Selbstversuch – Die 24 Stunden von Reichenbach

Selbstversuch – Die 24 Stunden von Reichenbach

Zwar erwarten mich, auf dem 1,2km langen Rundkurs von Reichenbach, weder anspruchsvolle Trails noch nennenswerte Steigungen, dennoch habe ich gehörig Respekt vor dieser Aufgabe. Wie wird es sich anfühlen, 24 Stunden zu laufen? Schaffe ich das überhaupt? Hält mein Körper das physisch aus? Wie reagiert der Körper auf die Kombination aus Schlafentzug und Ausdauersport? Wie verpflegt man sich auf einen so langen Lauf? Wird man nicht irgendwann verrückt, wenn man die ganze Zeit im Kreis läuft? Nur einige der Fragen, auf die ich hoffe, eine Antwort zu finden. Wie das Experiment ausging könnt ihr hier nachlesen.

Hinweis: Bilder zum Vergrößern anklicken. Eilige Leser können direkt zum Abschnitt „Das Rennen“ springen.

Wie funktioniert ein Stundenlauf?

Ein Stundenlauf ist schnell erklärt: Eine kurze Strecke wird in einer festgelegten Zeit so oft wie möglich durchlaufen. Wer am Ende die meisten Umrundungen geschafft hat, hat gewonnen. Auf vielen Veranstaltungen und auch in Reichenbach, werden zusätzlich die Restmeter ausgemessen, also der Teil der letzten Umrundung den man vor Ablauf der Zeit geschafft hat. Während des Rennens kann man beliebig viele Pausen einlegen oder gar zum Schlafen in ein Hotel fahren, solange man den Wettkampf an der Stelle wieder aufnimmt, an den man ihn verlassen hat, ist alles erlaubt.

Sinn und Ziele

Die 24 Stunden von Reichenbach ist mein vorletzter Vorbereitungswettkampf auf das Goldsteig Ultra Race, welches Mitte September startet. Schon in der Planung war die Veranstaltung als Testlauf vorgesehen, in erster Linie für die Ernährung. Nach den Problemen auf dem Rennsteig möchte ich hier und heute auch meine Tauglichkeit für lange Ultra Läufe generell auf die Probe stellen. Ich bin inzwischen davon überzeugt, dass es sinnvoller gewesen wäre, dieses Jahr vorrangig kürzere Ultraläufe unter die Sohlen zu nehmen. Zum einen, um meinen Körper mehr Zeit zur Abhärtung zuzugestehen, zum anderen um mehr Erfahrung auf den kürzeren Strecken zu sammeln. Sollte es heute nicht rund laufen, muss ich überlegen, ob es sinnvoll ist, an meinem Jahresziel festzuhalten.

Abseits von dem schwammigen „nicht rund laufen“ habe ich mir auch handfeste Ziele gesetzt:

  • In den ersten 12 Stunden 100 Kilometer ansammeln (ursprünglich wollte ich an einem 12 Stunden Lauf teilnehmen, aus terminlichen und logistischen Gründen, habe ich mich letztlich für Reichenbach und somit 24 Stunden, entschieden)
  • Mindestens 140 Kilometer insgesamt zurücklegen
  • Optional: 166km erreichen, das entspricht der gesamten Distanz meines Goldsteig Rennens, jedoch Berücksichtigung der Höhenmeter und Trails, allerdings habe ich im September auch doppelt so viel Zeit.

Freitag

Schon im Laufe der Woche habe ich angefangen, eine Liste all jener Dinge, aufzusetzen die ich mitnehmen möchte. Das umfasst einen ganzen Berg an unterschiedlichen Lebensmitteln, Kleidung, Schuhe und Camping Zubehör. Nun muss ich alles zusammen suchen und möglichst platzsparend einlagern.
Der Wunsch möglichst flexibel zu sein beißt sich mit der Aussicht den ganzen Krempel Sonntagmittag, mit zweifelsfrei schweren Beinen, wieder zusammenpacken und ins Auto schleppen zu müssen. Auf Support muss ich leider verzichten, die Hunde dürfen nicht mit ins Stadion und nicht extra einen Dogsitter besorgen wollten, bleibt somit auch Susann der Weg ins Stadion versperrt.
Letztlich gewinnt der Wunsch nach Flexibilität und ich packe zwei große Plastikkisten. Die erste, flachere, beinhaltet ausschließlich meine Verpflegung: Energiegels und Riegel, Salzstangen, Kekse, Kuchen, Brot, ISO Pulver und vieles mehr. Die zweite beheimatet Kleidung: Vier Sätze kurze Laufkleidung, ein Satz lange Kleidung für die Nacht, eine dünne Jacke, ebenfalls für die Nacht und drei paar Laufschuhe. Dazu Zubehör wie Cappy, erste Hilfe Set und Startnummernbänder. Auf den Rucksack verzichte ich dieses Mal, der Lauf wird auch ohne Zusatzgewicht anspruchsvoll genug.

Neben den Kisten türmt sich die Camping Ausrüstung auf: Tarp, Tisch, Stuhl, ISO Matte und Schlafsack.

Über zwei Stunden brauche ich um alles zusammen zu suchen und einzuladen. Den Rest des Tages verbringe ich primär mit ausruhen.

Vor dem Start

Der Wecker stand auf 5:00 Uhr, doch schon kurz nach vier bin ich wach und finde keine Ruhe mehr, gegen 4:45 stehe ich letztlich auf. Mein Appetit hält sich um diese Uhrzeit in Grenzen, das ist aber kein Problem, wenn ich gut durchkomme und zügig aufbaue, sollte genug Zeit bleiben um vor dem Start etwas frühstücken zu können.

