter Weg wird durch Wiese abgelöst und wieder habe ich nasse Füße. Obwohl es bergan geht bleibe ich im Laufschritt, fühle mich kräftig genug und aufwärts beschwert sich auf mein Bein nicht.
Ich laufe am Rand eines Feldes entlang, biege mehrfach ab bleibe aber zwischen Feldern. An einer kleinen Baumgruppe habe ich erneut Orientierungsprobleme, auf dem Navi sieht es so aus, als müsste ich außen vorbei, dort befindet sich jedoch kein Weg, ich laufe wieder hinauf und entdecke dann den Wegweiser, wie konnte ich den nur übersehen? Ich durchquere die Baumgruppe und stoße auf der anderen Seite auf einen geteerten Feldweg auf dem es weiter bergab geht.

Um halb sieben schalte ich meine Lampe endgültig ab. Ich komme an einer Kirche vorbei, überquere eine Straße und laufe weiter bergab. Bergablaufen schmerzt, mein Knie protestiert und ich wechsel testweise in den Gehschritt. Marschieren kann ich schmerzfrei, aber sobald ich wieder ins Laufen wechsel wird es unangenehm. Kein Wunder, beim Laufen muss das Knie bei jedem Schritt ein vielfaches an Last abfangen. Somit steht fest: Bis ins Ziel werde ich bergab nicht mehr laufen können, bleiben mir noch die wenigen geraden Abschnitte und die moderaten Aufwärtsabschnitte um etwas Tempo zu machen. Ich bin realistisch genug, um zu wissen, dass ich unterm Strich einen Großteil der Reststrecke gehen werde. Keine sehr aufbauende Perspektive, ein Blick auf die Uhr bescheinigt mir eine Restdistanz von knapp unter vierzig Kilometer, nicht mal mehr ein Marathon. Nun gut das wird der langsamste Marathon meines Lebens.
Ich nehme es mit Entschlossenheit, ich muss nur etwas mehr als vier Kilometer pro Stunde schaffen um mein Zeitziel von 30 Stunden zu erreichen. Im vergangenem Jahr begleitete ich öfters meine Frau, bei ihrem Nordic Walking Training, auf einfacheren Abschnitten schaffe ich problemlos sieben Kilometer pro Stunde gehend. Schneller war ich in der Nacht auch nicht. Wenn ich konsequent schnell marschiere, dürfte ich nicht viel Zeit verlieren.

Ich verlasse den Weg und betrete eine weite Wiese, auf der gegenüberliegenden Seite kann ich einen Eingang in den Wald sehen, laut Track muss ich genau dort hin. Wieder werden meine Füße durchnässt.

Am anderen Ende der Wiese führt eine wackelige Brücke über einen Bach und bringt mich auf einen, von schwerem Gerät, zerfurchten Waldweg. Es geht bergan, ich spüre jede Furche auf meinen wunden Fußsohlen.
Während ich den Hang hinauf marschiere, erhalte ich eine Nachricht von meiner Frau, sie ist aufgestanden und möchte wissen, wo ich bin. Bis zum nächsten Treffpunkt ist es nur noch ein Kilometer, das schafft sie nicht mehr. Bis zum Übernächsten sind es knapp 13 Kilometer, da braucht sie sich nicht beeilen und kann in Ruhe Frühstücken. Viel brauchen tue ich nicht, Wasser und Verpflegung habe ich mehr als genug und für die richtigen Schuhe ist es ohnehin zu spät.
Anstieg und Wald enden und ich laufe über einen Feldweg weiter, im Augenblick tatsächlich in einem sehr langsamen Laufschritt. Im letzten Moment bemerke ich das Hinweisschild was mich von dem bequemen Feldweg, abwärts, in den nächsten Wald lotst. Ich laufe um eine Biegung und betrete die nächste Ortschaft. Hier wäre unser Treffpunkt gewesen.

Das Dorf ist schnell durchquert und ich folge weiteren Feldwegen. Der nächste Wald liegt vor mir, erfreulich Flach geht der Trail dahin, nur wenige Wurzel und Steine quälen meine Füße, ein Abschnitt, der trotz allem, noch immer Spaß macht.
Ich überquere eine Straße, tauch auf der gegenüberliegenden Seite direkt wieder in den Wald ein, breiter Waldweg, abschüssig, aber trotz „Bein“ noch immer laufbar. Ein paar einfache Kilometer die zur richtigen Zeit kommen. Ein steiler, abschüssiger Weg überseht mit faustgroßen Steinen beendet mein leichtes Vorankommen. Das tut weh, mehrfach knicke ich um, habe nicht mehr genug Feingefühl im Fuß.