Wie erhofft gestaltet sich die Anreise, zu früher Stunde, als unproblematisch. Gegen 7:30 erreiche ich das Gelände. Wenige Minuten später nehme ich mein Starterpaket in Empfang. Neben zwei Startnummern, heute habe ich die 101, beinhaltet dieses ein paar Informationen zu der Gegend und als nettes Extra einen Kalender mit Fotos aus 30 Jahren „24 Stunden Lauf Reichenbach“.
Beladen mit der ersten Fuhre Material suche ich nach ein Plätzchen für mein Lager. Auf beiden langen Seiten des Stadionrunds stehen vereinzelt Zelte, gegenüber der Tribüne primär die großen Pavillons der Staffeln, dazwischen ist noch ein Platz frei, groß genug für mein Tarp, hier baue ich auf. Noch ist es recht frisch, stark bewölkt und ziemlich windig. Letztes bereitet mir Probleme beim Aufbau. Die Plane will sich, beim Ausrichten, immer wieder selbstständig machen. Im ersten Versuch unterschätze ich auch die Länge der Seile und komme zu dicht an die Laufbahn. Damit ich heute Nacht nicht über meine eigenen Strippen stolpere, baue ich nochmal alles ab und beginne von neuem. Da der Wind zunimmt, entscheide ich mich dafür, ein Segment aus den Stangen zu nehmen. So kann ich zwar nicht unter dem Dach stehen, muss mir aber weniger Sorgen machen, das mir die Plane davon fliegt, primär geht es mir ohnehin darum meine Verpflegung möglichst lange vor direkter Sonne zu schützen.

Nachdem das Tarp aufgebaut ist schleppe ich nach und nach die restliche Ausrüstung heran, baue Tisch und Stühle auf und versuche alles so zu drapieren, dass ich im weiteren Tagesverlauf möglichst bequem darauf zugreifen kann. Gegen 8:15 habe ich mich fertig eingerichtet, noch 1:45 bis zum Start, ein guter Zeitpunkt für ein zweites Frühstück. Danach ist nicht mehr viel zu tun, ich versuche mich auszuruhen, die Zeit vergeht nur langsam.

Gegen 9 Uhr wird es laut: Ein großer Spielzug läuft unter Trommel und Trompeten ein, nimmt eine halbe Runde auf der Laufbahn und positioniert sich schließlich vor der Tribüne. Normalerweise gehört Blechblasmusik nicht gerade zu meiner bevorzugten Musik. Das Orchester aus vielstimmigen Tröten und Schlagzeugen weiß aber zu gefallen, gespielt wird primär Musik aus den 90iger, alles modern aufgelegt und mit reichlich Pep vorgetragen.

Eine halbe Stunde lang lausche ich der Musik, dann endet die Vorstellung, ich erledige was, kurz vor den Start, zu erledigen ist: Toilettengang, umziehen, nochmal alle empfindlichen Stellen nachschmieren, Startnummern anlegen. Kaum bin ich zurück an meinem Lager, werden wir, mittels Lautsprecherdurchsage, zur Besprechung an den Start gebeten.

Es folgt die übliche Begrüßung, sowie eine kurze Belehrungen zu den Regeln. Wir stehen in Pose für die Fotografen, Würdenträger richten ihre Grußworte an uns. Der Countdown wird angestimmt, Schuss und es geht los.

Das Rennen

Das Stadion ist von einem „Erddamm“ umgeben, wir beginnen auf Höhe der Tribüne und laufen, im Uhrzeigersinn, auf das Funktionsgebäude des Stadions zu. Hürden lenken uns links an dem Gebäude und der Rundenzählung vorbei und unter einer eisernen Brücke, die das Gebäude mit dem umlaufenden Damm verbindet, hindurch. In einem Kleinbus hat man einen Fernseher aufgestellt, der die gelaufene Distanz, Anzahl der Runden und Dauer der letzten Runde für jede passierende Startnummer anzeigt.

Wir biegen links ab und laufen, auf einem Fußweg, an der Straße entlang, es geht leicht bergan. Wir befinden uns auf der anderen Seite des Damms, laufen an der Außenseite des Stadions entlang. Ein großes Tor, durch welches vor einer Stunde der Spielzug eingelaufen ist, gibt den Blick auf das Stadion frei.

Wir erreichen die „Tribünengerade“, rechter Hand ist ein Wasserpunkt ,des örtlichen Wasserwerks, aufgebaut wurden. An unterschiedlichen Stehtischen stehen verschieden stark befüllte Becher bereit. Des Weiteren laufen zwei Gartenduschen, das freut mich besonders, die Wolken haben sich inzwischen aufgelöst und strahlen blauer Himmel verspricht einen warmen Tag.
Nach dem Wasserpunkt geht es leicht bergab, zu meiner rechten befindet sich die Rückseite des Wasserturms, das Wahrzeichen des Laufs, zur linken der Hintereingang ins Stadion, zur Tribüne hinauf.

Unser Weg fällt ab, rechts befindet sich ein, von hohen Bäumen umgebener, Spielplatz, links Parkplätze. Wir biegen rechts ein und folgen dem Spielplatz, an dessen Ende biegen wir erneut rechts ab und folgen der Straße, diese steigt nun wieder an. Wir passieren ein zweites Mal den Wasserturm, diesmal von vorne sowie einige Bäume, eh wir wieder rechts abbiegen und nun wieder auf den Wasserpunkt zulaufen.

Unser Weg führt über eine breite, offene Betonwüste, es wird ein paar Runden brauchen bis ich die Ideallinie finde. Hin- und Rückweg verlaufen hier nebeneinander, sind durch Flatterband und Bauzäune voneinander abgegrenzt. Das letzte Stück führt bergab, bis wir wieder das Funktionsgebäude des Stadions erreichen. Wir durchlaufen eine enge rechts-links-rechts Kurvenkombination, am Eingang vorbei und befinden uns nun gegenüber der Rundenzählung. Auch auf dieser Seite des Gebäudes verbindet eine Brücke Gebäude und Damm, direkt darunter befindet sich, der Versorgungspunkt.

Erneut von Hürden flankiert laufen wir wieder in das Stadionrund, vorbei an einigen kleineren Zelten und aufgestellten Campingtischen auf die Gerade zu. Runde eins wäre geschafft.

Die ersten Stunden

Kaum haben wir die erste Runde abgeschlossen, legt sich die Blaskapelle noch einmal ins Zeug, sorgt während der ersten Stunde für zusätzliche Unterhaltung. Ich selbst achte zu Beginn vor allem auf mein Tempo, dabei versuche ich sicherzustellen mehr als sechs Minuten pro Kilometer zu benötigen. Schwieriger als es klingt, entweder werde ich doch zu schnell oder laufe so ungewohnt langsam das es sich unrund und holprig anfühlt. Erst nach zwei Stunden gebe ich die bewusste Tempokontrolle auf. Die Kilometerzeiten haben sich bei etwa sechs Minuten stabilisiert, mal etwas mehr, mal etwas weniger.