Ich überquere eine Straße und laufe anschließend im Wald weiter, wenig später erreiche eine Kreuzung. Richtung unklar, zwar sehe ich das Schild am Baum, es könnte aber sowohl geradeaus wie auch links hinauf gemeint sein. Auf der Karte meines Navis ist nur einer der Wege eingezeichnet, ob nun geradeaus oder links kann ich nicht zuordnen. Ich versuche es links, habe aber bald das Gefühl falsch zu sein, wieder runter und geradeaus, definitiv falsch. Also doch links. Unsicher stapfe ich den groben Waldweg hinauf, es dauert einige Minuten bis sich GPS Position und Track wieder übereinanderfügen und den letzten Zweifel tilgt.

Bald darauf verlasse ich den Wald und laufe über einen Wiesenweg auf das nächste Dorf zu, wie könnte es anders sein – nasse Füße. Wiese geht in lockeren Kies über, Fußschonend daher angenehm, ebenso leicht ansteigend somit laufbar, doppelt gut. Ich steuer auf altes, prunkvolles Gebäude zu, ein altes Herrenhaus?
Für ein kurzes Stück folge ich einer Landstraße, in der Ferne sehe ich eine Burg über ein Dorf herausragen, hübsch, aber mein Weg führt mich nicht dorthin, sondern auf den nächsten Feldweg.

Fürchterliches Geläuf, bis ich endlich im Wald bin, hier geht es stramm bergauf, nachdem Füße und Knie, vom letzten Abschnitt, wieder schmerzen verlege ich mich erneut aufs Marschieren.
Langsam weicht die morgendliche Kühle und ich streife mir die Armlinge herunter. Immer wieder durchbricht die Sonne das Dickicht und lässt den Wald in tausend Farben erstrahlen. Ein angenehmer Anblick, trotz Schmerzen, Müdigkeit und Erschöpfung genieße ich den Anblick.

Der Anstieg endet und geht nahtlos in den Abstieg über, ich bleibe beim zügigen Marschieren. Um die zehn Minuten brauche ich pro Kilometer, das ist, gemessen an meinem Zustand, in Ordnung. Ich überquere eine Brücke und einen angrenzenden Parkplatz, noch immer im Wald gelegen. Laut Track müsste es hier direkt nach rechts weiter gehen, nur den Einstieg kann ich nicht zunächst nicht finden, nach ein oder zwei Minuten suche finde ich einen schmalen Trampelpfad, der mich hinab, zum eigentlichen Weg führt.
Wald endet, abwärts über Feldweg, wieder Wald, wieder aufwärts über Trail, abwärts über Feldweg. Hinterlässt keinen bleibenden Eindruck, vermischt sich bereits abgeleisteten 135 Kilometern Goldsteig. Ich bin zunehmend auf das nächste Zwischenziel fokussiert, das Zusammentreffen mit meiner Frau, nur noch etwas mehr als ein Kilometer bis dahin. Gerade denke ich das, als das Telefon klingelt, Gedankenübertragung?

Wiedervereint

Während wir telefonieren, kraxel ich den Hang hinauf, oben angekommen noch ein Schwenker nach links, dann rechts ab und wieder abwärts. Ich trabe noch einmal an, bis es zu steil wird und sich das Knie zu sehr beschwert. Dann, endlich, taucht das Dorf vor mir auf. Ich höre Hundegebell, überraschenderweise nicht unsere, nach einer Kurve sehe ich unser Auto, Susann und die Hunde.
Die Begrüßung fällt herzlich aus, dankbar nehme ich auf den bereitgestellten Stuhl Platz. Alles unterhalb der Gürtellinie fängt sofort das Kribbeln an. Während ich mich versorge, tritt einer der Anwohner an uns heran, ist interessiert, was wir hier treiben. Ich bin froh, dass Susann das Erklären übernimmt, bin zu müde und kraftlos, die guten Wünsche nehme ich dennoch dankbar entgegen.
Ob sich der Schuhwechsel noch lohnt, weiß ich nicht, vollziehen tue ich ihn trotzdem. Eine quälende Prozedur, die Füße sind angeschwollen und ich muss die Schnürung meiner Trailschuhe weit lockern bis ich den Fuß hineinbekomme. Ähnlich schlimm ist das Anziehen meines Zuggeschirrs, auf dem nächsten Abschnitt wird mich Tuaq begleiten. Ich habe nicht mehr die Feinmotorik in den Beinen um die Schlingen richtig durch die Beine zu fädeln. Susann hilft mir zum Glück. Eine Minute gönne ich mir noch, dann rappel ich mich auf, das Ziel kommt sitzend schließlich nicht näher.
Es ist etwa halb neun, über zwanzig Stunden bin ich nun schon unterwegs, ich bin auf Streckenkilometer 134,4, auf meiner Uhr haben sich inzwischen knapp 139 angesammelt. Noch gut 25 reale Kilometer bis ins Ziel. Selbst wenn ich jetzt nur noch vier Kilometer pro Stunde schaffe, bin ich spätestens um 16 Uhr im Ziel, also schon zwei Stunden unter meinem Ziel. Ich muss nur durchhalten und die Anatomie darf sich nicht weiter verschlechtern. Mein nächstes Zwischenziel ist das nächste Zusammentreffen mit meiner Frau, in Thanstein, nur etwas mehr als sieben Kilometer.