Zweiter Punkt, auf den ich von Beginn an achte, ist Flüssigkeitszufuhr. In kühlen Stunden habe ich mir wenigstens 0,5 Liter pro Stunde verordnet, wenn es richtig warm wird, darf es doppelt so viel sein und es wird heute warm werden, daran lässt die Sonne keinen Zweifel, auch wenn es in den ersten Stunden noch recht erträglich ist. Auf der Strecke greife ich zunächst primär zu Wasser, selten zu ISO, das liegt daran, das an meinem Tarp, eine große Flasche mit eigenem ISO Getränk auf mich wartet. Des Weiteren kontrolliere ich meine Energiezufuhr, ich beginne mit einer halben Tube Gel pro halbe Stunde.

Ebenfalls achte ich von Beginn an darauf, dass meine Startnummer auf dem Monitor erscheint, wenn ich die Zeitmessung durchquere. In den ersten Runden ist das noch recht schwierig, da häufig große Gruppen gleichzeitig die Anlage passieren und man schnell durchgereicht wird. Im späteren Verlauf entwickelt sich daraus ein Automatismus der mich die abgelesenen Werte meist schon wenige Meter später vergessen lässt. Die Bestätigung auf der Anzeige zu sein und meine Runde gezählt wurde, genügt mir im Grunde.

Ansonsten verbringe ich, in den ersten Stunden, viel Zeit damit, meine Umgebung genauer in Augenschein zu nehmen. Mit jeder Runde fügen sich Details hinzu, Beispiel gefällig? Runde 1: da ist ein Spielplatz. Runde 2: mit Kletterstangen und Rutsche. Runde 5: Da ist noch ein Federtier versteckt. Runde 10: Im Eck steht eine Bank.

Soviel sei vorweg genommen, im späteren Verlauf des Rennens schwindet das Interesse parabelartig. Runde 50: Toll der Spielplatz. Runde 70: Spielplatz, ok. Runde 90: Mir völlig egal woran ich gerade vorbeilaufe.

Erwartungsgemäß bereiten mir die ersten Stunden keine größeren Probleme. Nach zwei Stunden kehre ich zum ersten Mal beim Tarp ein. Neue Energiegels aufnehmen, ein paar Salzstangen knappern, ein paar Schlucke ISO dann zügig weiter. Meine Kamera lass ich bei der Gelegenheit zurück, im Augenblick habe ich alles von Interesse abgelichtet, werde im späteren Verlauf nochmal ein paar Fotos aufnehmen.

Echte Langeweile stellt sich nicht ein, mein Micro Management aus Trinken, Verpflegen, Entsorgen, Zeit kontrollieren beschäftigt schon ganz gut. Nachdem die Landschaft nun erkundet ist, gilt mein Interesse meinen Mitläufern. Nicht jeder ist Läufer, ein nicht unerheblicher Teil wird den ganzen Wettkampf über Walken. Der Altersschnitt ich recht hoch, ich gehöre zu den Jüngeren. Manch ein älterer Herr oder ältere Dame wird mich in den nächsten Stunden durch Beständigkeit ins Staunen versetzen. Auch hier ein Beispiel: Edda Bauer, Altersklasse W70, wird mit 138,5km abschließen und damit den vierten Platz im Feld der Damen belegen (und natürlich ihre Altersklasse gewinnen).

Neben uns „Dauerläufern“, nehmen insgesamt sieben Staffeln an dem Lauf teil, regelmäßig zischen sie vorbei und betonen dabei, wie langsam ich hier unterwegs bin. Jede Staffel besteht dabei aus vier Teilnehmern, gewechselt werden darf beliebig.

Nachdem die Kapelle abgezogen ist, läuft im Stadion Musik, eine, wie ich finde, ganz erträgliche Zusammenstellung wie man sie auch im Radio zu hören bekommt. Regelmäßig stellt der Moderator Läufer vor die gerade den Torbogen passieren, gibt Informationen wie Kilometerstand, Name, Startnummer und Vereinszugehörigkeit preis. Auch ich werde im Laufe des Tages mehrfach erwähnt.

Für den ersten Marathon benötige ich recht genau 4,5 Stunden. Damit liege ich zwar auf Kurs, ich bin dennoch überrascht, wohin die viele Zeit verschwunden ist. Die Antwort darauf ist nicht schwer zu finden: Übertriebene Tempokontrolle zu beginn, recht häufige Versorgungspausen, eine Toilettenpause.

Die vollendete Marathon Distanz nehme ich als Anlass, ein weiteres Mal, beim Tarp einzukehren, etwas essen, etwas Iso und MP3 Player ausrüsten. Auch wenn ich mich noch kräftig fühle, spüre ich die zurückgelegte Distanz in den Knochen, durch musikalische Ablenkung möchte ich mir die nächsten Stunden erleichtern. Nachdem zwei weitere Minuten verstrichen sind, betrete ich erneut das Hamsterrad.

Es wird heiß

In den ersten Stunden habe ich nach einer Ideallinie gesucht, darauf geachtet keinen Meter zu laufen der mir am Ende nicht angerechnet wird. Nun hat sich mein Fokus verändert – ich suche die Schattenlinie. Die Sonne setzt mir zu, meine Trinkpausen werden häufiger, auch von der Dusche mache ich regelmäßig gebrauch. Zu Beginn lass ich es mir nur über die Arme laufen, später tränke ich mein Cappy unter den Wasserstrahl, dann gehe ich dazu über, unter beiden Duschen schnell hindurchzulaufen und schließlich bleibe ich einfach für ein paar Sekunden darunter stehen und gönne mir eine Ganzkörperabkühlung. Das tut unheimlich gut und ich bin sehr dankbar für diese Möglichkeit. Einzige Sorge gilt meinen Füßen, die werden unweigerlich Nass und die Gefahr für Blasen steigt.

Gefahr, zu schnell zu laufen, besteht inzwischen nicht mehr, meine Kilometerzeiten liegen nun konstant über der sechs Minuten Schwelle. Weder überrascht mich das, noch besorgt es mich, es tut nichts weh und Kraft spüre ich auch noch, ich bin daher nach wie vor guter Dinge.

An meiner Versorgungsstrategie halte ich fest, etwa alle 30 bis 40 Minuten eine Ration Gel. Inzwischen nicht mehr aus der Tube, um etwas Abwechslung in den Speiseplan zu bekommen habe ich nun andere Gel Sorten im Gepäck. Alle vier oder fünf Runden gönne ich mir zusätzlich ein Stück Zitrone mit Salz.

Was passiert auf der Strecke? Das THW ist angerückt und beginnt mit der Lichtinstallation für die Nacht. Hohe Masten, an deren Ende sich große „Monde“ befinden werden nach und nach aufgestellt und verkabelt. Auf der Spitze des Wasserturms befindet sich eine Aussichtsplattform, bislang war der Zugang verschlossen, aber irgendwann im Laufe des Nachmittags wurde die Tür geöffnet. Von Zeit zu Zeit sehe ich Besucher den Turm betreten oder verlassen. Von oben hat man sicher eine tolle Aussicht auf das Gelände. Mehr als einmal überlege ich selbst hinaufzusteigen, um Fotos zu machen. Der erwartete Zeitverlust (und die Anstrengung des Treppensteigens), hält mich aber davon ab.

Etwa alle zwei Stunden werden Zwischenstände ausgehangen, bislang habe ich diesen keine Beachtung geschenkt. Es ist noch viel zu früh im Wettkampf. Gegen 17 Uhr gewinnt meine Neugier (oder der Wunsch nach einer kurzen Pause?) dann doch und ich werfe einen Blick auf die Liste. Im ersten Moment bin ich überfordert. Wonach wird sortiert? Wird nach Altersklassen unterschieden? Letztlich suche ich einfach nach meiner Startnummer und finde mich irgendwo, recht weit oben, auf Seite zwei. Also irgendwo im vorderen Mittelfeld. Das gibt mir weder Auftrieb noch enttäuscht es mich und ich setze mein Gekreisel wie gewohnt fort.

Es wird schwer

Irgendwann zwischen Kilometer 65 und 68 beginnt er: der Einbruch. Zunächst äußert er sich im Widerwillen zum Gel zu greifen. Keine bewusste Entscheidung aber dennoch ist mir unmissverständlich klar: Finger Weg von dem Zeug oder es nimmt ein böses Ende.

Ich reagiere zunächst mit Temporeduzierung und greife zu Iso, um auf diese Weise zumindest ein paar Kalorien zuzuführen. Vielleicht legt sich das Gefühl wieder? Zwei Runden später hat sich eine leichte Übelkeit hinzugesellt, ich gehe eine Runde, ohne das sich Besserung einstellt. Was tun? Es fühlt sich ähnlich an wie auf dem Rennsteig, nur noch nicht so schlimm. Auf dem Rennsteig habe ich lange versucht, weiter zu laufen, erst spät habe ich mich für eine kurze Sitz- und im Anschluss eine längere Gehpause entschieden. Danach wurde es besser.

Die Entscheidung steht, ich verlasse den Kreisel und gönne mir eine Auszeit am Tarp. Ich ziehe mich soweit wie möglich in den Schatten zurück und trinke Vorsichtig ein paar Schlucke Iso. Es dauert ein paar Minuten, aber dann spüre ich, wie die Übelkeit abebbt und einem anderen Gefühl Platz macht: Hunger. Mein Magen ist schlicht leer. Ich durchstöbere meine Kiste und entscheide mich letztlich für Frühstückskekse, die sind sehr gehaltvoll und daher fürs Frühstück eigentlich viel zu wuchtig, aber jetzt genau das richtige. Zunächst esse ich vorsichtig, als ich Gewissheit habe das keine neue Übelkeit aufwallt lange ich zu, nicht nur bei den Keksen, ich gönne mir noch zwei Brote, Gummibärchen, Salzstangen und auch eine Salztablette, spüle alles mit Iso runter und bleibe noch ein paar Minuten sitzen.

Gut zwanzig Minuten dauert meine Pause, das Aufstehen kostet Überwindung. Um mich etwas abzulenken, packe ich die Kamera nochmal ein. Ich gehe zunächst eine halbe Runde und höre in mich hinein, zu meiner Freude höre ich nichts, die Übelkeit ist fort mein Körper für’s erste zufriedengestellt. Also trabe ich wieder an. Mein Tempo bleibt, für die nächsten Runden, jedoch noch sehr verhalten, die Anzahl an kurzen Pausen, zum Trinken, Fotos aufnehmen oder um eine Kleinigkeit vom Versorgungspunkt zu naschen bleibt hoch.

Es wird knapp

Inzwischen sind zehn Stunden seit dem Startschuss vergangen. Meinen Zustand würde ich als angeschlagen bezeichnen, die erste Krise habe ich zwar überstanden, aber vor Kraft strotzen tue ich sicher auch nicht mehr. Immerhin steht die Sonne inzwischen sehr tief, die Schatten sind lang geworden und die Luft beginnt sich abzukühlen, das erleichtert das Traben ungemein. Ich freue mich auf die Nacht, zum einen wegen der Aussicht auf Kühle, zum anderen liebe ich die Abgeschiedenheit und die Stille die mit der Dunkelheit einhergeht. Ein weiterer Motivator ist das Hörbuch dem ich später, wenn die Musik des Stadions verklungen ist, lauschen werde.

Bislang habe ich meinen Zielen keine Beachtung geschenkt, nun wo sich die erste Hälfte dem Ende neigt überschlage ich meinen Zwischenstand, etwa 87 Kilometer stehen zu Buche, für die verbleibenden 13 Kilometer habe ich noch knapp zwei Stunden Zeit. Unter normalen Umständen eine sichere Sache, doch ich weiß das ich langsam geworden bin und ich weiß das ich noch mindestens eine Verpflegungspause brauche, denn auf die Mitnahme von Gel habe ich nach meinem erneuten Aufbruch direkt verzichtet. Meine Taktik habe ich spontan umgestellt: Ich möchte von nun an blockweise laufen und pausieren, weniger Gel, sondern mehr feste Nahrung konsumieren. Ob das besser funktioniert wird sich zeigen müssen, aber das ist schließlich einer der Gründe, warum ich hier bin.