Ich laufe am Ortsrand entlang und einen Feldweg entlang, es ist eben, verlockend zum laufen, ich bleibe trotzdem beim Gehen. Es kommen noch schwere Abschnitte, ich möchte diesen einfachen nutzen, um mich etwas zu erholen.
Der Feldweg führt in geringem Abstand an einem größeren Dorf vorbei. Zu beiden Seiten erstrecken sich Weiden. Als ich eine Straße überquere nähern sich Schritte hinter mir, seit dem Morgengrauen der erste Läufer den ich zu Gesicht bekomme und auch das erste Mal überhaupt das ich überholt werde. Tuaq macht Anstalten nachsetzen zu wollen, aber ich halte ihn zurück, ich weiß das ich nicht mithalten könnte. Beginnt nun das große Überholtwerden? Warum eigentlich erst jetzt? Haben die Übrigen längere Pausen eingelegt oder haben ähnliche Probleme wie ich? Die Platzierung ist mir zweitrangig, einen solchen Wettkampf trägt man nicht gegen andere Läufer aus, sondern nur mit sich selbst.

Wir biegen ab und lassen das Dorf hinter uns zurück, der andere Läufer ist längst aus meinem Sichtfeld entfleucht. Ich folge dem Waldrand, Tuaq schnuppert links, schnuppert rechts, für ihn ist dies ein Spaziergang, immer wieder bleibt er stehen und ich muss ihn zum Weiterlaufen animieren, oder er zieht in den nächsten Wasserlauf und reißt dabei unsanft an meiner Hüfte. Angenehm ist das nicht, dennoch bin froh ihn dabei zu haben. Das achten auf den Hund beschäftigt, hält wach und lenkt von anderen Blessuren ab.

Wir biegen nach links und in den Wald ein. Zunächst ist der Weg noch breit und gut zu laufen, wird dann aber immer schmaler bis nur noch ein wurzeliger Trail bleibt. Wieder ein uneindeutiges Schild an einer Abzweigung, muss ich nach rechts oder gerade aus? Auch auf dem Navi ist es nicht eindeutig zu erkennen, ich versuche es rechts, der Weg gabelt sich erneut, zwei weitere Wege führen grob in die richtige Richtung. Ratlosigkeit stellt sich ein, ich laufe in jeden kurz hinein, aber weit und breit ist kein weiteres Schild zu sehen. Letztlich laufe ich zurück auf den ersten Weg und folge diesem weiter, nur ein paar Bäume weiter bestätigt ein Schild, das ich nicht hätte abbiegen müssen.

Ich komme an eine weitere Wegkreuzung, große Info Tafeln sind hier aufgestellt und zum Glück eindeutige Wegweiser. Nachdem es bislang weitestgehend eben dahin ging, steigt der, nun wieder bessere Waldweg, merklich an. Tuaq hat Spaß, erkundet den Wald, soweit es die Leine zulässt.

Alles im Allen kommen wir gut voran und ich bin überrascht als wir gegen halb Elf bereits die nächste Ortschaft und somit auch den nächsten Treffpunkt erreicht haben. Die Straße führt steil bergauf, links ist eine Kirche, eine steinerne Treppe führt hinab. Muss ich geradeaus oder runter? Ich fummel noch an meinem Navi herum, als Tuaq die Ohren aufstellt und nach links zieht, Husky gewinnt gegen Technik: Tuaq hat meine Frau gehört und führt mich zielsicher zu ihr.

Ich übergebe Tuaq an Susann und schäle mich aus dem Zuggurt. Den nächsten Abschnitt laufe ich alleine, Amak wird mich erst auf den letzten sieben Kilometern, bis ins Ziel begleiten. Ich trinke noch einmal ausgiebig, es ist warm geworden, keine Wolke am Himmel. Ebenfalls fülle ich meinen Vorrat an Energie Gels auf und wechsel die Akkus des Navis. Der nächste Abschnitt wird hart, im Streckenprofil ist ein beachtlicher Reißzahn vermerkt, danach flacht die Strecke ab und es sollte keine größeren Hindernisse mehr bis ins Ziel geben. Nicht ganz zwölf Kilometer bis zum nächsten und letzten Zusammentreffen, etwa noch achtzehn bis ins Ziel, nicht mal mehr ein Halbmarathon.