Die nächsten Runden, versuche ich das Tempo, leicht zu erhöhen, was mir für einige Zeit auch gelingt. Ab etwa Kilometer 91 merke ich, das mir wieder flau wird, mein Treibstoff geht zu Neige und es wird Zeit für eine weitere Pause. Es ärgert mich, insgeheim hatte ich gehofft bis Kilometer 100 irgendwie durchzuhalten, aber das Risiko wäre zu groß, schließlich liegt noch mehr als die Hälfte des Wettkampfs vor mir.

Ich biege wieder in mein Lager ein. Ich beginne damit mir Brote zu schmieren, warte mit dem Essen aber wieder, bis das Gefühl der Übelkeit, verflogen ist, danach wird wieder, man muss es so deutlich sagen: Gefressen was rein geht. Eine weitere Salztablette bildet zusammen mit Iso den Abschluss. Ich blicke auf mein Handy, meine Frau hat mir geschrieben, sie wird, zusammen mit den Hunden, zu Besuch kommen. Zwar dürfen sie nicht ins Stadion aber im Außenbereich können wir uns problemlos treffen. Ich freue mich darauf.

Obwohl ich mich beeile brauche ich über eine Viertelstunde, bis ich wieder aufbrechen kann. Jetzt verbleiben mir noch etwa 48 Minuten für 6,5 Kilometer um mein Ziel zu erreichen, also etwa 7:15 pro Kilometer. Noch immer machbar aber es wird knapp. Das ausgerechnet bei einem 24 Stunden Lauf Hektik entsteht überrascht mich nun doch.

Eine Runde kann ich abschließen, als ich zum zweiten Mal, nach meiner letzten Pause, wieder das Stadion betrete höre ich es bereits: Hundegebell, oder genauer Amak und Tuaq außer Rand und Band (Die zwei erkenne ich inzwischen sicher an der Stimme). So viele Laufen im Kreis und sie dürfen nicht mit, eine Gemeinheit, der sie lautstark Ausdruck verleihen.

Als ich die Zeitmessung hinter mir lasse und mich auf den Weg in Richtung Wasserpunkt befinde sehe ich die Zwei samt meiner Frau, die sich bemüht die Rabauken zu beruhigen, auf der anderen Seite des Absperrbandes. Ich rufe ihr zu das ich noch ein paar Minuten brauche bis ich auf ihrer Seite komme und laufe zügig weiter.

Als ich endlich ankomme, werde ich von zwei wilden Bestien angefallen, springend, bellend, Schwanzwedeln (oder eigentlich wedelt da der ganze Hund) stürmen die zwei auf mich zu und bringen mich fast zu Fall. Nach der ersten Aufregung, komme ich dann auch endlich dazu, meine Frau zu begrüßen. Ich bin gerade einfach froh, dass sie da sind.

Auf die Frage wie es läuft, muss ich leider mit einem „Nicht so gut“ antworten, die letzten Stunden waren zugegeben eine zähe Angelegenheit. In kurzen Sätzen berichte ich, wie es mir bislang ergangen ist, dann ist meine Frau an der Reihe. Sie hat spontan ihre Eltern besucht, da diese nicht weit von Reichenbach entfernt wohnen, ist sie auf dem Rückweg hier vorbei gekommen.
Nach ein paar Minuten starte ich in eine weitere Runde, ich möchte die Kamera hohlen, die ich bei meiner letzten Pause wieder zurückgelassen hatte. Mein Aufbruch veranlasst Amak und Tuaq erneut zu lautstarkem Protest. Wie gerne hätte ich die Zwei für eine einzige Runde mitgenommen, sie hätten ihren Spaß gehabt, aber es ist nun mal, verständlicherweise, nicht erlaubt.
Wie geplant entstehen ein paar Fotos und wir gehen zusammen ein Stück der Strecke entlang bis wir das Funktionsgebäude erreichen. Dann verabschieden wir uns, meine Frau hat noch eine lange Fahrt vor sich. Durch diese willkommene Pause ist mein Ziel nun endgültig außer Reichweite geraten, das ist mir in dem Augenblick aber herzhaft egal, die Begegnung hat mehr als gut getan. Letztlich erreiche ich die 100 Kilometer nach recht genau 12 Stunden und vier Minuten.

Ich laufe die angebrochene Runde noch zu Ende, dann schere ich am Tarp aus. Ich habe vor eine längere Pause einzulegen. Das hatte ich ursprünglich ohnehin nach der Halbzeit geplant, die Müdigkeit in den Knochen und ein erneutes Hungergefühl, unterstreichen die Notwendigkeit.

Diesmal lasse ich mir viel Zeit, esse gemütlich mehrere Brote und plündere meine sonstigen Vorräte. Ich nutze die Zeit auch, um meine Uhr aufzuladen, der Akku würde den Lauf sonst nicht komplett überstehen. Nicht das, das wichtig wäre, die Distanz Anzeige ist auf dem Kurs ohnehin sehr ungenau, bescheinigt mir mit jedem Umlauf einige Meter zuviel die sich inzwischen auf einige Kilometer aufsummiert haben.

Inzwischen ist es dunkel geworden und jetzt, wo ich sitze, recht kühl. Ich ziehe mir daher meine Jacke über und erwäge auch einen Kleiderwechsel. Letztlich entscheide ich mich jedoch dagegen, ich denke, dass mir, sobald ich mich bewege, wieder schnell warm werden wird.

Der Moderator hat sich zur Nachtruhe abgemeldet, die Musik läuft noch eine gute halbe Stunde, mit reduzierter Laufstärke weiter, dann wird es endgültig still.

Es wird Nacht

Über vierzig Minuten hat meine Pause gedauert, aber sie hat gut getan. Ich fühle mich, den Umständen entsprechend, ausgeruht. Auch der Gedanke an mehr als elf weitere Stunden verursacht keine Panik. Für mein Minimalziel fehlen mir weniger als 40 Kilometer, das klappt zur Not auch, wenn ich den Rest der Strecke gemütlich gehe. Auch mein „Sekundärziel“, die 166km, sind absolut im Bereich des Möglichen. Ich bin daher guten Mutes.

Auf Höhe der Zeitmessung spricht mich ein anderer Läufer an „Ich habe dich schon vermisst“, ich erkläre, das ich eine Pause gebraucht habe. Wie ich später erfahren werde, handelt es sich bei dem Läufer, um den späteren Sieger meiner Altersklasse. Anscheinend hat er die Zwischenstände intensiver als ich verfolgt, vielleicht sogar ein Duell mit mir geliefert von dem ich nichts wusste.
Wie geplant starte ich mein Hörbuch und beginn wieder damit gemütlich meine Runden zu ziehen. Ich bin insgesamt deutlich langsamer als in den ersten Stunden unterwegs, dafür fällt mir das Kreiseln wieder einigermaßen leicht.

Trotz der zahlreich aufgestellten Lampen bleibt die Strecke über viele Abschnitte recht finster, besonders im Bereich des Spielplatzes. Mich stört das nicht, ich bin mit guten Augen und Dunkelsicht gesegnet. Der ein oder andere verschafft sich, stattdessen, mit einer Stirnlampe zusätzliches Licht und Sicherheit.

Generell hat sich die Strecke ausgedünnt, immer wieder kommt es vor, das ich niemanden vor mir sehe. Von denen die noch auf der Strecke sind, sind inzwischen die Geher in der Überzahl. Besonders in dem Anstieg, der auf den Spielplatz folgt, erweckt der still vor sich hin trottende Zug aus Stundenläufern vor meinem geistigen Auge das Bild eines Gefangenenlagers in dem die Sträflinge am Zaun entlang trotten. Unweigerlich drängt sich die Frage auf, warum man sich das eigentlich antut. Als Antwort muss ich gestehen, dass ich es gerade gar nicht so schlimm finde und die Gründe für dieses Unterfangen, als Vorbereitung für mein Saison Ziel, sind mir ohnehin präsent.

Ausgenommen vom Sträflingszug sind die Staffelläufer, die preschen nach wie vor regelmäßig mit hoher Geschwindigkeit an uns vorbei.

Etwa jede zweite Runde trinke ich etwas Wasser, von Zeit zu Zeit ISO, ebenso greife ich dann und wann bei den angebotenen Apfelstücken oder Gummibärchen zu. Seit den Abendstunden bieten die Helfer im Versorgungspunkt auch Nudeln mit Soße an. Obwohl ich inzwischen gute Erfahrung mit fester Nahrung gemacht habe, traue ich mich da noch nicht ran. Warum kann ich mir selber nicht erklären, ein paar Nudeln wären sicher eine gute Energiequelle.

Etwa zwanzig Kilometer lang drehe ich meine Runden bis ich mich für die nächste Pause entschließe. Es ist inzwischen kurz nach zwei Uhr. Warm einpacken, essen, trinken, Salztablette noch ein paar Minuten ruhen, dann geht es wieder los. Auch diese Pause kostet mich gut zwanzig Minuten.

Die ersten Runden laufe ich noch mit Jacke, nach der Pause ist mir zu kalt um diese zurück zu lassen. Das liegt nicht nur an der Umgebungstemperatur, sondern auch an der steigenden Erschöpfung. Nach der Pause gehe ich zunächst eine halbe Runde, bis ich wieder antrabe, um den Kreislauf auf Schwung zu bekommen.

Mein nächster Block verläuft wie der Vorherige. Zwischenzeitlich habe ich das Gefühl in diesem Rhythmus ewig weiter laufen zu können. Anatomisch scheint, abgesehen von den schweren Beinen nach einer Pause, noch alles in Ordnung zu sein, nichts schmerzt.

Nach weiteren 16 Kilometern lege ich die nächste Pause ein, die Handgriffe und Reihenfolge in der Pause laufen inzwischen routiniert ab. Als ich, nach etwa fünfzehn Minuten, wieder aufbreche, beginnt es bereits zu dämmern.

Ein Blick auf den Zwischenstand von vier Uhr verzeichnet mich auf Platz 7 in der Gesamtliste, sowie auf Platz zwei meiner Altersklasse. Ich habe also, trotz Pausen, in der Nacht einiges an Boden gut gemacht. Interessieren tut mich nur die Altersklassen Platzierung, beruhigende zwanzig Kilometer Vorsprung habe ich auf Platz drei, auf Platz eins habe ich wiederum über zehn Kilometer Rückstand. Das aufzuholen erscheint mir unmöglich, solange ich in Bewegung bleibe ist auch mein zweiter Platz nicht in Gefahr, ich kann also problemlos so weiter machen wie bisher.

Es wird hell

Gegen 4:50 beende ich meine 117. Runde und habe somit 140,4km in den Beinen. Verbleiben noch fünf Stunden und zehn Minuten. Die 166km dienen mir nun als neues Ziel. Inzwischen ist es so hell, das man die Beleuchtung nicht mehr bräuchte und auch der Betrieb auf der Strecke nimmt langsam aber sicher wieder zu.

Untypisch für mich, aber ich genieße die Sonne, als sie langsam über den Häusern aufgeht und Wärme schenkt. Für ein paar Runden nehme ich meine Kamera mit und nehme einige Bilder im Sonnenaufgang auf.

Der Tagesanbruch wirkt belebend auf mich. Mit dem Wissen mein Minimalziel schon geschafft zu haben bin ich bester Laune, meine Rundenzeiten werden wieder deutlich schneller, liegen zeitweise nur 20-30 Sekunden unter denen der ersten Runden. Ich bin selber überrascht wie gut ich voran komme und bekomme auch Bestätigung von außen: Mehrfach höre ich ein leises „Klasse“, „Sieht gut aus“ oder „Weiter so“ beim Überholen.

Kurz nach sechs lege ich noch eine kurze Pause ein, diesmal brauche ich keine zehn Minuten um mich zu verpflegen. Mein Weg führt von meinem Tarp zu den Zwischenständen, ich konnte beobachten, wie frische Zahlen aufgehängt wurden. Meine Position ist sowohl im Gesamtfeld als auch in der Altersklassenwertung unverändert, mein Vorsprung auf Platz drei ist noch einmal um einige Kilometer angewachsen, mein Rückstand auf Platz eins nahezu unverändert. Die Aussicht auf das Treppchen befeuert meine gute Laune weiter.

Die nächste Stunde über bleiben meine Kilometerzeit meist deutlich unter 6:30, die Gewissheit wächst: Die 166km sind mir sicher. Allerdings spüre ich, dass mein linkes Bein zunehmend ermüdet. Es schmerzt nicht, aber ich merke, dass es deutlich mehr Kraft kostet, es anzuheben als beim Rechten, was mehrfach zu stolpern an den Übergängen zwischen Gehweg und Straße führt.
Inzwischen habe ich 161km abgehackt und noch immer über 2,5 Stunden Zeit. Ich entschließe mich daher, noch eine Pause einzulegen. Fünfzehn Minuten gönne ich mir, neben den Essen schreibe ich eine kurze Nachricht an meine Frau. Als ich wieder aufbreche, fühlen sich die Beine deutlich schwerer und müde an als nach den letzten Pausen. Ich muss jetzt aufpassen und darf es nicht mehr übertreiben.