Ich verabschiede mich und setze mich in Bewegung, ich überquere die Hauptstraße und… weiß nicht weiter. Irgendwo zwischen den Häusern muss der Pfad verlaufen, aber ich finde den Einstieg nicht. Ich gehe die Straße auf und ab und halte ausschau, Minuten vergehen, dann entdecke ich endlich, an einer Garage, einen Wegweiser. Ich laufe am Rand eines Grundstücks entlang bis ich auf eine Straße treffe, biege links ab und laufe aus dem Ort hinaus.
Straße geht in Feldweg über und sofort beginnt der Anstieg nicht sehr steil, trotzdem läuft mir der Schweiß, das liegt auch an der Sonne, die mir ungeschützt aufs Haupt brennt. Vor mir fahren mehrere Trecker die Ernte ein, dichte Staubwolken ziehen über den Weg, ich schütze Mund und Nase mit dem Arm und sehe zu, dass ich zügig vorbei komme. Wenig später habe ich endlich den Wald erreicht.
Ohne Unterlass geht es bergan, mal mehr mal weniger steil, zunächst folge ich einem gut ausgebauten Waldweg, aber schon bald biege ich auf einen wilderen Pfad ein. Noch immer breit, aber durchzogen mit Wurzeln.

Unentwegt geht es bergauf, Steine, Äste, Wurzeln, Gestrüpp legen sich mir in den Weg. Minute um Minute kämpfe ich mich bergan, der Anstieg nimmt kein Ende. Mit butterweichen Knien erreiche ich ein Plateau. Wo geht es weiter? Goldsteig Markierungen zeigen geradeaus, aber mein Track deutet nach rechts, dort ist ein Weg, jedoch mit einer anderen Markierung, natürlich geht es weiter steil bergan. Ich steige den Pfad hinauf, entferne mich aber immer weiter von dem Track, das kann nicht stimmen. Frustriert kehre ich zurück, der Abstieg ist genauso anstrengend aber schmerzhafter wie der Anstieg. Mangels besserer Ideen folge ich der Ausschilderung, es dauert jedoch einige Minuten (natürlich weiter bergan) bis Track und Weg wieder aufeinandertreffen.
Für einen Moment flacht es ab, eine große Kreuzung liegt vor mir, ich muss geradeaus, entdecke auch einen Wegweiser, doch schon bald verschwindet der Pfad unter meinen Füßen, überall Bäume, weitere Markierungen kann ich nicht entdecken. Zu meiner Linken führt eine Breche weiter bergan, der Track zeigt aber geradeaus, dort kann ich aber beim besten Willen keinen Weg erkennen.

Ich versuche, stur dem Track zu folgen, im Zweifel auch querfeldein, komme aber nicht weiter, versinke im Unterholz. Dann laufe ich im Zick-Zack, auf der Suche nach einer Wegmarkierung, erfolglos. Nach gut zehn Minuten gebe ich auf. Auf meinem Navi ist ein zweiter Weg eingezeichnet, der weitestgehend parallel, zu dem vorgegebenen Track, verläuft, den werde ich nehmen. Der Pfad ist fürchterlich, eigentlich nur eine Schneise, von schwerem Waldgerät hinterlassen. Die Füße Schmerzen vom Untergrund, die Beine vor Anstrengung. Ich fühle ich schwach, ausgelaugt und müde. Ich versuche, mit einem Gel, gegenzusteuern, erwarte aber keine Wunder.
Endlich stößt mein Pfad wieder auf den vorgegeben Weg, der ist angenehm breit und geschottert, wo wäre hier der Einstieg gewesen? Wo bin ich soweit vom Weg abgekommen? Wäre ich frisch, würde ich dem Weg zurück folgen, um das herauszufinden, aber nicht heute. Ich trotte weiter und erreiche wenig später einen kreisrunden Platz. Ein schmaler und steiler Trail führt weiter bergauf, ich stöhne, nimmt das kein Ende? Noch nicht, weitere Minuten quäle ich mich den Pfad hinauf bis ich einen breiteren Weg erreiche der auf eine Burg zusteuert. Burgen stehen oben auf dem Berg, da muss endlich Schluss sein.
Ich erreiche den Burgplatz, der Track führt direkt durch das Tor, doch da steht ein Absperrgitter, ich gehe heran, das Gitter ist solide verankert, keine Chance da durch zu kommen. Am Tor hängen mehrere Zettel mit geistreichen Sprüchen „Nix offenes Denkmal“, „Tag des verschlossenen Denkmals“, „Machtdemonstration, denk mal drüber nach!“. Kann ich gerade nicht drüber lachen, wirklich nicht.

Was nun? Ich überlege, bei Micha anzurufen, aber was soll er aus der Ferne tun. Ich schieße ein Beweisfoto, zücke mein Navi und suche nach einer Umgehung. Zum Glück ist das nicht allzu schwierig: Ich muss nur ein kleines Stück zurück, ein Weg führt um die Burg herum und trifft, nach etwa einen halben Kilometer, wieder auf den original Track.
Der Weg ist felsig und führt steil bergab. Ohne schmerzende Füße wäre es, aber problemlos zu laufen, mit den brennenden Fußsohlen wird aber jeder Schritt zu Qual.

Minuten vergehen, während ich abwärts steige, dann, endlich, gehen die Felsen zurück und der Trail geht in einen gewöhnlichen Waldweg über. Hier kann ich wieder problemlos marschieren. Ich bin erleichtert, zwar liegen noch einige kleinere Anstiege vor mir, aber das Schlimmste sollte geschafft sein.
Ich verlasse den Wald und befinde mich urplötzlich auf einem größeren Parkplatz. Eine steile Rampe führt nach unten zu einer Straße, auf der gegenüberliegenden Seite beginnt ein Wiesenweg, auf dem geht es für mich weiter.
Feuchtigkeit ist inzwischen kein Thema mehr, jetzt, wo ich wieder unter freiem Himmel laufe, heizt mir die Sonne ordentlich ein. Der Pfad führt beständig bergab, nicht zu steil. Jetzt, wo ich wieder auf leichterem Terrain unterwegs bin und auch die Navigation offensichtlich ist, umfängt mich eine tiefe Müdigkeit.
Recht genau 24 Stunden bin ich inzwischen unterwegs, etwas mehr als zwölf Kilometer liegen noch vor mir. Der Pfad endet an einer Straße, die ich überquere, auf der gegenüberliegenden Seite führt ein Trail in den Wald hinein.

Die Strecke führt beständig leicht auf und ab, nie mehr als ein paar Höhenmeter. Der Weg ist landschaftlich wunderschön, für meine geschundenen Füße jedoch eine ziemliche Tortur: Wurzeln, Steine, Felsen, teilweise sind hohe Schritte notwendig um die Hindernisse zu überwinden. Mit frischen Beinen mit Sicherheit ein Traum.
Nach einigen Minuten erreiche ich einen Fluss, der sich später zu einem See verbreitern wird. An diesem See liegt unser Zeltplatz und das Ziel, es ist nicht mehr weit.
Eine Brücke überquert den Fluss und an dieser Stelle verabschiede ich mich vom Goldsteig, der führt auf der anderen Flussseite weiter. Mein Abschied fällt wenig emotional aus, nehme zur Kenntnis von nun an nicht mehr den gelben, sondern den grünen (oder waren es blaue?) Schildern folgen zu müssen und trotte weiter.
Der Weg bleibt im geringen Abstand zum Flusslauf, führt beständig auf und ab, der Untergrund matert meine Füße, jeder der kurzen Anstiege kostet spürbar Kraft.

Schlimmer als fehlende Kraft und wunde Füße empfinde ich aber die Müdigkeit, ich merke, dass ich mich kaum noch konzentrieren kann. Das Kontrollieren der Strecke auf dem Navi, ein in den letzten Stunden routiniertes Vorgehen, kann ich nur noch im Stehen. Immer wieder spielen mir meine Sinne einen Streich, halte, im ersten Augenblick, Bäume für Menschen oder ein Gebüsch für einen Hund. Fühle mich, auf den schmalen Pfaden, zunehmend unsicher. Ich muss mich mehrfach zur Konzentration ermahnen, ich möchte auf den letzten Kilometern nicht noch stürzen.
Das Gelände weitet sich, der Weg führt über die Wiese weiter. Glaube ich zumindest und halte mich dicht am Wasser, warum auch nicht? Hier ist ein Trampelpfad, ist nicht das erste Mal, das es auf solchen Wegen vorangeht. Der Pfad endet in einer Bucht, hier geht es nicht weiter, ich sehe den Weg, weiter oben in den Felsen, verlaufen.