Die letzten Stunden

Ich lasse mir Zeit, nehme Tempo raus und achte auf mein Bein. Im Augenblick macht es keine Probleme, also trabe ich langsam weiter. Vier Runden später ist es vollbracht: 166,8km stehen auf dem Board und mein drittes und letztes Ziel ist somit erreicht. Noch immer habe ich 1,5 Stunden Zeit, was nun? Einfach absitzen möchte ich die Zeit nicht, die 170 taugen als Ziel nicht, da ich es zu schnell erreichen werden, 180 sind für meine, inzwischen, angegriffene Anatomie zuviel. Statt eines konkreten Kilometerziels entschließe ich mich letztlich dazu, die verbleibende Zeit zu marschieren.

Als ich mein Lager erreiche, schnappe ich mir meine Kamera und beginne noch einmal Fotos aufzunehmen. Dabei komme ich mit dem ein oder andern Läufer ins Gespräch, Aufmunterungen nochmal anzutraben wehre ich mit Verweis auf das Erreichen meiner Ziele ab. Ich habe heute genug physische Gesundheit riskiert.
Die Stimmung auf der Strecke ist gut, fast alle sind jetzt wieder unterwegs, in den Gesichtern ist die Anstrengung der letzten Stunden zu sehen, aber auch die Vorfreude und der Stolz es bald geschafft zu haben. Ich bilde da keine Ausnahme.

Marko Locke, der Führende meiner Altersklasse klatscht mich unterwegs ab „Wir sehen uns auf dem Podest“ grinst er mich an und zieht von dannen, er sieht noch deutlich frischer aus als ich und ich bin heilfroh, das ich mich auf kein direktes Duell mit ihm eingelassen habe.

Am großen Pavillon von „Papas Kriegern“, ein Team, das gleich mit zwei Staffeln am Wettkampf teilnimmt, werde ich spontan zu einem alkoholfreien Bier eingeladen. Warum nicht? Wir unterhalten uns kurz über den Wettkampfverlauf, dann juckt es mir aber in den Füßen und ich setze meine Wanderung fort.

Etwa 45 Minuten vor Schluss wird, im Bereich der Tribüne, ein Tisch aufgebaut und kleine Holztäfelchen, mit den Startnummern darauf, ausgelegt. Die müssen wir, beim Ertönen des Schlusssignals an unserer aktuellen Position ablegen. Sie dienen dazu, die Restmeter auszumessen. Eine Runde marschiere ich noch, dann nehme ich meine Tafel entgegen.

Die letzten Minuten vergehen wie im Fluge. Als die letzte Runde anbricht versammeln sich alle Staffelläufer und ziehen gemeinsam los. „Pappas Krieger“ sind dabei mit großen Flacken bewaffnet, ein lustiger Anblick. Ich selbst verbringe die letzte Runde im Gespräch mit einem Mitläufer der mir von seinen vielen Stundenläufen erzählt, nicht nur 24 Stunden, auch 48 oder 7 Tage Rennen hat er schon absolviert. So gut wie es heute für mich letztlich lief – 24 Stunden reichen mir völlig.

Ein letztes Mal passiere ich die Zeitmessung, 175,2km verkündet der Monitor für mich. Ein letztes Mal gehe ich am Wasserpunkt vorbei, lasse den Spielplatz zurück, ebenso den Wasserturm. Noch immer bleiben ein paar Minuten Zeit. Wir erreichen gerade das Funktionsgebäude, als der Countdown durch die Lautsprecher hallt, dann ein lang gezogener Signalton und es ist vollbracht.

Nach dem Lauf

Im Ablaufplan war die Siegerehrung für 12 Uhr vorgesehen, die Stadiondurchsage bittet uns bereits um 11 zur Ehrung. Das bringt mich in eine Zwickmühle: Duschen vs. Abbauen. Um meinen ganzen Krempel einzupacken, einmal durch das Stadion bis zum Auto zu schleppen, werde ich einige Zeit benötigen. Beides werde ich nicht in einer Stunde schaffen. Letztlich siegt der Wunsch, schneller nach Hause zu kommen und mich ausruhen zu können und ich beginne zunächst mit dem Abbau. Wie erwartet zieht sich dieser, die Kisten sind schnell gepackt aber mit müden Beinen (und Wind) die Tarp Plane einzupacken ist, von außen beobachtet zweifelsfrei amüsant, für mich aber eine ziemliche Schinderei.

Nach 45 Minuten ist alles verstaut, die verbleibende Zeit nutze ich für eine Katzenwäsche dann begebe ich mich zur Tribüne. Ich suche mir einen Platz weit unten und warte. Elf Uhr vergeht ohne das etwas passiert. Nach einer weiteren Viertelstunde entschuldigt sich der Veranstalter und weist darauf hin, dass es noch ein wenig dauert. Inzwischen ist die Sonne weiter gewandert, mein bislang schattiges Plätzchen liegt nun direkt in der Sonne. Ich möchte aufstehen, um weiter nach oben zu gehen doch dabei wird mir sofort schwindelig. Ich setze mich und schnaufe einmal tief durch, dann starte ich einen zweiten Anlauf. Zwei Schritte gelingen, dann dreht sich alles und ohne Vorwarnung klappen mir die Beine unter dem Körper weg. Ich kann mich gerade noch festhalten um ein hartes Aufschlagen zu verhindern.

Sofort sind zwei Helfer zur Stelle die nach mir sehen. Nach kurzer Bestandsaufnahme hilft man mir, in den Schatten zu kommen. Ein weiterer hilfreicher Geist besorgt mir Wasser, Traubenzucker und eine Decke. Wenig später sieht ein Sani nach mir, ist mit meiner Erstversorgung aber anscheinend zufrieden. Inzwischen hat die Siegerehrung begonnen, ich folge der Veranstaltung von oben und hoffe, das ich bis meine Altersklasse an der Reihe ist, wieder halbwegs auf den Beinen bin. Im Schatten wird es rasch besser und der Traubenzucker hilft meinen Kreislauf wieder in Schwung zu kommen. Gut fühle ich mich trotzdem nicht, ich fühle mich schwach und hungrig, im Wind ist mir kalt, bei Windstille warm.