Also wieder zurück. Die Abzweigung ist schnell gefunden, wäre wach nur schwer zu übersehen gewesen. Die Beschaffenheit des Pfades ändert sich in den nächsten Minuten nicht, rauf, runter, Wurzeln, Felsen, landschaftlich traumhaft.
Mehrfach kommen mir Wanderer entgegen, ich nicke oder gebe Handzeichen, bin zu müde, möchte nicht reden. Nur einmal mache ich eine Ausnahme davon: Eine junge Familie schleppt, mit müh und Not einen Kinderwagen den Trail rauf. „Ist als normaler Wanderweg eingezeichent“ raunt mir die Frau entschuldigend zu. „Das geht die ganze Zeit so weiter.“ Gebe ich als Warnung mit auf den Weg, für mehr Erklärungen fehlt mir die Kraft.
Der felsige Abschnitt endet und ich verlasse den Wald, wandere nun auf einem breiten, geschotterten, Weg, der sich vom Wasser entfernt. Nach einer Rechtskurve steuere ich auf einige Häuser zu und dann sehe ich unser Auto am Wegesrand stehen. Der vorletzte Abschnitt ist geschafft!

Dankbar lass ich mich auf den Klappstuhl sinken, ich bin so müde, das ich direkt einschlafen könnte. Ich suche eine Cola aus meinem Verpflegungsrucksack heraus und erzähle von den vielen Widrigkeiten der letzten Kilometer. Mühsam, aber diesmal immerhin ohne Hilfe, lege ich mein Laufgeschirr an und nehme Amak entgegen. Noch etwas mehr als sechs Kilometer, meine Frau wird nun zum Ziel vorfahren und mir von dort mit Tuaq entgegen laufen, damit wir gemeinsam ins Ziel einlaufen können. Egal wie müde ich bin, das ist mir noch immer eine Herzensangelegenheit. Dann raffe ich mich zum letzten Mal auf.

Das Finale

Die ersten Schritte nach dem Aufstehen fühlen sich sehr unrund an, dann komme ich aber wieder in meinen holprigen Rhythmus. Zunächst laufen wir auf einem ebenen Feldweg dahin. Vor uns liegt eine große Autobrücke, die den See überquert, dahinter liegt ein Staudamm.

Vor der Brücke beginnt der Anstieg, steil geht es hinauf, Amak unterstütz mich dankenswerterweise. Ein Geländer sichert zur Seite ab, dahinter fällt der Hang steil ab, bis hinab zum Fluss.

Endlich endet der Anstieg und ich erreiche die Straße, eine Leitplanke trennt Autos und Wanderer voneinander ab, trotzdem nehme ich Amak kurz, er hat etwas gewittert und ist ziemlich aufgeregt.
Ich laufe auf den Damm zu und überquere ihn wenige Minuten später, von hier hat man einen tollen Blick auf das Umland.

Auf der gegenüberliegenden Flussseite laufe ich auf einem breiten, geschotterten Weg weiter. Ich steuere wieder auf die Brücke zu und unterquere sie schließlich. Der Weg verschmälert sich zum Pfad und führt dicht unterhalb der Straße entlang. Lins unter mir, am See, haben einige Camper ihre Zelte aufgeschlagen und angeln. Ich kann Kinder im Wasser spielen. Das irritiert mich etwas, der See ist eigentlich wegen Blaualgen gesperrt, sich selbst der Gefahr auszusetzen ist das eine, aber muss man Kinder in das Wasser lassen?

Wenig später hat der Pfad zur Straße aufgeschlossen und ich muss Amak wieder kurz nehmen, dann biege ich links ab und steuer wieder auf den See zu und… bin falsch. Wieder zurück zur Straße und weiter dieser folgen, etwas einhundert Meter später beginnt ein Feldweg, auf den ich einbiegen muss.
Kaum habe ich den Weg betreten, sehe ich einen wohl bekannten Hund auf mich zusteuern, mit meiner Frau im Schlepptau. Amak kennt kein Halten mehr und zwinkt mich in den Laufschritt, sei’s drum. Nach der großen Wiedervereinigung nehmen wir die letzten zwei Kilometer gemeinsam unter die Sohlen und Pfoten.

Wir laufen nun wieder dicht am See entlang, der Weg wird noch zweimal schmal, im Gänsemarsch folgen wir den Trail hinauf. Wanderer kommen uns entgegen und ich muss Amak kurz halten. Jetzt wo wir alle gemeinsam unterwegs sind, ist er sehr aufgeregt und zerrt nach Leibeskräften an der Leine. Die dünne Zugleine schneidet mir dabei unangenehm in die Hände. Spielt jetzt keine Rolle mehr, nur noch ein paar Minuten, dann bin ich im Ziel.
Kein Kilometer mehr und es wird noch einmal aufregend: Ich stolpere und kicke einen großen Stein den Hang hinunter, Amak reagiert auf das Geräusch und spring mit voller Kraft in die Leine, bring mich ins Wanken. Ich sehe mich schon gemeinsam mit ihm den Hang hinab segeln, dann kann ich mich fangen und rufe den Hund zur Ordnung. Einmal durchatmen und wenig später verlassen wir den Trail und betreten einen breiten Waldweg.
Plötzlich weiß ich, wo wir sind, das ist unser Zeltplatz! Wir laufen einmal über das Gelände und auf die angrenzenden Häuser zu, dort liegt das Ziel. Am Ortseingang kommt mir Michael mit breitem Grinsen entgegen, gemeinsam gehen wir die letzten Schritte, große Goldsteig Banner stehen am Wegesrand, weisen den Weg.
Nicht laufend, wie erhofft, doch, und das ist die Hauptsache, gemeinsam mit Frau und Hunden, erreiche ich nach 26 Stunden und 53 Minuten das Ziel!

Nach dem Rennen

Ich erhalte Glückwünsche von den wenigen Anwesenden, kurz darauf hängt mir die Finisher Medaille um den Hals und man überreicht mir die Urkunde, wenig später bekomme ich noch mein Finisher Shirt gereicht. So richtig realisiert es geschafft zu haben, habe ich noch nicht. Den zweiten Platz habe ich erreicht, zumindest diese Information nehme ich freudig zur Kenntnis.

Michael besteht noch auf ein Finisher Foto, vor dem Goldsteig Banner, da muss Amak und Tuaq auf jeden Fall mit drauf. Danach lasse ich mich auf einen bereitgestellten Stuhl fallen, esse ein paar Happen und versuche zu entspannen. Ganz langsam sickert die Erkenntnis durch: Angekommen, Jahresziel erreicht, drei Stunden unterhalb meiner angestrebten Zeit, zweiter Platz. Für große Freude fehlt mir die Kraft, für Zufriedenheit reicht es.

Nach ein paar Minuten gehe ich duschen, endlich aus den Laufklamotten herauszukommen, tut gut. Sorgevoll streife ich die Socken ab, meine Füße sind ein Trümmerfeld, Blasen an ausnahmslos jedem Zeh, Striemen kreuz und quer auf den Fußsohlen, der Preis für unpassende Ausrüstung.

Erfrischt kehre ich zurück und nehme auf einer Bank Platz, wir unterhalten uns, aber ich spüre wie mich die Müdigkeit mehr und mehr übermannt. Auch der Kreislauf sackt zusammen, nicht so schlimm wie in Reichenbach, aber ein deutliches Signal: Ich brauch Ruhe.

Ich bin froh, dass Susann mit dem Auto da ist, es sind zwar nur 500 Meter zum Zelt, aber im Augenblick kommt mir das vor wie eine kleine Weltreise. Ich verabschiede mich einstweilen und wir fahren zum Zelt. Dort angekommen schlafe ich drei Stunden wie ein Stein, bis mich der Hunger schließlich weckt.

Susann ist gerade zurückgekommen, sie hat noch etwas Zeit im Ziel verbracht und die Ankunft des Drittplatzierten miterlebt.

Gemeinsam gehen wir zum Hotel, gehen ist übertrieben, jeder Schritt fällt mir schwer und ich brauche eine kleine Ewigkeit. Am Ziel angekommen unterhalten wir uns noch etwas und ich hole meine Dropback ab, im Anschluss lassen wir es uns im nahegelegen Hotel Restaurant gut gehen. Ein gemütlicher Abschluss des Laufs.

Die folgende Nacht wirkt wunder, am nächsten Tag fühle ich mich erholt, natürlich sind die Beine nach wie vor schwer wie Blei und die Füße schmerzen auch noch bei jedem Schritt, aber Abbau und Einpacken geht leichter von der Hand als befürchtet. Eh wir aufbrechen, besuchen wir noch den Start der 480 Kilometer Läufer und verabschieden und von Orga und Helfern.

Fazit

Das „Goldsteig Ultra Race“ ist anders als alle Wettkämpfe, an denen ich bislang teilgenommen habe. Micha nennt es Laufabenteuer und das trifft es ziemlich gut. Die Herausforderung beginnt nicht erst an der Startlinie, bereits im Vorfeld gibt es sehr viel zu planen und zu organisieren.

Neben Streckenlänge und Höhenmeter (meine Uhr hat insgesamt 3600 aufgezeichnet) darf man das Thema Navigation nicht unterschätzen. Das Auffinden des richtigen Weges kostet einiges an Zeit, es gilt zu jeder Zeit aufmerksam zu bleiben, was besonders mit wachsender Ermüdung nicht immer einfach ist. Auch das Gewicht des Rucksacks und den zusätzlich Kraftbedarf ihn durch die Gegend zu tragen, darf man nicht unterschätzen. Letztlich muss man auch damit klar kommen über Stunden (auf der Langstrecke wahrscheinlich über Tage) keinen anderen Läufer zu Gesicht zu bekommen.