Nach einer Viertelstunde setze ich mich vorsichtig auf, kein Schwindel, keine Übelkeit, ich warte weitere fünf Minuten und gehe Vorsichtig ein paar Ränge hinab, auch das gelingt ohne Probleme.
Schließlich ist meine Altersklasse an der Reihe, wie erwartet, konnte ich mir den zweiten Platz sichern (sowie Platz 6 im Gesamtfeld). Ich brauche für den Weg etwas, bewege mich vorsichtig und mit Bedacht, kann aber letztlich teilnehmen. Als mir Urkunde und Medaille überreicht wird, bleibt einer der Orgas stets in meiner Reichweite. Zum Glück hält mein Kreislauf durch, ich bin trotzdem froh, als ich wieder im Schatten Platz nehmen kann.

Die Siegerehrung endet und mich zieht es zu meinem Auto, ich habe Hunger und lange noch einmal bei meiner Verpflegungskiste zu, das hilft und ich spüre, wie die Kraft zurückkehrt. Etwa 200km liegen vor mir. Die fahre ich nicht am Stück, nach einer guten halben Stunde suche ich mir einen Rastplatz, klappe den Sitz zurück und schlafe. Nicht viel mehr als eine halbe Stunde, doch das genügt bereits für eine deutliche Erholung. Anderthalb Stunden später komme ich sicher zu Hause an.

Fazit zur Veranstaltung

Der 24 Stunden Lauf in Reichenbach fand dieses Jahr bereits zum 30. Mal statt. Entsprechend viel Erfahrung besitzen die Organisatoren, was man dem Ablauf durchaus angemerkt hat, zu keiner Zeit wirkten die Abläufe hektisch oder unstrukturiert.

Alle Gefahren und Stolperstellen waren entweder mit Sprühfarbe markiert oder mit Warnkegel gesichert. Moderation und Musikauswahl empfand ich als gelungen. Zwischenstände wurden regelmäßig veröffentlicht. Die Rundenzählung wurde den ganzen Lauf über ständig kontrolliert. Das wechselnde Verpflegungsangebot empfand ich als angemessen, wobei ich auch davon ausgehen würde, dass jeder Teilnehmer zusätzlich eigene Verpflegung verwendet. Mehrfach habe ich, darüber hinaus, erlebt wie, am Versorgungspunkt, Wünsche entgegengenommen und, sofern möglich, zeitnah erfüllt wurden. (z.B. der Wunsch nach einem bestimmten Tee, der in der nächsten Runde markiert parat stand) Generell wirkten die Helfer am Stand gut ausgelastet aber stets freundlich und hilfsbereit.

Die, durch das THW, eingerichtete Beleuchtung empfand ich als ausreichend, besonders im Bereich des Spielplatzes hätte etwas mehr aber auch nicht geschadet.
Der zusätzliche Wasserpunkt, der durch den örtlichen Wasserversorger zur Verfügung gestellt wurde, wäre vielleicht auf einer 1,2km langen Runde nicht zwingend nötig, habe ich aber dennoch gerne genutzt. Besonders für die dort bereitgestellten Duschen war ich sehr dankbar.

Einziger Kritikpunkt: Es wurden durchwegs Einwegbecher verwendet, auf einem 24 Stunden Lauf kommt da pro Läufer doch einiges zusammen. Mir hätten hier wiederverwendbare Kunststoffbecher, wie z.B. beim 6 Stunden Lauf in Nürnberg, besser gefallen. Allerdings stellt das Einsammeln und Reinigen natürlich eine zusätzliche Belastung für die Helfer dar.
Abschließend möchte ich auf diesen Wege alle Helfern (Veranstalter, THW, Sanitäter, Wasserwerke, Blaskapelle und allen anderen beteiligten) sowie den Sponsoren für ihren Einsatz danken – ohne euch wären solche Veranstaltungen nicht möglich!

Persönliches Fazit

Für mich hat sich diese Veranstaltung, unabhängig vom erlangten Ergebnis, gelohnt, meine wichtigsten Erkenntnisse:

  • Für lange Läufe (ich schätze über 5 Stunden) sollte ich unbedingt auf feste Nahrung setzen und Gels nur als Ergänzung verwenden.
  • Echte Pausen bringen mir deutlich mehr als Gehpausen.
  • Nicht neu aber wieder bestätigt: Sonne und Hitze, ist nicht meine Welt, ich liebe die Nacht und die Dunkelheit. Ich sollte meine Pausen, auf dem Goldsteig, daher auch so planen, dass ich möglichst viel Nacht habe um Strecke zurück zu legen.

Meine Distanzziele konnte ich erreichen, sogar um zehn Kilometer übertreffen. Für die 100 Kilometer in den ersten 12 Stunden hat es nicht ganz gereicht, aber was sind schon vier Minuten bei einem 24 Stunden lauf?

Überrascht hat mich das mir den ganzen Lauf über nicht langweilig wurde, ebenso das mir die zweite Hälfte leichter gefallen ist als die Erste. Hier hätte ich mit mehr psychischen Problemen gerechnet.

Hier und da habe ich Zeit verschenkt, besonders im ersten Viertel. Auf der anderen Seite hat mir mein Körper, gegen Ende, zu verstehen gegeben, das es nun reicht. Viel mehr wäre also so oder so nicht drin gewesen.

Beim Schreiben des Berichts liegt der Lauf nun fast zwei Wochen zurück. Die ersten zwei Tage, nach dem Lauf, konnte ich mich nur mit kleinen Schritten fortbewegen: Das linke Bein, welches mir schon während des Laufs Sorge bereitet hat, fühlte sich lahm an. Nach drei Tagen war das Gefühl verschwunden. Nach fünf Tagen bin ich zum ersten Mal wieder vorsichtig gelaufen, es fühlte sich anstrengender als gewohnt an, ansonsten aber normal und schmerzfrei. Inzwischen befinde ich mich wieder im Trainingsalltag. Dennoch: Meine physische Grenze habe ich in Reichenbach erreicht und auch ein Stück weit überschritten.

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