Die 160 Kilometer Strecke hat nur wenige anspruchsvolle Trail Abschnitte, dafür einen sehr hohen Anteil an leichten Trail und Wiesenwegen, geteerte Wege und befestige Wald- oder Feldwege gibt es zwar, sind aber eher die Ausnahme (Anders als z.B. beim Maintal Ultra Trail). Entsprechend werden Füße und Beine belastet.

Belohnt wird man mit einem beeindruckenden Naturerlebnis und eben einem Laufabenteuer das lange im Gedächtnis bleiben wird.

An der Organisation gibt es nichts auszusetzen, alle Helfer waren sehr freundlich und um einen bemüht. Die Versorgung an der Aid Station in Leuchtenberg war üppig, im Ziel habe ich nicht viel gegessen, es wurde, wenn ich es richtig mitbekommen habe, aber auch hier einiges aufgetafelt. Finisher Shirt und Medaille sind hochwertig.

Nicht unwahrscheinlich das ich hier, in ein paar Jahren, erneut an der Startlinie stehen werde, fragt sich dann nur auf welcher Distanz? 160? 480? 661? Falls das nicht reicht: Im Jahr 2020 soll es auch erstmalig eine Strecke über 1001 Kilometer geben.

Persönliches Fazit & „Lessons Learned“

Mit dem Ergebnis bin ich zufrieden, aber es gibt auch einiges zu verbessern:

  • Trailschuhe sind ab dem ersten Kilometer Pflicht, ich habe mich von den wenigen Höhenmetern auf den ersten 60 Kilometern täuschen lassen. Danach den geplanten Schuhwechsel noch verschlafen zu haben, war fatal.
  • Es gibt viele Wiesenwege, die zumindest morgens nass sind, wasserdichte Socken oder Schuhe helfen, ansonsten sollte man sich zumindest die Zeit nehmen die Füße nach dem Durchqueren einer Wiese zu trocknen.
  • Trailstöcke wären hilfreich gewesen um die Beine zu entlasten, ich besitze zwar welche, habe aber das Training mit ihnen verschlafen und sie daher gar nicht erst mitgenommen.
  • In der Nacht hatte ich zu viel Wasser dabei, ich hätte mir hier problemlos 1,5 KG Gewicht sparen können.

Einige Dinge liefen aber auch ziemlich gut:

  • Unsere Hunde haben die Distanz gut verkraftet und wirkten zu keiner Zeit überfordert. Amak hat mich auf vier Abschnitten begleitet und ist insgesamt 32,3km gelaufen, Tuaq hat drei Abschnitte mit insgesamt 25,7km bewältigt.
    Das dies noch geklappt hat, bedeutet mir viel, ich hoffe das wir in Zukunft öfters und auch wieder längere Strecken gemeinsam laufen können.
  • Ich hatte auf der ganzen Strecke keinerlei Magenprobleme und auch nicht mit Übelkeit zu kämpfen, die Ernährung hat alles im Allen recht gut funktioniert. Generell war Ausdauer nicht das vorherrschende Problem, was aber sicher auch an dem langen „Zwangsmarschieren“ lag.
  • Das regelmäßige Zusammentreffen, mit meiner Frau, hat gutgetan. Die Anfahrt zu den Treffpunkten, hat gut geklappt.
  • Kurze Pausenzeiten und die „Kepp Going Strategie“ war, zumindest für die Distanz, richtig. Eine Schlafpause oder mehrere längere Pausen, hätten zwangsweise bedeutet noch in die zweite Nacht laufen zu müssen. Abgesehen vom Aufenthalt in der Aid Station lagen alle meine Pausen unter fünf Minuten.

Meine Fehler waren, auf der „Kurzstrecke“, mit „Durchbeißen“ zu kompensieren, auf der Langstrecke hätten sie aber das Ende bedeutet. In dem Zustand weitere 500 Kilometer zu bewältigen wäre unvorstellbar. Ich habe drei Tage Erholung gebraucht, bis ich wieder schmerzfrei gehen konnte.

Anfang Oktober steht für mich noch der Taubertal 100 an. Ob meine Anatomie rechtzeitig wiederhergestellt ist, um die 100 brettflachen Kilometer zu bewältigen, ist fraglich, im Zweifel kann ich jedoch auf 50 oder 71 Kilometer verkürzen. Egal wie es ausgeht, nach dem Lauf stehen mir zwei Erholungsmonate ins Haus. Mein Training möchte ich erst im Dezember wiederaufnehmen, dann beginnt meine Vorbereitung auf den Hexenstieg: 216 Kilometer mit 4300 Höhenmetern durch den Harz, zu laufen in 48 Stunden – mein nächstes Laufabenteuer wartet!

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